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20.09.19 11:00
Anleger bewegen sich aus sicheren Häfen heraus - Trendwende an den Märkten schützt aber nicht vor Rezession

New York (www.anleihencheck.de) - Seit Ende August stiegen Bankwerte um mehr als 10 Prozent, so die Experten von Neuberger Berman.

Positive konjunkturelle und weltpolitische Nachrichten, wie die neu angesetzten Handelsgespräche zwischen den USA und China, würden aktuell dafür sorgen, dass sich Anleger wieder aus ihren sicheren Häfen herausbewegen würden.

In seinem neuesten Kommentar erläutere Erik Knutzen, CIO Multi-Asset Class bei Neuberger Berman, ob die düsteren Trends an den Märkten wirklich vorbei seien und warum eine Rezession dennoch noch immer wahrscheinlicher sei, als noch vor drei oder sechs Monaten.

Wenn die heutigen Prognose hießen, dass die Aktienmärkte im dritten Quartal leicht gestiegen seien, wäre das keine besonders spannende Nachricht. Aber was, wenn man feststellte, dass Bankaktien seit Ende August um 10 Prozent zulegten? Oder dass die Momentum-Indices, in denen die Aktien mit der zuletzt besten Performance am stärksten gewichtet seien, letzte Woche so stark eingebrochen seien wie seit der Finanzkrise nicht mehr?

Auf Marktebene gleicht sich nun alles aus, doch in den letzten Tagen kam es zu bemerkenswerten Trendwenden: Manches, was bislang sicher schien, galt plötzlich nicht mehr, so die Experten von Neuberger Berman. Zu den Trends gehörten etwa die relative Performance von Large Caps gegenüber Small Caps, Investitionen in defensive statt zyklischer Sektoren sowie Titeln mit niedrigem Beta gegenüber Titeln mit hohem Beta. In ihrem letzten Asset Allocation Outlook für das dritte Quartal 2019 seien die Experten von Neuberger Berman schon davon ausgegangen, dass die Zeit reif sein könnte für eine Wende. Diesen Monat sei es dann soweit gewesen.

Seien Momentum-Anleger auf dem falschen Fuß erwischt worden und hätten Short-Positionen abdecken müssen? Oder sei es ein Anzeichen dafür, dass sich Investoren weniger Sorgen um die Wirtschaft machen würden?

Als Beweis für das "Momentum-Massaker" genüge einen Blick auf die Mindererträge der Wachstumsaktien (Growth-Aktien) gegenüber den Substanzwerten (Value-Aktien) seit Monatsanfang. Sie seien so hoch gewesen wie seit zehn Jahren nicht mehr, nachdem Wachstumstitel zuvor lange dominiert hätten. Defensive Aktien wie Immobilien- und Versorgerwerte hätten ihren Platz mit zyklischen Aktien getauscht, ebenso wie Small Caps mit Large Caps. Auch japanische Aktien hätten das ganze Jahr deutlich hinter amerikanischen gelegen, doch im September hätten sie US-Titel hinter sich gelassen.

Diese Verlagerungen würden sich recht einfach erklären lassen. Investoren würden mehr für Wachstumsaktien zahlen, wenn sie einen allgemeinen Konjunkturabschwung erwarten würden. Sie würden auch mehr für Titel mit stetigen laufenden Erträgen zahlen, also defensive Aktien, wenn sie fürchten würden, dass ein Abschwung die Anleiherenditen drücke. Wenn sich solche Markttrends umkehren würden, könnte dies bedeuten, dass mehr Wachstum, eine höhere Inflation und geringere weltpolitische Risiken erwartet würden.

Ermutigend sei, dass an den Anleihemärkten Ähnliches zu beobachten sei. Zu Monatsbeginn habe man den größten Ausverkauf von US-Staatsanleihen seit drei Jahren erlebt. Letzten Monat hätten sich Investoren noch große Sorgen gemacht, weil die Zinsstrukturkurve zwischen zwei und zehn Jahren invers gewesen sei. Doch jetzt sei sie wieder positiv und die Rendite 30-jähriger deutscher Staatsanleihen, seit Anfang August negativ, sei letzte Woche wieder über null gestiegen.

Die konjunkturellen und weltpolitischen Nachrichten dürften zuletzt zwar etwas besser geworden sein. Dennoch würden sich die Experten von Neuberger Berman fragen, ob das wirklich diese überraschende Trendwende an den Märkten rechtfertige.

Sicher - zwischen den USA und China seien neue Handelsgespräche angesetzt, die geplanten neuen Zölle seien ausgesetzt worden und der Brexit könnte erneut verschoben werden. Dennoch würden die wichtigsten Probleme im Zusammenhang mit diesen Risiken ungelöst bleiben.

Die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten seien bestenfalls mäßig gewesen, auch wenn mehr Arbeitsplätze geschaffen worden seien und das Lohnwachstum positiv überrascht habe. Beides spreche für eine steigende Inflation; und sowohl die USA als auch China hätten letzte Woche über eine überraschend hohe Teuerung berichtet.

Trotz der offensichtlichen Krise des Verarbeitenden Gewerbes weltweit würden sich die Composite-PMIs, also die Einkaufmanager-Indices, allmählich stabilisieren. Und es seien mehr Konjunkturmaßnahmen geplant.

Die People's Bank of China habe gerade eine weitere Zinssenkung zu den bereits in diesem Jahr umgesetzten Maßnahmen vorgenommen. Auch die Europäische Zentralbank habe die Zinsen gesenkt, sei erneut mit ihrem Kaufprogramm von Wertpapieren gestartet, habe Maßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen der Negativzinsen auf den Bankensektor abzumildern, und Hinweise auf eine anhaltende Niedrigzinspolitik gegeben. In Deutschland sei sogar von einem "Schattenhaushalt" die Rede gewesen, mit Ausgaben für Infrastruktur und Klimaschutz, um die strengen Haushaltsregeln zu umgehen.

Doch damit die neuen Markttrends von Dauer sein könnten, brauche es mehr. Zwei Wochen würden noch keine Erholung machen und eine Rezession sei noch immer wahrscheinlicher als vor drei oder sechs Monaten. Anleger scheinen aber erkannt zu haben, dass eine weiche Landung jetzt wahrscheinlicher ist, als sie im Sommer mit seinen illiquiden Märkten fürchteten, so die Experten von Neuberger Berman. Wie auch immer die Daten in den nächsten Monaten ausfallen würden: Die jüngsten Trendwenden würden zeigen, dass langfristige Anleger immer an extreme Entwicklungen in Bezug auf Dynamik, Bewertung und Marktkonsens denken müssten. (Ausgabe vom 19.09.2019) (20.09.2019/alc/a/a)


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