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Zinsmarkt: Abkehr vom geopolitischen Optimismus


27.04.26 09:16
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Wie schon im März deuteten die PMI-Schnellschätzungen für April in der Eurozone abermals auf ein divergierendes Stimmungsbild hin, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Während der Dienstleistungssektor nochmals deutlich nachgelassen habe, habe die Industrie erneut einen Zuwachs verbuchen können. Diese kontraintuitive Entwicklung in der Industrie scheine vor allem darin begründet zu sein, dass es aufgrund der Erwartung weiter steigender Preise und anhaltender Lieferkettenproblematiken zu einer verstärkten Lagerbildung komme, was die Auftrags- und Produktionslage im Sektor vorerst stabilisiere. Sollte die weltwirtschaftliche Lage weiterhin so angespannt bleiben, wäre es jedoch nicht überraschend, wenn auch die Stimmungslage im Industriesektor zeitnah Abwärtsdruck erfahre. Die aktuelle Resilienz im Industrie-PMI solle also nicht über die prekäre zugrundeliegende wirtschaftliche Dynamik angesichts der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten hinwegtäuschen.

Ähnliches gelte für die nächste Woche anstehende Veröffentlichung der BIP-Schnellschätzung für das erste Quartal. Diese könnte für das Eurozonen-Aggregat ähnlich wie im Q4 2025 ein moderates Wachstum in Höhe von 0,2% p.q. ausweisen. Allerdings müsse bedacht werden, dass der Konflikt im Iran erst im letzten Monat dieses Quartals begonnen habe, weshalb der volle Effekt der aktuellen Spannungen eher in den Folgequartalen ersichtlich werden sollte. Die tatsächliche Länge des Konflikts und die resultierenden Marktdynamiken seien in diesem Kontext maßgeblich. Vor diesem Hintergrund seien auch die konstruktiven Q1-Wachstumsannahmen auf nationaler Ebene zu sehen, mit Prognosen von 0,1 % für Deutschland, über 0,2% und 0,3% für Frankreich und Italien, bis hin zu 0,5% für Spanien. Auch für Österreich erscheine ein Wachstum von 0,2% realistisch.

Die ebenfalls nächste Woche erscheinenden Stimmungsindikatoren der Europäischen Kommission (ESI) sollten ähnliche Dynamiken aufweisen wie die PMIs. Es werde ein Anstieg beim Industrievertrauen (-7 auf -6,3 Punkte) und ein Rückgang beim Dienstleistungsvertrauen (4,9 auf 3,2 Punkte) sowie beim Wirtschaftsvertrauen (96,6 auf 95 Punkte) erwartet. Für den April-HVPI im Euroraum werde erwartet, dass die Gesamtinflation auf 3,2% im Jahresvergleich ansteige (nach 2,6% im März), während die Kerninflation unverändert bei 2,3% bleiben sollte. Letztere berücksichtige einen moderaten Anstieg der Preise im Luftverkehr aufgrund höherer Kerosinkosten, ohne welche die Kerninflation im April sinken würde. Die Energiepreiskomponente dürfte um 12,2% p.a. steigen, vor allem getrieben durch Kraftstoffpreise. Zugleich deuteten jüngste Entwicklungen jedoch auf eine Abflachung der Kraftstoffpreise hin, die weiteren Aufwärtsdruck dämpfen sollte.

