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27.11.19 13:00
Vielfältige Facetten des Risikos - Worauf Anleihe-Investoren achten sollten

London (www.anleihencheck.de) - Das Anlagerisiko bei Anleihen liegt in der Bereitschaft und der Fähigkeit der Emittenten, die Schulden zurückzuzahlen, sagt Lidia Treiber, Director bei Research bei WisdomTree.

Je nachdem, welche Anlageklasse in der Anleihe abgebildet werde, sei das Ausfallrisiko einer Anleihe unterschiedlich zu bewerten.

Um die Fähigkeit zur Schuldentilgung bei Emerging Market Sovereign Bonds (EM Sov) einschätzen zu können, seien grundlegende Aspekte eines Landes zu berücksichtigen: Ein starkes Wirtschaftswachstum, eine stabile Währung, die Ertragsfähigkeit (d.h. operative Steuereinnahmen), Schuldenlast und verbesserte demografische Merkmale.

Die Bereitschaft eines Schwellenlands zur Schuldentilgung hänge unmittelbar mit der Staatsführung bzw. dem bestehenden politischen System zusammen. Es sei durchaus möglich, dass eine Regierung beschließe, ihre Schulden nicht zurückzuzahlen, auch wenn sie aus fundamentaler Sicht dazu in der Lage sei. Das politische Risiko dürfe bei der Betrachtung der Exposition in Schwellenländer nicht außer Acht gelassen werden und schlage sich normalerweise in den Bewertungen der Ratingagenturen nieder.

Bei Engagements in Schwellenländer-Staatsanleihen in Landeswährung müssten Anleihegläubiger zudem mit Abwertungsrisiken umgehen. Die Regierung eines Schwellenlandes könne die landeseigene Währung abwerten und dabei technisch kein Ausfall- oder Kreditereignis generieren. Dies sollten Anleger berücksichtigen, wenn sie das Risiko-Ertrags-Verhältnis zwischen Schwellenländer-Staatsanleihen und anderen festverzinslichen Risikoaktiva vergleichen.

Emittenten, die von den Ratingagenturen als hochverzinslich eingestuft würden, würden diese Bewertung ebenfalls in Anlehnung an die mit den Anleiheinhabern vereinbarte Fähigkeit und Bereitschaft erhalten, Zinsen und Kapitalbetrag zurückzuzahlen. Emittenten, bei denen ein Ausfallrisiko in Bezug auf Zins- oder Tilgungszahlungen bestehe, würden ein High Yield bzw. Non-Investment Grade Rating erhalten. Um Investoren für den Kauf ihrer Emission zu gewinnen, würden Emittenten dann in der Regel einen höheren Kupon als Emittenten mit Investment Grade-Rating zahlen. Eine Anleihe gelte als Non-Investment-Grade-Anleihe, wenn ihre Bonität von Standard & Poor's und Fitch unter BBB- und von Moody's unter Baa3 liege.

Die Ausfallraten für Emittenten mit hohen Renditen würden in der Regel steigen, wenn das Marktumfeld negativ sei. Dies erzeuge Druck auf die Emittenten, wie dies während der Finanzkrise 2008 der Fall gewesen sei. Das Risiko werde in der Regel neu bewertet und der von Investoren erwartete optionsbereinigte Credit Spread (OAS) könne erheblich steigen, wie es am amerikanischen High Yield Markt, unter Berücksichtigung des hier als Referenz geltenden ICE BofAML US-High Yield Master II OAS-Index (US HY-Index), der Fall gewesen sei. Der US-High Yield-Index habe im November 2008 einen Höchststand von fast 2.000 Basispunkten über US-Staatsanleihen erreicht. Derzeit - per 31. Oktober 2019 - liege er bei rund 398 Basispunkten.

Wandelanleihen, so genannte Convertibles, seien ebenfalls festverzinsliche Schuldtitel von Aktiengesellschaften. Der Emittent schütte Zinsen aus, könne die Anleihe aber in eine vorgegebene Anzahl an Stammaktien oder Aktien umwandeln. Die Umstellung von einer Anleihe auf eine Aktie könne entsprechend des Anleiheprospekts zu bestimmten Zeiten erfolgen und liege normalerweise im Ermessen des Anleiheinhabers.

Aus Sicht der Emittenten bestehe der Vorteil der Emission von Wandelschuldverschreibungen darin, dass der Emittent die Schuldverschreibungen in vielen Fällen zu einem niedrigeren Kupon anbieten könne, als dies bei einer Anleihe ohne Wandelschuldverschreibung der Fall wäre. Der Anleiheinhaber könne die Anleihen in Aktien umwandeln und damit potenziell von dem damit verbundenen Aufwärtspotenzial profitieren. Typischerweise sinke die Rendite je höher der Wert der Umwandlungseigenschaft sei.

