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Zinsmarkt: Erstaunliche Bewegungen
08.08.22 08:56
Raiffeisen Bank International AG
Wien (www.anleihencheck.de) - In den kommenden zwei Wochen scheinen am Datenkalender für die Eurozone die ersten Stimmungsumfragen für den Monat August auf, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).
Die Mehrheit der befragen Finanzmarktakteure (ZEW, Sentix) sollten weiterhin von einer Verschlechterung der aktuellen und zukünftigen wirtschaftlichen Lage ausgehen. Die Umfragewerte würden also klar im negativen Bereich notieren. Allerdings dürfte die Anzahl mit negativen Antworten nicht nochmals zugelegt haben und so dürften sich die Indexwerte stabilisiert bzw. leicht verbessert haben. Etwas interessanter seien die anstehenden Daten für die USA. Die anstehenden Inflationszahlen würden unverändert weit außerhalb der Komfortzone der US FED liegen und zudem werde erwartet, dass bei der Kernrate der Aufwärtsdrang im Jahresverglich sogar zugelegt habe.
Beachtung hätten auch Informationen zur realwirtschaftlichen Entwicklung (Industrieproduktion, Einzelhandelsumsatz) zu Beginn des dritten Quartals verdient. Laut BIP-Zahlen seien die USA in einer technischen Rezession (BIP-Rückgang im Vergleich zur Vorperiode in zwei aufeinander folgenden Quartalen), welche aber gegeben der Stärke des Arbeitsmarktes nicht als "echte" Rezession beurteilt werde. Dennoch werde mit Argusaugen beobachtet, wieviel weitere Schwäche in der wirtschaftlichen Aktivität zu beobachten sei, die sich in weiterer Folge dann doch auf den Arbeitsmarkt durchschlage. Im letzteren Fall wäre wohl auch die US-FED beeindruckt, die sich bisher von der Wirtschaftsabkühlung nicht beeindrucken lasse und mit weiteren forschen Zinsanhebungen gegen die Inflation ankämpfen wolle.
Gegeben der Unsicherheiten zur Konjunktur seien auch die ersten regionalen US-Umfrageindikatoren (Empire - zuletzt verbessert, Philly FED - zuletzt deutlicher Rückgang) sowie das vorläufige Ergebnis zum Konsumentenvertrauen (Michigan - niedriger als zu Corona und Finanzkrise) von Relevanz.
Am Zinsmarkt seien die Bewegungen in den vergangenen Wochen nicht nur beachtlich gewesen, sondern aus Sicht der Analysten der RBI auch erstaunlich. Die Renditen für deutsche Staatsanleihen bzw. Swapsätze mit einer Laufzeit von zehn Jahren hätten sich seit Mitte Juni um rund 100 Basispunkte (BP) reduziert. Dies sei erstens mit einem leichten Rückgang der längerfristigen Inflationserwartungen einhergegangen. Die Monat für Monat steigenden Inflationsraten hätten die Marktteilnehmer zuletzt nicht mehr nervös gemacht. Dies könnte der vom Ausmaß her unerwartet großen Leitzinsanhebung (50 BP statt 25 BP im Juli) geschuldet sein. Allerdings hätten sich zweitens in den letzten Wochen die mittelfristigen Leitzinserwartungen um mehr als 100 BP reduziert. Sei in der Spitze das Ende des Leitzinszyklus bei rund 2,5% gepreist worden (Einlagesatz), so würden die Marktakteure der EZB auf Jahressicht nur mehr 1% bis 1,25% zutrauen. Als Erklärung könnte dienen, dass ein früheres, forsches Auftreten der Notenbank mittelfristig weniger Leitzinsanhebungen notwendig mache (frontloading).
Des Weiteren würden oft Konjunktursorgen als Treiber für den Renditerückgang und die verringerten Leitzinserwartungen genannt. Dieser Erklärungsansatz passe aber wohl nicht zu der guten Performance von risky assets (Aktien) in den letzten Wochen. Selbst die Spreads für italienische Anleihen hätten sich trotz eher vager Unterstützung durch die Geldpolitik (viele Details des neuen Anleihekaufprogramms TPI fehlen noch) und politischer Krise in Italien einengen können.
