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18.12.19 12:00
EZB-Geldpolitik bleibt expansiv - Euroraum-Rezession ist im kommenden Jahr kaum vorstellbar

New York (www.anleihencheck.de) - In ihrem neuesten Kommentar erklären Patrick Barbe und Yanick Loirat vom Neuberger Berman Team für europäische Investmentgrade-Anleihen, warum die Konjunkturerholung in Europa unterschätzt wird und weshalb sie Chancen in günstig bewerteten inflationsindexierten europäischen, insbesondere südeuropäischen Anleihen sehen.

Im Euroraum betrage die Inflation heute kaum die Hälfte des Zielwertes von knapp zwei Prozent, woraufhin die Europäische Zentralbank (EZB) jüngst mit der Wiederaufnahme der QE-Programme reagiert habe. Der Hauptunterschied zum ersten Programm sei jedoch die Bekräftigung ihrer so genannten Forward Guidance: Letztlich habe die EZB angekündigt, dass die Wertpapierkäufe fortgesetzt und die Leitzinsen so lange unverändert bleiben würden, bis das Inflationsziel klar und nachhaltig erreicht sei.

Interessant sei dabei, dass viele Volkswirte, Investoren und Kommentatoren das neue Programm nicht "QE2", sondern "QE infinity" nennen würden - denn sie würden bezweifeln, dass die Euroraum-Inflation jemals wieder auf zwei Prozent steige.

Die Experten von Neuberger Berman würden eine höhere Inflation in Europa hingegen für sehr viel wahrscheinlicher halten. Mit Christine Lagarde als Präsidentin scheine ein Konsens im EZB-Rat denkbarer als unter ihrem Vorgänger Mario Draghi - und vielleicht gelinge es ihr auch eher, die Politiker der Euroraum-Länder von einer expansiveren Fiskalpolitik zu überzeugen. In ihrer Antrittsrede vor dem europäischen Parlament habe Lagarde bereits erwähnt, dass Geldpolitik auch "Nebenwirkungen" haben könne. Auch in Deutschland sei eine weitaus lockerere Fiskalpolitik nach dem Führungswechsel der SPD wahrscheinlicher geworden, um so die große Koalition unter der Führung Angela Merkels aufrechtzuhalten.

Hinzu komme, dass viele der Inflationsbremsen im Euroraum heute global zu verzeichnen seien, etwa die unsichere internationale Industriekonjunktur und die Handelskonflikte. Binnenwirtschaftliche Faktoren wie Kreditvergabe und Verbrauchervertrauen seien hingegen stabil - wegen der niedrigen Zinsen und der steigenden Beschäftigung. Da die Unternehmen außerdem ordentlich investieren würden, gebe es im Euroraum nur noch wenig ungenutzte Kapazitäten.

Wenn sich einige der Faktoren, die die Inflation und das Geschäftsklima im Euroraum dämpfen würden, allmählich verbessern würden - etwa durch eine Teileinigung bei den Handelsgesprächen zwischen den USA und China, mehr Klarheit beim Brexit oder eine wirksame expansive Geld- und Fiskalpolitik in China - könnten 2020 nicht nur Unternehmensinvestitionen und die Staatsausgaben steigen, sondern auch die Inflation.

Die Marktteilnehmer könnten dann durchaus erkennen, wie sehr die Inflationserwartungen im Euroraum zurückgegangen seien.

In ganz Europa sei die auf fünf Jahre erwartete Fünfjahres-Break-even-Inflation ("5Y5Y") im Sommer und Herbst 2019 so niedrig gewesen wie nie zuvor und sei seither kaum gestiegen. Für 2020 und 2021 werde eine Kerninflation zwischen 1,2 und 1,3 Prozent prognostiziert. Die Finanzmärkte würden die Break-even-Inflation mit knapp über 0,6 Prozent bewerten. Hierfür gebe es keinen überzeugenden technischen Grund, denn im letzten Quartal 2019 habe sich das Angebot an inflationsindexierten Anleihen in Grenzen gehalten.

Französische inflationsgebundene Anleihen (OATi) erscheinen relativ attraktiv bewertet, doch passend zu unserer generellen Vorliebe für günstig bewertete südeuropäische Titel sehen wir einige der interessantesten Chancen in Italien, so die Experten von Neuberger Berman.

Der Nennwert der italienischen inflationsgebundenen Anleihe, der so genannten BTPs Italia, passe sich alle sechs Monate an Veränderungen der italienischen Inflationsrate an. Bei einer Deflation würden sich die Coupons nach dem nominalen Nennwert richten, sodass es selbst dann eine Wertuntergrenze gebe, wenn auf sechs Monate Deflation sechs Monate Inflation folgen würden: Investoren würden also von der kumulierten tatsächlichen Inflation profitieren. Dennoch seien diese Anleihen seit Jahresbeginn - ohne Hilfe durch Quantitative Easing - zu Kursen gehandelt worden, die eine Break-even-Inflation nahe null implizieren würden. Dieser Ausblick für die zukünftige italienische Inflation erscheine den Experten von Neuberger Berman jedoch recht pessimistisch.

Da die Geldpolitik expansiv bleibe und sich die Wirtschaft ihrer Kapazitätsgrenze nähere, würden die Experten von Neuberger Berman eine Euroraum-Rezession im kommenden Jahr für kaum vorstellbar halten. Ein Risikofaktor sei allerdings die Politik; man denke an die bevorstehenden Handelsgespräche nach dem Brexit oder die Verhandlungen zwischen den USA und China. Vor diesem Hintergrund sähen die Experten von Neuberger Berman Wertsteigerungsmöglichkeiten in einigen südeuropäischen Staatsanleihen, Credits und inflationsgebundene Anleihen. Besonders interessant seien Anleihen, die beide Aspekte kombinieren würden - südeuropäische Staatsanleihen, die zugleich inflationsindexiert seien, wie die BTPs Italia. (18.12.2019/alc/a/a)



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