„Die Tonmeister“ In einem kleinen Ort, irgendwo zwischen Meinung und Moral, lebten Menschen, die sich selbst für die Hüter des richtigen Tons hielten. Sie stritten gern – nicht aus Bosheit, sondern aus Überzeugung, dass Streit die Welt ordnet. Wenn jemand etwas anders sah, zückten sie sofort ihre verbale Stimmgabel: „So redet man aber nicht!“ Sie wollten andere erziehen, zur Vernunft, zur Höflichkeit, zur Wahrheit – je nachdem, was gerade passte. Doch wenn jemand wagte, ihnen zu sagen, dass ihr eigener Ton manchmal schneidend klang, lächelten sie milde: „Ach, das war doch gar nicht so gemeint.“ Und so hallte der Ort täglich von Diskussionen, die wie Musikstücke begannen und wie Trommelwirbel endeten. Manchmal klang es fast schön – bis man merkte, dass niemand wirklich zuhörte. Eines Tages kam ein alter Musiker vorbei, stellte sich mitten auf den Platz und sagte: „Ihr habt alle recht – aber keiner hat Rhythmus.“ Da schwiegen sie kurz. Und zum ersten Mal hörte man etwas Neues: Stille. Die klang erstaunlich gut.
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