Nichtdestotrotz: Konjunktursorgen würden die Analysten der RBI in weiterer Folge als angebracht erachten. Der aus ihrer Sicht anhaltende Engpass von Energiegütern werde die Wirtschaft belasten und sie würden bis ins kommende Frühjahr mit einer stagnierenden gesamtwirtschaftlichen Aktivität rechnen (inklusive Industrierezession). Gleichzeitig sähen die Analysten der RBI die Teuerung für längere Zeit auf einem sehr hohen Niveau. Die seit kurzem vorherrschende Marktannahme, dass die EZB nur auf ein paar rasche Zinsanhebungen aus sei und die Leitzinsen nicht einmal auf ein neutrales Niveau heben werde, würden die Analysten der RBI als mögliches, aber nicht sehr wahrscheinliches Szenario erachten. Auf Basis unserer Inflationsschätzung dürfte sich die EZB zu mehr Leitzinsanhebungen gezwungen sehen als nunmehr am Markt gepreist sind, so die Analysten der RBI. Insofern würden die Analysten auch dem jüngsten Renditerückgang bei deutschen Staatsanleihen und EUR Swapsätzen nicht über den Weg trauen und im weiteren Jahresverlauf mit einer starken Aufwärtsbewegung rechnen.
Zuletzt noch zwei Anmerkungen zur Marktdynamik am Zinsmarkt. Erstens: Die enormen Ausschläge beim erwarteten Leitzinspfad innerhalb kurzer Zeit würden sich in der nunmehr fehlenden "forward guidance" durch die EZB begründen. Diese habe nach mehreren Jahren aufgehört (Juli Sitzung), die Absicht zum weiteren Leitzinspfad explizit zu kommunizieren. Insofern müsse auch weiterhin - je nach Datenlage und Marktstimmung - mit einem raschen Hin und Her der Zinserwartungen gerechnet werden. Zweitens: Am Zinsmarkt seien Saisonalitäten wohlbekannt. Im Sommer sei es in der Vergangenheit oft zu merklichen Rückgängen von Renditen für langfristige deutsche Staatsanleihen gekommen. Dieser Faktor drehe sich im Herbst. Vor allem im Oktober würden statistische Untersuchungen eine signifikante Aufwärtsentwicklung bei langjährigen deutschen Anleiherenditen ausweisen. Da der erste Teil dieses regelmäßigen Musters in diesem Jahr zu beobachten gewesen sei, würden die Analysten der RBI erwarten, dass sich auch der zweite Teil erfüllen werde. (Ausgabe vom 05.08.2022) (08.08.2022/alc/a/a)
Die Mehrheit der befragen Finanzmarktakteure (ZEW, Sentix) sollten weiterhin von einer Verschlechterung der aktuellen und zukünftigen wirtschaftlichen Lage ausgehen. Die Umfragewerte würden also klar im negativen Bereich notieren. Allerdings dürfte die Anzahl mit negativen Antworten nicht nochmals zugelegt haben und so dürften sich die Indexwerte stabilisiert bzw. leicht verbessert haben. Etwas interessanter seien die anstehenden Daten für die USA. Die anstehenden Inflationszahlen würden unverändert weit außerhalb der Komfortzone der US FED liegen und zudem werde erwartet, dass bei der Kernrate der Aufwärtsdrang im Jahresverglich sogar zugelegt habe.
Beachtung hätten auch Informationen zur realwirtschaftlichen Entwicklung (Industrieproduktion, Einzelhandelsumsatz) zu Beginn des dritten Quartals verdient. Laut BIP-Zahlen seien die USA in einer technischen Rezession (BIP-Rückgang im Vergleich zur Vorperiode in zwei aufeinander folgenden Quartalen), welche aber gegeben der Stärke des Arbeitsmarktes nicht als "echte" Rezession beurteilt werde. Dennoch werde mit Argusaugen beobachtet, wieviel weitere Schwäche in der wirtschaftlichen Aktivität zu beobachten sei, die sich in weiterer Folge dann doch auf den Arbeitsmarkt durchschlage. Im letzteren Fall wäre wohl auch die US-FED beeindruckt, die sich bisher von der Wirtschaftsabkühlung nicht beeindrucken lasse und mit weiteren forschen Zinsanhebungen gegen die Inflation ankämpfen wolle.
