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Zinssitzung des EZB-Rates im Fokus


30.05.24 11:51
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In den USA stehen nächste Woche Daten zur aktuellen Lage auf dem Arbeitsmarkt im Mittelpunkt des Interesses, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Den Auftakt mache die Anzahl der offenen Stellen im April. Diese Maßzahl sei zuletzt ausgehend von einem hohen Niveau kontinuierlich zurückgegangen, was ein Indiz dafür sei, dass der in den letzten Jahren sehr überhitzte Arbeitsmarkt aktuell wieder in ein etwas ausgewogeneres Gleichgewicht zu finden scheine. Eine solche Entwicklung wäre auch für die Federal Reserve begrüßenswert, könne doch ein enger Arbeitsmarkt Inflationsdynamiken negativ beeinflussen. Der in weiterer Folge erscheinende Arbeitsmarktbericht, welcher sich bereits auf den Mai beziehe, erlaube hier zusätzliche Rückschlüsse. Im April seien die Zahlen zur Arbeitsmarktlage klar unter den Erwartungen ausgefallen, was ebenfalls auf einen balancierteren Arbeitsmarkt hinweise.

So sei der monatliche Beschäftigungszuwachs mit +175 Tsd. deutlich unter der Konsensschätzung in Höhe von +243 Tsd. zu liegen gekommen und auch das Lohnwachstum habe mit 0,2% p.m. unter den erwarteten 0,3% p.m. gelegen. Hinsichtlich der aktuellen Zahlen stelle sich also die Frage, ob diese erneut auf einen abkühlenden Arbeitsmarkt hinweisen würden, oder ob ein neuerlicher Aufschwung der Arbeitsmarktdynamiken ersichtlich werde. Mit den ISM-Indikatoren erscheine außerdem neben den finalen PMI-Schätzungen ein weiteres Stimmungsbarometer bezüglich der Entwicklung des Verarbeitenden und Nicht-Verarbeitenden Sektors der USA im Mai.

Der ISM für das Verarbeitende Gewerbe liege mit Ausnahme von März 2024 (50,3 Punkte) seit November 2022 unter der 50 Punkte-Marke, und somit auf einem Gebiet abnehmender Wirtschaftsaktivität (April: 49,2 Punkte). Sein Pendant für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe habe noch im März klar über 50 Punkten gelegen, sei dann aber auf 49,4 Punkte gefallen. Zusammengenommen würden beide Kennzahlen also auf ein verhaltenes wirtschaftliches Momentum in den USA hinweisen, welches in einem solchen Ausmaß aber noch nicht in den realwirtschaftlichen Daten ersichtlich werde.

In der Eurozone stünden neben den finalen PMI-Zahlen für Mai vor allem konjunkturseitige Indikatoren auf der Agenda. So erscheinen etwa erste nationale Zahlen zur Industrieproduktion im April, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Die Analysten würden hier für Frankreich, Spanien und Deutschland leichte Anstiege im Vergleich zum Vormonat erwarten. Daten zum Eurozonen-Aggregat würden erst am 13. Juni erscheinen. Zusätzlich würden nächste Woche auch Daten zur Entwicklung der Produzentenpreise im April veröffentlicht.

Den Höhepunkt der nächsten Woche stelle zweifellos die Zinssitzung des EZB-Rates dar. Es sei eine jener Sitzungen, die einen Platz in den Geschichtsbüchern finden werde, da sie den Beginn einer Normalisierung der Leitzinsen nach dem Inflationsschock der 2020er Jahre markiere. Um es in weniger glamourösen Worten auszudrücken: Die EZB werde ihre drei Leitzinssätze um 25 Basispunkte senken, was den Einlagensatz auf ein Niveau von 3,75% bringen werde. Die Mitglieder des EZB-Rats hätten die Märkte gut vorbereitet, sodass die Zinssenkung nicht überraschend kommen dürfte. Deshalb würden die Analysten von der Senkung selbst keine Auswirkungen auf die Märkte erwarten.

Alle Augen und Ohren würden darauf gerichtet sein, ob die EZB beschließe, ein Signal hinsichtlich des weiteren Wegs nach der Juni-Sitzung zu geben. Die offizielle Kommunikationsstrategie der EZB bestehe darin, ihre Datenabhängigkeit und ihren Meeting-für-Meeting-Ansatz zu betonen. Diese Vorgehensweise sei laut EZB-Chefvolkswirt Philip Lane erstrebenswert, da sie die Flexibilität maximiere. Dennoch sei es möglich, dass die EZB ein vorsichtiges und graduelles weiteres Vorgehen explizit andeute. Die Analysten würden keine Zinssenkung im Juli, sondern einen vierteljährlichen Zinssenkungspfad von minus 25 Basispunkten erwarten, wenn die EZB neue makroökonomische Projektionen veröffentliche. Apropos Projektionen: Die EZB werde in der nächsten Woche eine neue Reihe von Projektionen veröffentlichen. Es seien jedoch keine wesentlichen Revisionen zu erwarten. Da das BIP des Euroraums im ersten Quartal 2024 schneller gewachsen sei als erwartet (0,3% p.q. gegenüber den von der EZB erwarteten 0,1%), könnte das BIP-Wachstum für das Jahr 2024 nach oben korrigiert werden (im März habe die EZB ein Wachstum von 0,6% für das Gesamtjahr 2024 prognostiziert). Stärker als erwartet ausgefallene PMIs würden diese Annahme stützen.

Was die Inflation anbelange, so dürfte die stärkere Wirtschaftsdynamik in den Modellen der EZB einen gewissen Aufwärtsdruck auf die Inflation ausüben. Außerdem würden diese Modelle mit höheren Annahmen zu den Energiepreisen gefüttert werden (die Futures-Kurve sei nach oben gedriftet). Im Gegensatz dazu hätten sich die Erwartungen hinsichtlich der Finanzierungsbedingungen im Vergleich zur letzten Runde der EZB-Projektionen verschärft. Insgesamt scheine eine moderate Aufwärtskorrektur der Gesamtinflation - aber nicht unbedingt der Kerninflation - plausibel zu sein. Unterm Strich habe sich die Inflation jedoch im Großen und Ganzen wie erwartet entwickelt und werde die EZB darin bestärken, die geldpolitischen Restriktionen vorsichtig zu reduzieren. (Ausgabe vom 29.05.2024) (30.05.2024/alc/a/a)