2005 brachte die Post in England Christliches - und verärgerte die Hindus, weil sie ein Paar mit Hindu-Zeichen abbildete, das Jesus anbetet. Auch die Post hat es nicht leicht mit der Multikulturalität.Wie die ganze britische Gesellschaft. Ihre Mitglieder sind auf allen Ebenen bestrebt, sich politisch korrekt zu verhalten, gleichzeitig alle Bevölkerungsschichten einzubeziehen, ohne jemanden zu verletzen. So schickt man «Season's Greetings» statt «Merry Christmas»; im privaten Fernsehsender Channel 4 soll dieses Jahr eine Muslimin im Niqab (verschleiert bis auf die Augen) die Weihnachtsansprache halten. Und eine Umfrage der Anwaltskanzlei Peninsula ergab, dass 75 Prozent der Betriebe auf Weihnachtsdekoration verzichten würden, um Andersgläubige nicht zu verletzen. Auch gaben 80 Prozent an, keine Weihnachtspartys zu veranstalten - weil sie nach dem Besäufnis Klagen wegen sexueller und anderer Übergriffe fürchteten.Auffallend ist, dass sich der Tonfall der Debatte um die Multikulturalität verschärft hat. Vermehrt sind fremdenfeindliche Äusserungen zu vernehmen, man hört aber auch häufiger von merkwürdigen Anbiederungen an andere Kulturen. Am Freitag forderte Tony Blair in einer Rede zur vermehrten Integration auf: «Recht auf Unterschied, Pflicht zu Integration. Das bedeutet Britisch- Sein.» Und weder Rassisten noch Extremisten sollten dies zerstören dürfen.
Der Riss in der multikulturellen britischen Gesellschaft wurde durch die Bombenattentate vom vorletzten Sommer offenbar, die Debatte um Toleranz und Integration wurde vor allem durch Parlamentsminister Jack Straws Kritik an der totalen Verschleierung angetreten. Denn bis vor einigen Monaten war - und das gilt auch im privaten Gespräch - jede Äusserung über eine andere Kultur wie auch über Andersartigkeit auf die Waagschale gelegt worden. Es galt sogar als ungehörig, Unterschiede auch nur zu benennen. Die Bemühung um politische Korrektheit hat, wie die Beispiele zeigen, seltsame Blüten hervorgebracht, aber auch seltsame Kämpfer auf den Plan gerufen. Das scheint indes erst der Anfang zu sein. Sankt Nikolaus wird noch einiges zu hören bekommen.www.nzz.ch |