Am Zinsmarkt seien die Bewegungen in den vergangenen Wochen nicht nur beachtlich gewesen, sondern aus Sicht der Analysten der RBI auch erstaunlich. Die Renditen für deutsche Staatsanleihen bzw. Swapsätze mit einer Laufzeit von zehn Jahren hätten sich seit Mitte Juni um rund 100 Basispunkte (BP) reduziert. Dies sei erstens mit einem leichten Rückgang der längerfristigen Inflationserwartungen einhergegangen. Die Monat für Monat steigenden Inflationsraten hätten die Marktteilnehmer zuletzt nicht mehr nervös gemacht. Dies könnte der vom Ausmaß her unerwartet großen Leitzinsanhebung (50 BP statt 25 BP im Juli) geschuldet sein. Allerdings hätten sich zweitens in den letzten Wochen die mittelfristigen Leitzinserwartungen um mehr als 100 BP reduziert. Sei in der Spitze das Ende des Leitzinszyklus bei rund 2,5% gepreist worden (Einlagesatz), so würden die Marktakteure der EZB auf Jahressicht nur mehr 1% bis 1,25% zutrauen. Als Erklärung könnte dienen, dass ein früheres, forsches Auftreten der Notenbank mittelfristig weniger Leitzinsanhebungen notwendig mache (frontloading).
Des Weiteren würden oft Konjunktursorgen als Treiber für den Renditerückgang und die verringerten Leitzinserwartungen genannt. Dieser Erklärungsansatz passe aber wohl nicht zu der guten Performance von risky assets (Aktien) in den letzten Wochen. Selbst die Spreads für italienische Anleihen hätten sich trotz eher vager Unterstützung durch die Geldpolitik (viele Details des neuen Anleihekaufprogramms TPI fehlen noch) und politischer Krise in Italien einengen können.
Nichtdestotrotz: Konjunktursorgen würden die Analysten der RBI in weiterer Folge als angebracht erachten. Der aus ihrer Sicht anhaltende Engpass von Energiegütern werde die Wirtschaft belasten und sie würden bis ins kommende Frühjahr mit einer stagnierenden gesamtwirtschaftlichen Aktivität rechnen (inklusive Industrierezession). Gleichzeitig sähen die Analysten der RBI die Teuerung für längere Zeit auf einem sehr hohen Niveau. Die seit kurzem vorherrschende Marktannahme, dass die EZB nur auf ein paar rasche Zinsanhebungen aus sei und die Leitzinsen nicht einmal auf ein neutrales Niveau heben werde, würden die Analysten der RBI als mögliches, aber nicht sehr wahrscheinliches Szenario erachten. Auf Basis unserer Inflationsschätzung dürfte sich die EZB zu mehr Leitzinsanhebungen gezwungen sehen als nunmehr am Markt gepreist sind, so die Analysten der RBI. Insofern würden die Analysten auch dem jüngsten Renditerückgang bei deutschen Staatsanleihen und EUR Swapsätzen nicht über den Weg trauen und im weiteren Jahresverlauf mit einer starken Aufwärtsbewegung rechnen.
Zuletzt noch zwei Anmerkungen zur Marktdynamik am Zinsmarkt. Erstens: Die enormen Ausschläge beim erwarteten Leitzinspfad innerhalb kurzer Zeit würden sich in der nunmehr fehlenden "forward guidance" durch die EZB begründen. Diese habe nach mehreren Jahren aufgehört (Juli Sitzung), die Absicht zum weiteren Leitzinspfad explizit zu kommunizieren. Insofern müsse auch weiterhin - je nach Datenlage und Marktstimmung - mit einem raschen Hin und Her der Zinserwartungen gerechnet werden. Zweitens: Am Zinsmarkt seien Saisonalitäten wohlbekannt. Im Sommer sei es in der Vergangenheit oft zu merklichen Rückgängen von Renditen für langfristige deutsche Staatsanleihen gekommen. Dieser Faktor drehe sich im Herbst. Vor allem im Oktober würden statistische Untersuchungen eine signifikante Aufwärtsentwicklung bei langjährigen deutschen Anleiherenditen ausweisen. Da der erste Teil dieses regelmäßigen Musters in diesem Jahr zu beobachten gewesen sei, würden die Analysten der RBI erwarten, dass sich auch der zweite Teil erfüllen werde. (Ausgabe vom 05.08.2022) (08.08.2022/alc/a/a)


