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Zinsausblick: "Niedriger für länger" könnte es schon bald heißen


20.02.24 10:30
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Seit September 2023 lautet das Mantra an den Märkten: "Higher for longer" - die Leitzinsen könnten länger erhöht bleiben als ursprünglich erwartet, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Laut Lowie Debou und André Figueira de Sousa, beide Fixed-Income-Fondsmanager bei DPAM, dürfte sich das bald ändern.

Die Widerstandsfähigkeit insbesondere der US-Wirtschaft gegenüber der kräftigen geldpolitischen Straffung habe viele überrascht. Sei die Wirtschaft immuner gegen geldpolitische Zyklen geworden? Dann läge die Überzeugung nahe, dass die Zinsen länger hoch bleiben würden.

Allerdings würden sich geldpolitische Maßnahmen erst mit Verzögerung vollständig in der Realwirtschaft auswirken, da die Wirtschaftsakteure Zeit brauchen würden, um ihre Entscheidungen und Handlungen anzupassen.

In den vergangenen Monaten hätten die geldpolitischen Straffungen und die Normalisierung der Zentralbankbilanzen jedoch begonnen, auf die Realwirtschaft durchzuschlagen. Dies gelte besonders für Europa, aber auch für die USA, wo die fiskalische Expansion, die für eine anhaltende Verbrauchernachfrage gesorgt habe, diese Wirkung verzögert habe.

Die FED habe im Dezember gemäßigte Töne angeschlagen. Sie sehe die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft nach wie vor intakt und erkenne das Risiko, ihr Inflationsziel zu unterschreiten. Für die Anleger sei dies ein Zeichen dafür gewesen, dass die FED den Leitzins schrittweise senken werde, um das US-Wachstum wieder anzukurbeln. Im Falle einer sanften Landung werde die FED eine schnelle Rückkehr zu einem Leitzins anstreben, der eher dem neutralen Zinssatz entspreche.

Sollte die Wirtschaft härter aufsetzen, werde sie die Zinssätze jedoch weitaus stärker senken, als die Märkte derzeit einpreisen würden. Es sei eine deutliche Neubewertung von Risikoaktiva sowie eine Rally bei Staatsanleihen gefolgt - ganz typisch für die Monate vor einem Zinssenkungszyklus und gleichzeitig unberechenbar, da der Wechsel von "höher für länger" zu "die Zinsen werden fallen" abrupt erfolgt sei. Die Experten würden jedoch davon ausgehen, dass sich dies in den kommenden Monaten ändern werde. Vom "höher für länger" würden sie sich auf das Mantra "niedriger für länger" zubewegen, das vor der Corona-Krise gegolten habe. Die Realität werde wie immer irgendwo dazwischen liegen, aber die relative Vorhersehbarkeit der Marktreaktionen könne man nutzen, um sich zu positionieren.

In Europa habe es schon seit dem zweiten Quartal 2023 Warnsignale in bestimmten Bereichen der Wirtschaft gegeben. Obwohl China seine Corona-Lockdowns beendet habe, die Energiepreise fast auf Vorkriegsniveau gesunken seien und die Inflation zu sinken begonnen habe, habe die Erholung in diesen Bereichen auf sich warten lassen. Die Lage des Verarbeitenden Gewerbes habe sich entgegen vieler Vorzeichen weiter verschlechtert, vor allem wegen der inflationsbedingt schwachen Inlandsnachfrage. Im Laufe des Sommers habe zudem die internationale Nachfrage nach europäischen Waren nachgelassen. Selbst der Dienstleistungssektor sei im tourismusstarken August in den Bereich der Kontraktion gefallen.

Zahlreiche Wirtschaftsdaten würden darauf hindeuten, dass der Teufelskreis von sinkender wirtschaftlicher Aktivität und steigender Arbeitslosigkeit bereits im Gang sei. Befinde sich Europa in einer Rezession? Folge man der Definition, der zufolge eine Rezession bei zwei aufeinander folgenden Quartalen mit einem negativen realen BIP-Wachstum bestehe, dann würden sich über 25% der EU-Länder in einer Rezession befinden.

Außerdem habe mehr als die Hälfte der europäischen Länder im dritten Quartal 2023 ein schrumpfendes reales BIP verzeichnet. Dies bedeute nicht zwangsläufig, dass sie in eine Rezession fallen würden. Es sei jedoch schwierig, eine Änderung der Dynamik zu erkennen, zumal sich die zugrundeliegenden Konjunkturdaten weiter verschlechtert hätten. Zum Gegensteuern sollte die EZB mit Zinssenkungen beginnen. Leider sei sie dazu nicht bereit und riskiere damit einen schweren politischen Fehler.

Die entwickelten Märkte würden die nächste Phase im Wirtschaftszyklus erreichen. Auch wenn noch nicht klar ist, ob wir eine weiche oder eine harte Landung erleben werden, wird dies zu einer Neubewertung der Zinssätze führen, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. Selbst die Rückkehr zum neutralen Zinssatz, der in den USA derzeit auf etwa 3% geschätzt werde, bedeute Marktzinsen, die deutlich unter dem derzeitigen Niveau lägen. Nehme die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung zu, werde die Zinsschraube schneller und stärker gelockert.

Bis die Zentralbanken die nächste Phase ihres geldpolitischen Zyklus bestätigen würden, würden die Finanzmärkte großen Schwankungen unterworfen sein. Denn wenn die Daten besser oder schlechter ausfallen würden als erwartet, werde sich die Stimmung der Anleger schnell in die entgegengesetzte Richtung bewegen; die Märkte würden abrupt umschlagen. Dies sollte jedoch weiterhin gute Einstiegspunkte bieten, um sich für die erwartete Richtung der Zinssätze zu positionieren. (20.02.2024/alc/a/a)