Der von Dir an eine Wissenschaft zugeschriebene "Zweck" ist schön und gut, aber er muss - neben seiner Auslegungsbedürftigkeit - als verzerrender Einfluss auf den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn erkannt werden. In den Wirtschaftswissenschaften geht es darum die Wirkung den aufgebrachten Mitteln gegenüberzustellen. Diese Betrachtungen sollen und müssen betont nüchtern ausfallen. Das Trennen von Moral und Wissenschaft ist notwendig, weil es erst die Perspektive zulässt zu einem gewünschten Zweck rational zu handeln. Denn rationales Handeln setzte eine möglichst unverfälscht von Wunschdenken gewonnene Entscheidungsgrundlage voraus.
Nehmen wir mal obiges Beispiel von Posting #643, wo ich geschrieben hatte, dass Einwanderung offenbar Auswirkungen auf die Krankenkassenbeiträge hat. Da steht keine politische Forderung dabei. Trotzdem kommt dann so ein Satz wie "eure Humanität ist ein Misthaufen" von Dir, der auf eine allzu emotionale Haltung hinweist, die der Wissenschaft ganz abträglich ist. Dir wäre es wohl lieber solche Schattenseiten der Einwanderung totzuschweigen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dein "Zweck" verfinstert die Gelegenheit zur Erkenntnis.
Was die Atombombe angeht: Da Du ja selber die (konventionellen) Bombenangriffe auf deutsche Wohngebiete (mit all den vom Angreifer gewollten toten Zivilisten) als "Strafe Gottes" befürwortest, stelle ich Dir eine Ablehnung des Einsatzes von Atomwaffen in Abrede (ganz zu schweigen von Humanismus).
Die Atombombe wurde von US-Politikern gegen Japaner eingesetzt. Natürlich sollten politische Akteure sich jederzeit mit Moral auseinandersetzen. Für die Physik als Wissenschaft spielen moralische Maßstäbe jedoch keine Rolle, dürfen es nicht, weil sie den Blick auf den Forschungsgegenstand versperren. Das heißt nicht, dass ein Wissenschafter keine moralische Person sein soll (oder sich keine Gedanken über die praktischen Folgen des Weiterreichens von Wissen an Entscheidungsträger machen muss), aber wenn es um sein Wissensgebiet geht, hat Moral genau keinen Platz. Was wäre ein Zoologe, der uns die ganze Zeit vorjammert, wie gemein Erpel ihre weiblichen Artgenossen vergewaltigen und wie schlimm das alles ist?
Anstatt den Fehler zu begehen, wissenschaftliche Forschungsgebiete moralisch zu betrachten, sollte man die Moral mit wissenschaftlichem Anspruch betrachten. Es wundert mich nicht, dass Du den ehrwürdigen Humanismus in die kitschigere Humanität abgewandelt hast, da Humanismus einen Aufruf an den Einzelnen beinhaltet, sich selber zu bewegen und frei zu machen. Humanität impliziert (und festigt?) ein soziales Gefälle. Almosen an andere zu verteilen ist vielleicht "humanitäre Hilfe", aber selten Humanismus. In der Sozialhilfe wird der Mensch Gegenstand und Zweck staatlicher Bürokratie. Ich hatte neulich einen Artikel gebracht, der darauf hinwies, dass sich Arbeitslose gestresster fühlen als Arbeitende, da sie sich unter den gegebenen Umständen als nicht genug wertgeschätzt empfinden.
#645 Korrektur: "... strikt zu trennen ..." |