In den USA hätten die April-PMIs im Vergleich zur Eurozone einen resilienten Eindruck gemacht, beide Wirtschaftssektoren und der Gesamt-PMI notierten über der 50-Punkte-Marke. Dies unterstreiche den Umstand, dass die USA weniger sensitiv gegenüber erhöhten globalen Energiepreisen seien, auch wenn die Kraftstoffpreise dort dennoch angestiegen seien. Die nächste Woche anstehende Veröffentlichung der BIP-Schnellschätzung für das erste Quartal sollte zwar einen Aufschwung im Vergleich zum vierten Quartal 2025 ausweisen, dies komme jedoch wenig überraschend, da das BIP im letzten Quartal vom längsten Government-Shutdown der US-Geschichte verzerrt worden sei. Vor diesem Hintergrund erscheine der aktuelle BIP-Nowcast für das Q1 der Atlanta Fed in Höhe von 1,2% p.q. (annualisiert) für US-Verhältnisse relativ gering, was jedoch im Einklang mit Erwartungen einer marginalen Abkühlung der Konjunktur in Richtung des Potenzialwachstums stehe. Neben dem BIP stünden nächste Woche Daten zum ISM im verarbeitenden Gewerbe für April und zur PCE-Inflation im März an. Letztere sollte den im bereits veröffentlichten VPI-Bericht erkennbaren Inflationsdruck angesichts erhöhter Kraftstoffpreise nochmals unterstreichen.

Die Zinsprognosen seien leicht angepasst worden, um einer weniger akuten kurzfristigen Eskalation im Nahen Osten Rechnung zu tragen. Die Einschätzung lasse sich in aller Kürze wie folgt zusammenfassen: Zwei statt drei Zinserhöhungen durch die EZB im Jahr 2026 (Rückkehr zu einem Einlagensatz von 2% im Jahr 2027), vorerst unveränderte Leitzinsen der FED, jedoch Risiken einer politisch motivierten Senkung vor den Zwischenwahlen sowie weitere Senkungen im Jahr 2027. Zudem bestünden Risiken leicht höherer Swapsätze bzw. Renditen kurzfristig, aber niedrigere Notierungen auf Sicht von 12 Monaten sowie steilere Kurven.

Mit Blick auf die nächstwöchigen Notenbanksitzungen der FED und der EZB würden konstante Leitzinsen erwartet. Für die EZB stelle sich die aktuelle Lage jedoch etwas komplizierter dar. Die Inflation sei im Steigen begriffen, Inflationsrisiken hätten klar zugenommen, und das Ausmaß an Zweitrundeneffekten oder ein Ende des Krieges werde man kaum abwarten können. Demnach werde erwartet, dass die EZB eine Zinserhöhung im Juni verbal vorbereiten werde. Selbst im Falle eines vorübergehenden Inflationsschocks sei eine vorsorgliche Zinserhöhung um 25 Basispunkte im aktuellen Umfeld erhöhter Inflationsrisiken kaum als geldpolitischer Fehler zu erachten. In Hinblick auf die unterschiedlichen Iran-Szenarien könne die EZB kommunizieren, dass man sich derzeit zwischen dem Basis- und dem adversen Szenario befinde.

In den USA werde die Zinssitzung der Fed weniger vom Iran-Krieg dominiert sein als in der Eurozone. Aufgrund des moderat restriktiven Zinsniveaus könne den aktuellen Inflationsrisiken mit konstanten Leitzinsen begegnet werden, sodass eine abwartende Haltung länger verfolgt werden könne. Im Fokus der Pressekonferenz werde die Wachablösung an der Spitze der FED stehen. Powells Mandat als FED-Chair ende Mitte Mai, sodass die nächstwöchige Sitzung seine letzte sein könnte. Sein nominierter Nachfolger Kevin Warsh habe sich vor dem Bankenausschuss des US-Senats verantworten müssen und versichert, dass die politische Unabhängigkeit gewahrt bleibe, sich jedoch nicht zu Leitzinspräferenzen geäußert.

Der Zinsmarkt sei in dieser Woche von einer Abkehr vom geopolitischen Optimismus geprägt gewesen. Swapsätze sowie Benchmark-Renditen seien teils deutlich gestiegen, besonders am kurzen Ende des europäischen Zinsmarkts. Auslöser sei ein enttäuschender geopolitischer Newsflow gewesen, der die Ölpreise wieder über 100 USD/Fass geführt und damit kurzfristige Inflationserwartungen angeheizt habe. In diesem Umfeld preise der Markt für die EZB zwei bis drei Zinserhöhungen im Jahresverlauf ein, während für die FED konstante Leitzinsen erwartet würden. (27.04.2026/alc/a/a)