Zu optimistische Inflationsdebatte?


21.04.21 11:00
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die derzeitige Debatte über steigende Zinsen und Inflation in den USA erscheint uns doch übertrieben optimistisch, so Joseph A. Filicetti, Produktspezialist bei Western Asset Management, Teil von Franklin Templeton.

Die Experten seien zwar sehr zuversichtlich, dass man die medizinischen und ökonomischen Herausforderungen meistern werde, wenn die COVID-19-Infektionen und die Beeinträchtigung des Wirtschaftsentwicklung zurückgehen würden, allerdings dürfte dies mehr Zeit in Anspruch nehmen, als die Märkte aktuell einpreisen würden.

Um einzuschätzen, wie schnell die US-Wirtschaft wieder auf das Niveau von vor dem Ausbruch der Coronakrise zurückkehren könnte, sollte man sich folgendes fragen: Wie habe sich das damalige Umfeld präsentiert? Nun, im Dezember 2019 habe sich die Arbeitslosigkeit in den USA auf einem 50-Jahres-Tief befunden, Aktien hätten auf einem Allzeithoch notiert - und die FED habe die Zinsen gesenkt, weil die Inflation extrem niedrig gewesen sei.

Heute hingegen liege die Arbeitslosigkeit, wenn man die Partizipationsrate betrachte, bei fast 10%. Rund 10 Millionen Amerikaner seien arbeitslos, wobei einige dieser Arbeitsplätze aufgrund von Covid dauerhaft verloren gegangen seien. Im Hinblick auf die Verschuldung sei die Lage deutlich schlechter als im Dezember 2019. Darüber hinaus würden die Steuerausgaben, die die Demokraten im März durch den Haushaltsabstimmungsprozess verabschiedet hätten, zusätzlich zu den 900 Milliarden Dollar, die im Dezember 2020 genehmigt worden seien - sowie die Möglichkeit eines Infrastrukturabkommens im späteren Verlauf dieses Jahres - durch noch mehr Schulden finanziert werden.

Dieser fiskalische Schub werde die US-Wirtschaft kurzfristig enorm ankurbeln. Doch werde er genügend Eigendynamik entwickeln, um längerfristig ein nennenswertes BIP-Wachstum zu generieren? Die Antwort darauf sei für die Experten nicht eindeutig. Nehme man die größte Steuersenkung für Privatpersonen und Unternehmen in der Geschichte der USA im Jahr 2018, die als sich selbst verstärkender Impuls vermarktet worden sei: Im Dezember desselben Jahres sei das Wachstum verpufft und die FED habe das Jahr 2019 damit verbracht, eine Vielzahl zuvor durchgeführter Zinserhöhungen rückgängig zu machen - wiederum, weil die Inflation zu schwach gewesen sei.

So spiegle die aktuelle Preisgestaltung einen spektakulären Optimismus wider. Der aktuelle Fünf-Jahres-Forward deute zum Beispiel darauf hin, dass die FED den Leitzins in fünf Jahren über 2,0% haben wolle. Dies bedeute, dass die FED in der Lage sein müsse, all ihre Käufe und Anpassungen vollständig zurückzufahren, ohne das Wachstum zu bremsen. Außerdem müsse sie in der Lage sein, den Leitzins um mindestens 200 Basispunkte anzuheben, ohne das Wachstum zu beeinträchtigen; auch die enorme Schuldenlast dürfe das Wachstum nicht verlangsamen und die FED müsste eine umfassende Vollbeschäftigung erreicht haben, von der alle profitieren würden. Sei es möglich, dass irgendetwas schief gehen könne oder es länger dauere, dies zu erreichen? All diese Voraussetzungen müssten erfüllt sein, um nur die Gewinnschwelle zu erreichen.

Die Experten würden davon ausgehen, dass die Inflation in diesem Jahr durch Basiseffekte ansteigen werde. Sowohl der Vorsitzende als auch der stellvertretende Vorsitzende der FED würden offen zugeben, dass sie bereit seien, eine "vorübergehende Inflation" in Kauf zu nehmen, da die Wahrscheinlichkeit groß sei, dass sie nicht dauerhaft anhalte. Ihr Inflationsziel sei nicht nur, mittelfristig 2% zu erreichen, sondern ein hohes Maß an Vertrauen zu haben, dass es dauerhaft auf diesem Niveau bleibe.

Längerfristige säkulare Kräfte, mit denen man es seit der globalen Finanzkrise zu tun habe, hätten die Inflation gedämpft. Dazu würden die Verschuldung und die Alterung der Bevölkerung in den Industrieländern, die die Abhängigkeitsquotienten erhöhen würden, sowie der technologische Fortschritt gehören. Während der technische Fortschritt die Produktivität im Laufe der Zeit erhöhe, verdränge er auch immer mehr Arbeitsplätze. Alle drei Faktoren hätten sich im Laufe der Zeit verschlechtert. Derzeit würden die zehnjährigen US-Staatsanleihen darauf hindeuten, dass die Aufgabe der FED bereits erfüllt sei - könnte auch dies zu optimistisch sein? Wir denken ja, so Joseph A. Filicetti. (21.04.2021/alc/a/a)