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Zunahme der konjunkturellen Unsicherheitsfaktoren - Flucht in sichere Häfen hält an


30.08.19 12:45
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Die politischen Themen haben die Finanzmärkte weiterhin fest im Griff, so die Analysten der Weberbank.

Vor allem das erneute Aufflammen des Handelskonfliktes zwischen den USA und China, die Furcht vor einem harten Brexit sowie die Regierungsbildung in Italien hätten die Anleger verunsichert. Profiteure der Unsicherheit seien der Rentenmarkt und das Gold gewesen.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China habe sich seit vergangenem Freitag weiter zugespitzt. China habe am Freitag angekündigt, ab dem 1. September und 15. Dezember zusätzliche Zölle von 5 Prozent bis 10 Prozent auf US-Waren im Umfang von 75 Mrd. USD zu erheben. Zunächst würden Sojabohnen und Erdölimporte von den Belastungen betroffen sein. Ab Dezember sollten dann Zölle in Höhe von 25% auf amerikanische Autos folgen. Die USA hätten sofort reagiert und würden beabsichtigen, ab dem 1. Oktober chinesische Waren im Wert von 250 Mrd. USD mit 30 Prozent statt 25 Prozent Zöllen zu belegen.

Auch die Abgaben auf Konsumgüter, die Trump erst im Dezember erheben wolle, um das Weihnachtsgeschäft weniger zu belasten, würden von 10% auf 15% erhöht. Außerdem habe Trump US-Firmen aufgefordert, ihre Produktion aus China abzuziehen. Trump benutze die Handelspolitik für seinen Wahlkampf. Er werde sich weiter an der wirtschaftlichen Entwicklung und der Wählerstimmung orientieren und dementsprechend mit einer Entschärfung oder eine Eskalation reagieren. Letztendlich müsse er aber wirtschaftliche Erfolge vorweisen, um am Ende als Präsident wiedergewählt zu werden.

Trotz des Handelskonfliktes, einer steigenden Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits, der Spannungen in Hongkong und der Bildung einer neuen italienischen Regierung sei die Wirtschaft der Eurozone im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem ersten Quartal gestiegen. Die vorliegenden Indikatoren allerdings würden für die Eurozone auf keine große Wachstumsbeschleunigung im laufenden dritten Quartal schließen lassen. Schwachstelle sei weiterhin die Industrie. Der Bausektor und der Dienstleistungsbereich würden die Gesamtwirtschaft bislang auf Wachstumskurs halten.

Positiv würden sich auch der Arbeitsmarkt und der private Konsum halten. Der Arbeitsmarkt habe zuletzt zwar an Dynamik eingebüßt; per saldo würden aber immer noch neue Stellen geschaffen, und das Lohnwachstum bleibe solide. Sorgenkind innerhalb Europas sei Deutschland. Aufgrund der hohen Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft befinde sich die Stimmung im deutschen Industriesektor schon seit Monaten im Abwärtstrend. Zuletzt sei der viel beachtete ifo-Geschäftsklimaindex auf das niedrigste Niveau seit November 2012 gefallen. Zusätzlich scheine auch der Pessimismus der Industrie auf den eher an der Binnenwirtschaft orientierten Dienstleistungssektor und den Handel überzugreifen. Beide Bereiche würden bislang vom robusten privaten Konsum profitieren. Insgesamt müsse für die deutsche Wirtschaft mit einer deutlichen Abkühlung gerechnet werden.

Die Konjunkturdaten aus Amerika würden bestätigen, dass die US-Wirtschaft zwar weiterhin solide verlaufe, die konjunkturellen Risiken aufgrund des internationalen schwachen Konjunkturumfelds aber gestiegen seien. Während einzelne Bereiche der US-Wirtschaft, vor allem das Verarbeitenden Gewerbe, schwächeln würden, würden sich die Verbraucher weiterhin zuversichtlich und konsumbereit zeigen.

Der wichtige Privatkonsum werde nach Meinung der Analysten auch im zweiten Halbjahr die US-Wirtschaft unterstützen. Hier sorge die nach wie vor hohe Zuversicht der Verbraucher, eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit, ein nachhaltiger Lohnanstieg und die wieder niedrigeren Zinsen für Zuversicht. Auf der anderen Seite könnte aber auch der anhaltende Handelskonflikt den Ausblick trüben. Schließlich würden die amerikanischen Haushalte die Hauptlast der höheren Zölle auf chinesischen Waren tragen müssen. Dass könnte der Konsumentenstimmung in den kommenden Monaten dann doch allmählich schaden.

Die oben genannten Risikofaktoren, sowie die Bereitschaft der EZB zur Lockerung der Geldpolitik habe die Rendite der europäischen Staatsanleihen kräftig fallen lassen. Marktteilnehmer würden davon ausgehen, dass die Notenbank den Einlagesatz im September senken und ggf. gleichzeitig einen Staffelzins einführen werde. Außerdem dürfte die Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms konkretisiert werden.

Die Aussicht auf wieder tiefere Leitzinsen in der Eurozone, anhaltende Rezessionssorgen des Marktes, der Handelskonflikt und die weiteren globalen Risiken dürften dafür sorgen, dass die Kurse der Bundesanleihen weiterhin gut unterstützt bleiben würden. Es stelle sich allerdings die Frage, in wieweit die Maßnahmen der EZB bereits in den Kursen eingepreist seien. Die hohen Erwartungen an die EZB könnten auch enttäuscht werden und kurzfristig zu steigenden Renditen führen. Vor diesem Hintergrund würden die Analysten das Segment der Unternehmensanleihen für attraktiver halten.

Die europäischen Aktienmärkte hätten in der abgelaufenen Woche die Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China verdauen müssen. Erst Äußerungen vom US-Präsident Trump, er würde gerne wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren, hätten für eine Stimmungsaufhellung gesorgt. Solange der Streit zwischen den USA und China nicht gelöst werde, dürften die Aktienmärkte unter Druck bleiben und hohe Schwankungen verzeichnen. Mittelfristig seien die Analysten dennoch zuversichtlich, dass die Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend wieder aufnehmen würden. So seien die Bewertungen insbesondere im Vergleich zu den Anleihenmärkten weiterhin sehr attraktiv. Grundvoraussetzung sei allerdings, dass sich die konjunkturellen Abwärtsrisiken nicht verfestigen und in schwächere Unternehmensresultate durchschlagen würden. Eine Stabilisierung der konjunkturellen Frühindikatoren (Ifo Index, Einkaufmanagerindices etc.) wäre hier durchaus wünschenswert.

Einer der stärksten Treiber für die Aktien liege nach Erachten der Analysten aber in der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken. Diese sollten auch mittelfristig die Aktienmärkte unterstützen. Zusätzlich könnten Fiskalprogramme von den Regierungen gestartet werden. Zu guter Letzt sollte auch nicht die Bereitschaft des US-Präsidenten unterschätzt werden, bei schwächeren US-Aktienmärkten und/oder einem Wirtschaftsabschwung positiv einzugreifen, um seine Chancen für eine Wiederwahl zu steigern. Solange die Lage an den Aktienmärkten durch den Handelskonflikt bestimmt werde, müsse mit erhöhten Risiken gerechnet werden. Die Analysten würden empfehlen, momentan eine vorsichtigere Haltung einzunehmen und auf defensive Branchen und eine Beimischung von Gold zu setzen. (30.08.2019/alc/a/a)