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Herabstufungen durch S&P stellen keine Überraschung dar


19.01.12 13:48
ING Investment Management

Den Haag (anleihencheck.de) - Am vergangenen Freitag, dem 13. Januar, senkte S&P die Ratings für neun Länder des Euroraums, so Erwin Houkes, Portfolio Specialist Core Fixed Income von ING Investment Management.

Die Langfristratings für Italien, Spanien, Portugal und Zypern seien jeweils um zwei Stufen und diejenigen für Frankreich, Österreich, die Slowakische Republik, Slowenien und Malta um jeweils eine Stufe zurückgestuft worden. Dies sei insofern nicht überraschend gewesen, als S&P die entsprechenden Länder bereits Anfang Dezember 2011 auf seine Watchliste gesetzt habe. Der Markt habe bereits relativ hohe Risikoaufschläge für Anleihen dieser Länder verlangt, und man könne angesichts der begrenzten Marktreaktion davon ausgehen, dass die Herabstufungen eingepreist gewesen seien.

Positiv sei zu vermerken, dass die Ratings für sieben Länder trotz der Warnung vor einer Herabstufung im Dezember unverändert geblieben seien. Die Ratings für Deutschland, die Niederlande, Belgien, Irland, Finnland, Estland und Luxemburg seien noch dieselben wie zuvor.

Die Einschätzungen des Core Fixed Income-Teams von ING Investment Management zu Euro-Staatsanleihen hätten sich aufgrund der Ratingherabstufungen durch S&P nicht geändert, weil diese Schritte bereits eingepreist gewesen seien. Bei den Core Fixed Income-Strategien würden die Experten weiterhin auf Flattener für Frankreich und Italien (zweijährige Duration unter- und zehnjährige Duration übergewichten) und auf Steepener für Deutschland setzen. Diese Positionierung sei auf Sicherheit ausgelegt und sollte die Performance stützen, wenn sich die Lage verschärfe. In Bezug auf andere Euro-Staatsanleihen würden die Experten bei ihrer neutralen Position bleiben.

Die Experten würden aus den folgenden Gründen vorsichtig bleiben:

Die führenden Politiker in Europa würden sich derzeit auf staatliche Sparmaßnahmen konzentrieren, was das Wachstum dämpfe. Der Euroraum benötige jedoch dringend Wirtschaftswachstum, um die Krise durch Wachstum überwinden zu können.

Das Volumen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) sei immer noch zu gering, um den Märkten Vertrauen einzuflößen.

Es sei immer noch keine Entscheidung über eine Umschuldung von Griechenlands Staatsschulden getroffen worden. Am 20. März 2012 werde ein umfangreiches Volumen an griechischen Staatsanleihen fällig.

Die EZB stelle inzwischen Liquidität für die Banken bereit, die zum Teil zum Kauf von Euro-Staatsanleihen verwendet werde. Aber die EZB habe immer noch nicht klargestellt, ob sie im großen Stil Staatsanleihen kaufen wolle, um das Vertrauen an den Märkten wiederherzustellen.

In ihrem Basisszenario würden die Experten davon ausgehen, dass das Vertrauen der Märkte in der zweiten Jahreshälfte 2012 allmählich wiederhergestellt werde. Es seien jedoch weitere europäische Gipfeltreffen notwendig. Unter anderem müssten noch folgende Fragen geklärt werden: Wie könnten Sparmaßnahmen umgesetzt werden, wenn gleichzeitig die Konjunktur stimuliert werden müsse? Wie könnten die Unterschiede zwischen den Zahlungsbilanzsalden der einzelnen Länder des Euroraums allmählich ausgeglichen werden? Grob gesagt würden die nordeuropäischen Länder Zahlungsbilanzüberschüsse und die südeuropäischen Zahlungsbilanzdefizite aufweisen. In einigen Ländern müssten Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ergriffen werden.

Ein weiteres, anhaltendes Problem bestehe darin, dass das Volumen der Rettungsfonds EFSF und ESM, die Mitte 2012 zusammengelegt werden sollten, wahrscheinlich immer noch zu gering sei, um die Märkte von vornherein davon zu überzeugen, dass es sich nicht lohne, gegen eines oder mehrere Länder zu spekulieren.

Die Rolle der EZB sei immer noch nicht hinreichend klar. Dies trage derzeit zur Anfälligkeit der Währungsunion bei. Wenn die führenden europäischen Politiker beschlössen, im Zuge einer weiteren fiskalpolitischen Integration Eurobonds zu begeben, wäre es für die EZB leichter, als Kreditgeberin letzter Instanz für die Staaten zu fungieren. Dieses Stadium sei jedoch noch nicht erreicht.

In der derzeitigen, unsicheren Situation sei nach Erachten der Experten keine strukturelle Erholung des Marktvertrauens zu erwarten. Dementsprechend bleibe der Euroraum anfällig. Dies habe einerseits damit zu tun, dass die auf den Gipfeln beschlossenen Maßnahmen von den nationalen Regierungen noch umgesetzt werden müssten. Die Umsetzung könne häufig zu Unsicherheiten führen. Andererseits sei die Anfälligkeit auf die oben erwähnten Probleme zurückzuführen, die bisher noch nicht wirksam angegangen worden seien. (19.01.2012/alc/m/a)