Besonders dreist trieb es gerade die Beteiligungsgesellschaft Vegas77. Das Unternehmen (Eigenwerbung: „Fleiß ist die Mutter des Glücks“) kündigte kurz nach dem Listing im März eine Kapitalerhöhung an. Man wolle über 35 Millionen Euro einsammeln, sagte Vegas77-Chef Abraham Joy. Nahezu zeitgleich wurde die Aktie massiv in dubiosen Börsenbriefen wie „Swiss Money Report“ (SMR) mit absurden Kurszielen von 65 Euro beworben. Doch Vegas77 ist eine Ein-Mann-Veranstaltung und der Chef wohl eher eine Heißluftmaschine.
Wo denn der Sitz des Unternehmens sei, wollten wir Anfang Mai von ihm wissen. „Ich kann Ihnen nur die Postleitzahl sagen“, so Joy. „Die Postleitzahl? Aber Sie müssen als CEO doch wissen, wo ihr Unternehmen seinen Sitz hat?“ Joy: „Äh ja, warten Sie: in Freigericht“. „In welchem Bundesland liegt das?“ Joy: „In Hessen, in der Nähe von Hanau. Ich hab’s eben gegoogelt.“ Nach massiven Anlegerbeschwerden hat die Bafin eine Voruntersuchung eingeleitet. Inzwischen ist die geplante Kapitalerhöhung wohl abgeblasen. Die Aktien sind nach dem Hoch bei 37 Euro auf dem Weg zum Pennystock.
Die Autoren von „Swiss Money Report“ lassen sich davon nicht beirren. Nach Vegas77 bläst die Pusher-Postille jetzt zum Einstieg bei Gas Corporate Jets und verheißt Anlegern einen „Extra-Gewinn-Quickie“. Das Vokabular bei Empfehlungen für andere Klitschen ist von ähnlicher Anmut. Derzeit preisen die Drückerkolonnen um SMR, Stern-Trader und Co hemmungslos Werte wie Spectral Capital, Global Aviation Syndicate oder Fortune Management Inc. an – allesamt Firmchen mit fragwürdigen Geschäftsmodellen.
Die Gewinnaussichten für die Hintermänner sind gigantisch. „50 Millionen Euro Gewinn sind locker drin“, sagt Florian Weber, Vorstand beim Düsseldorfer Börsenmakler Schnigge. Schließlich würden viele der dubiosen Gesellschaften mit Minibeträgen und noch kleineren Aktienstückelungen gegründet. „Wenn Sie beispielsweise 100 000 Schweizer Franken Grundkapital auf Aktien im Nennwert von einem Rappen aufteilen, sind das zehn Millionen Aktien. Wenn man den Kurs auf fünf Euro kriegt, macht das 50 Millionen Euro“, rechnet der erfahrene Händler vor.
Die Pushing-Maschine ist gut geölt. „Da gibt es mafiöse Strukturen“, sagt Weber. Häufig erhielten die Börsenbrief-Schreiber zum Listing selbst Anteile. „Das kostet die Gesellschaften praktisch nichts. Wenn der Kurs ordentlich gestiegen ist, stopfen sich Alteigentümer und Börsenbrief-Schreiber die Taschen voll, während Privatanleger Riesenverluste erleiden“, warnt Weber.
Vor allem im Freiverkehr ist die Kaufen-Trommeln-Abkassieren-Masche beliebt. 2010 hat die Bafin 116 förmliche Verfahren wegen des Verdachts der Marktmanipulation eingeleitet, rund 90 Prozent davon bei Werten aus dem Freiverkehr.
Die Zulassungshürden seien da wohl zu niedrig, heißt es bei der Bafin freimütig. Kapitalmarktexperten sehen das ähnlich. „Im Freiverkehr gelten die strengen Vorschriften des Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetzes nicht“, sagt Thorsten Kuthe, Rechtsanwalt mit Tätigkeitsschwerpunkt Bank und Kapitalmarktrecht in der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Mit anderen Worten: Anlegerschutz von Amts wegen – wie im geregelten Markt – ist im Freiverkehr nicht gegeben.
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