Unter Bonitätsgesichtspunkten handle es sich bei mehr als 50 Prozent der Wandelanleiheemissionen um Anleihen ohne Rating, wobei die andere Hälfte hauptsächlich zwischen High-Yield- und Investment-Grade-Anleihen beinhalte. Wandelanleihen würden in der Regel von Unternehmen mit niedriger Bonität und hohem erwarteten Wachstum ausgegeben. Tesla Motors beispielsweise habe bereits 2014 eine große Anzahl an Wandelschuldverschreibungen emittiert. Damals hätten sie nur geringe bis negative Gewinne ausgewiesen und Anlegern niedrigere Kupons anbieten können als es mit festverzinslichen Anleihen zum gleichen Zeitpunkt möglich gewesen wäre. Die Kuponzahlung für ihre Wandelschuldverschreibungen habe zwischen 25 und 125 Basispunkten gelegen, weit unter dem Niveau, das sie mit anderen Anleihen aufgrund ihrer damals schwachen Fundamentaldaten erreicht hätten.

Additional-Tier-1-Convertible Bonds hätten sich als Anlageklasse nach der Finanzkrise von 2008 entwickelt mit dem Ziel, das Systemrisiko im globalen Bankensystem zu verringern. Die so genannten AT1-CoCos würden in der Regel von europäischen Banken ausgegeben, um ihre Kapitalbeschaffung aufgrund der nach der Finanzkrise strengeren Basel-III-Kapitalanforderungen zu stärken.

Innerhalb der Kapitalstruktur einer Bank würden AT1-CoCo-Anleihen zu den Nachranganleihen gehören. Diese würden als Hybrid-Instrumente gelten, die unter bestimmten Bedingungen (Auslöser) in Aktien umgewandelt oder abgeschrieben werden könnten. Wichtig zu wissen sei hierbei, dass die Wandlung oder Abschreibung zu einem Zeitpunkt erfolge, der eher für den Emittenten günstiger sei als für Anleger. Deshalb sei auch ein Renditeaufschlag erforderlich, damit das Risiko-Rendite-Profil überhaupt attraktiv sei.

Anleger von AT1-CoCos würden dazu tendieren, die Fundamentaldaten der Emittenten zu analysieren, wenn sie das Instrument erwägen würden. Banken mit starken Fundamentaldaten und Kapitalreserven würden in der Regel weniger dazu neigen, den Einsatz des Konvertierungsmechanismus zu fordern. Der Benchmark für die Anlageklasse, der Contingent Convertible Liquid Developed Europe AT1-Index von iBoxx, bestehe größtenteils aus Schuldtiteln großer europäischer Banken, deren vorrangige Anleihen derzeit ein Rating bei "Investment Grade" aufweisen würden. Insbesondere 24 Prozent des Index würden sich aus Anleihen zusammensetzen, die von den Ratingagenturen mit BBB bewertet und von global systemrelevanten Banken (GSIBs) begeben worden seien.

Generell hätten AT1-CoCos emittierende europäische Banken von einer Verbesserung ihrer Fundamentaldaten mit Rating-Upgrades um fast 36 Prozent im Jahr 2017, 30,2 Prozent im Jahr 2018 und bereits 9,3 Prozent im Jahr 2019 profitiert. Dies spiegele einen positiven Trend für das Segment der europäischen Banken wider, da die Anzahl der Upgrades die der Downgrades in den letzten drei Jahren übertroffen habe. Der langfristige S&P-Ausblick für das Jahr 2019 für die Stichprobe der europäischen Banken, die AT1 CoCos emittieren würden, zeige, dass der Sektor im Jahr 2019 weitgehend stabil sei. 33 Banken hätten eine stabile Prognose, sieben Banken eine positive und nur sechs Banken eine negative Prognose aufgewiesen. Das durchschnittliche Rating der AT1-Cocos emittierenden europäischen Banken betrage Ende September 2019 A-.

Während alle Anleiheinstrumente unterschiedliche Renditeprofile bieten würden, sei die Korrelationsmatrix dieser Risiko-Exposures gleichfalls erwähnenswert. Es sei zu erkennen, dass ein breit gefächertes Engagement in Risikoaktiva innerhalb von Anleihen von Vorteil sei. Das sei insbesondere dann der Fall, wenn die Aktiva nicht perfekt korrelieren würden und eine Diversifizierung dazu beitragen könne, das potenzielle Risiko-Ertragsprofil von Anlegerportfolios bei unterschiedlichen wirtschaftlichen Ergebnissen zu verbessern. (27.11.2019/alc/a/a)


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