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15.08.19 15:27
Argentinien: Die Märkte sind zu weit gegangen

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Fast alle argentinischen Staatsanleihen handeln mittlerweile zwischen 40 und 50 Cent pro Dollar, so Luc D'hooge, Head of Emerging Markets Debt bei Vontobel Asset Management.

Das deute darauf hin, dass diejenigen, die jetzt verkaufen würden, einen Zahlungsausfall als unvermeidlich und unmittelbar bevorstehend ansehen und weit unterdurchschnittliche Recovery Rates erwarten würden. Nach Meinung der Experten würden die derzeitigen Anleihekurse jedoch kein objektives Bild der Situation zeigen. Die Tatsache, dass Anleihen wahllos auf der ganzen Linie in mehr oder weniger der gleichen Größenordnung gefallen seien, deute auf einen ineffizienten und panischen Markt hin - genau die Art von Markt, die die Experten verstehen und gut kennen würden.

Im Bereich Lokalwährungsanleihen erscheinen inflationsgeschützte Anleihen attraktiv, da sie derzeit eine hohe Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen und/oder Kapitalkontrollen einpreisen und den Anleger vor Inflation schützen, so die Experten von Vontobel Asset Management. Die Experten würden jedoch glauben, dass Argentinien wenig Interesse daran haben werde, seinen Zahlungsverpflichtungen in Lokalwährung nicht nachzukommen. Die lokalen inflationsgeschützten Anleihen würden hauptsächlich von der staatlichen Sozialversicherungsinstitution (ANSES) und den lokalen Banken gehalten. Es gebe keinen Grund für die Regierung, ihrer eigenen Investorenbasis zu schaden. Darüber hinaus sollte der Inflationsschutz den größten Teil der zukünftigen Währungsabwertung kompensieren, da zu erwarten sei, dass diese sich maßgeblich auf die Inflation niederschlage.

Die Auswirkungen auf Unternehmen in Argentinien seien ungewiss, allerdings nicht entmutigend. Genauso wie Staatsanleihen seien auch Unternehmensanleihen gefallen, jedoch weniger stark, sodass sie Staatsanleihen bisher noch hätten outperformen können. Für die weitere Entwicklung seien die folgenden Punkte zu beachten:

1. Die meisten argentinischen Unternehmen würden nur einen geringen Verschuldungsgrad aufweisen. Zum einen, weil sie bis 2015 vom Kapitalmarkt ausgeschlossen gewesen seien, zum anderen, weil sie sich davor hüten würden, sich Schulden aufzuladen. Es gebe also keinen trifftigen Grund für einen Zahlungsausfall, es sei denn, es erfolge eine Entscheidung auf Regierungsebene (z.B. zur Einführung von Kapitalkontrollen).

2. Eine Ausnahme davon würden die Versorgungsunternehmen bilden. Sie hätten zwar mehr Schulden als argentinische Unternehmen im Allgemeinen. Die Experten würden jedoch wenig Grund für die Regierung sehen, die Verträge der Stromerzeuger nicht zu bedienen. Das Negativbeispiel Venezuelas mit sozialen Unruhen aufgrund eines Mangels an essentiellen Gütern und Dienstleistungen werde dies sicherstellen. Das Tempo und Ausmaß der Neubewertung argentinischer Anleihen (einschließlich Unternehmensanleihen) sei nach Wissen der Experten beispiellos, sodass die Venezuela-Analogie verständlich sei. Die Experten würden allerdings glauben, dass die Märkte etwas zu weit gegangen seien. Um es deutlich zu sagen: Argentinien sei nicht Venezuela.

3. Die meisten Eurobond-Emittenten seien seit vielen Jahren im Geschäft, einige von ihnen seit mehreren Jahrzehnten, und sie hätten die vielen wirtschaftlichen Herausforderungen, denen Argentinien in der Vergangenheit gegenübergestanden habe, gemeistert. Sie würden immer noch existieren und sie immer noch Geschäfte machen. Nach Ansicht der Experten dürften viele große Unternehmen, wie in anderen Schwellenländern auch, einen konfliktfreien Ansatz gegenüber jeder neuen Regierung verfolgen und dafür einen angemessenen Schutz erhalten (z.B. Branchenregulierung / Aufsicht). Mit anderen Worten: Eine von oben nach unten gerichtete disruptive Politik für bestimmte Sektoren sei aus Sicht der Experten unwahrscheinlich. (15.08.2019/alc/a/a)


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