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Zinserwartungen? Der Markt schießt über das Ziel hinaus


29.10.21 11:46
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die Marktteilnehmer beginnen Zinserhöhungen einzupreisen, was in der sich abzeichnenden Größenordnung nicht gerechtfertigt sein dürfte, meint Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

Er sehe hier eher einen Halloween-Spuk, dem die Anleger aufsitzen würden.

Während wir uns dem Abend vor Allerheiligen nähern, geht das Massaker an den Geldmärkten weiter, so die Experten von BlueBay Asset Management. Ein prominenter Hedgefonds habe offenbar große Verluste erlitten und kapituliert, weil er am vorderen Ende long und am langen Ende short gewesen sei. Allein in der vergangenen Woche hätten sich die Geldmarktrenditen in den Industrieländern dahingehend entwickelt, dass sie weitere mehrfache Zinserhöhungen in den nächsten 24 Monaten einpreisen würden. Besonders bemerkenswert sei der Anstieg von 200 Basispunkten in den nächsten zwölf Monaten in Neuseeland gewesen.

Die Experten seien der Ansicht, dass die Bewegungen zwar bis zu einem gewissen Grad durch die steigenden Inflationsrisiken in der Weltwirtschaft gerechtfertigt seien. Der Markt sei aber eindeutig über das Ziel hinausgeschossen, insbesondere im Vereinigten Königreich und in Europa.

Aber wie man wisse, sei Halloween, der Tag der Toten, eigentlich ein Fest des Lebens. Seit Jahren würden sich Politiker und Anleiheexperten gleichermaßen fragen, wie lange die Volkswirtschaften den massiven Anstieg der weltweiten Schuldenlast überleben könnten und ob es nicht möglich sei, die Schulden durch Inflation abzubauen. Jetzt, wo ein nominales Wachstum von bis zu 8 Prozent, ein Defizit von etwa 4 Prozent für 2022 und Refinanzierungssätze von meist unter 1,5 Prozent erwartet würden, scheine dies plötzlich zum Greifen nahe.

Sicherlich sei dies eine zu großzügige Interpretation. Die zugrunde liegende Wachstumsdynamik sei mittelfristig höchstwahrscheinlich nicht so robust, trotz hoher Barmittel durch gestiegene Sparquoten und wahrscheinlicher Zweitrundeneffekte auf dem Arbeitsmarkt; wenn Arbeitnehmer auf die gestiegene Inflation reagieren und höhere Löhne verhandeln würden.

Die Zentralbanken sollten daher sehr vorsichtig sein und die Zinsen nicht zu früh anheben. Sie sollten einem stärkeren Preisauftrieb nicht im Wege stehen, bevor die realen Zinssätze nicht anfangen würden, sich deutlich nach oben zu bewegen.

In diesem Zusammenhang habe EZB-Chefin Lagarde jüngst die Frage des Marktes nach den Inflations- und Zinsaussichten in Europa recht direkt beantwortet: Zinserhöhungen seien nicht zu erwarten, solange die mittelfristigen Inflationsprognosen von 2 Prozent nicht erreicht würden - was nach Einschätzung der Experten nicht so bald der Fall sein dürfte.

Auch beim wichtigsten Ereignis der nächsten Woche, der Sitzung der US-Notenbank, dürfte das Überraschungspotenzial gering sein. Wie vom Markt erwartet, werde sie die Reduzierung der QE-Käufe ankündigen. Aus Angst vor rasch steigenden Zinsen schlotternde Anleger sollten daher ihr Nervenkostüm schonen. Der Schrecken an den Geldmärkten könnte schon bald wieder vorbei sein - Halloween lasse grüßen! (29.10.2021/alc/a/a)