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Die Zentralbanken können diesmal nicht die Lage retten


11.03.20 12:45
Unigestion

Genf (www.anleihencheck.de) - Während sich das Coronavirus weiterhin weltweit verbreitet, erkennen Anleger und Ökonomen nun, dass die ersten Schätzungen der Auswirkungen auf die Weltwirtschaft viel zu optimistisch waren, so die Experten von Unigestion.

Die Risiken eines Angebotsschocks infolge der unterbrochenen Produktionskapazitäten in China seien nun durch die sinkende Nachfrage verschärft worden, da die Menschen in Panik geraten und sich zunehmend entscheiden würden, zu Hause zu bleiben. Aufgrund des letzten starken Ausverkaufs am Markt und der daraus resultierenden Verschärfung der finanziellen Bedingungen sei die FED gezwungen gewesen, vorbeugende Maßnahmen zur Beruhigung des Marktes zu ergreifen.

Die größte Zinssenkung der letzten zehn Jahre und die ermutigenden Worte von Jerome Powell, dem Vorsitzenden der FED, hätten die Finanzmärkte diesmal jedoch nicht beruhigt. Investoren hätten risikoreiche Anlagen auf der Suche nach Safe Havens verkauft und die 10- und 30-jährigen US-Renditen auf Rekordtiefs gebracht. Trotz der FED-Maßnahmen preist der Markt für die nächste geplante FED-Sitzung am 17. und 18. März eine weitere starke Senkung ein, die zu einer noch schnelleren Kürzung von 1% führen würde, als wir sie im Oktober 2008 nach der Pleite von Lehman Brothers gesehen haben, so die Experten von Unigestion. Die Liquidität treibe die Märkte an, und "Cash" sei vorerst "King". "Für wie lange?" sei eine Frage, die bei der derzeitigen Unsicherheit schwer zu beantworten sei.

Im Gegensatz zu den Rezessionen von 2001 und 2008, die hauptsächlich durch einen Nachfrageausfall verursacht worden seien, seien die Herausforderungen von COVID-19 eine Mischung aus Nachfrage- und Angebotsschock. Die Bedeutung Chinas im Welthandel, insbesondere als wichtiger Exporteur von Zwischenprodukten, bedeute, dass die Unterbrechung seiner Wirtschaft in den globalen Lieferketten zu spüren sein werde. Auch wenn sich China langsam und stetig erhole, werde die Produktion aufgrund von Störungen in anderen Ländern mit Lieferproblemen konfrontiert sein.

In stark vernetzten Volkswirtschaften, in denen die Produktion häufig von einzelnen Komponenten globalen Ursprungs abhänge und viele Unternehmen die Just-in-Time-Produktion verwenden würden, um den Kapitaleinsatz zu optimieren, könne ein unerfüllter Auftrag einen Dominoeffekt in der gesamten Lieferkette auslösen. Dies führe zu Produktionsengpässen, die die Lieferzeiten erhöhen und viele Unternehmen zwingen würden, ihre Lagerbestände abzubauen. Durch fiskalische Anreize, wie z.B. Steuererstattungen, könne mehr Geld direkt in die Taschen der Menschen fließen, aber Geld allein bringe keine Waren in leere Ladenregale.

Der Markt habe zunächst so reagiert, als ob es sich nur um eine kurzfristige, auf Asien konzentrierte Störung gehandelt habe, und dass sich ihre Volkswirtschaften V-förmig erholen würden, sobald China nach einer längeren Neujahrspause wieder zur Arbeit komme. Doch dies habe sich nun geändert, da sich der Schwerpunkt auf die Nachfrageseite verlagert habe. Zwar seien die Zentralbanker hier die üblichen Vorreiter, aber diesmal könnte die Art des Schocks eine breit angelegte geldpolitische Reaktion weniger wirksam machen. Obwohl niedrigere Kreditkosten die Kaufkraft der Haushalte erhöhen könnten, sei diese Hilfe begrenzt, wenn Millionen von Menschen aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen zu Hause eingesperrt würden - oder einfach aus Angst, sich anzustecken, zu Hause bleiben würden.

China sei das Epizentrum des Virusausbruchs und der wirtschaftlichen Auswirkungen gewesen, aber seine Aktienmärkte seien jetzt wieder in der Nähe der Jahreshochstände. Die Begründung der Investoren liege auf der Hand - es sei eine Kombination aus aggressiver geldpolitischer Reaktion der chinesischen Notenbank PBOC mit gezielter Liquidität für betroffene Unternehmen, der Erwartung massiver steuerlicher Anreize und einer konsequenten Reaktion der Regierung auf allen Ebenen zur Bekämpfung des Virus.

Die Zentralregierung habe beschlossen, den Diskurs über ihre Rolle bei der Coronavirus Epidemie zu ändern, um den Erfolg ihrer Kontrollmaßnahmen herauszustellen. Es sei wichtig zu verstehen, dass Chinas offensichtlicher Erfolg aufgrund massiver Quarantänen und elektronischer Überwachungsmaßnahmen in demokratischen Ländern nicht möglich sei. Im Westen hingegen hätten sich viele der Reaktionen auf das Virus bisher auf monetäre Anreize konzentriert.

Auch wenn die Märkte von zahlreichen Ländern weltweit viel mehr Anreize erwarten würden, würden die Experten nicht davon ausgehen, dass lockere Zentralbanken ein Heilmittel seien, da die meisten Zinssenkungen bereits über den Rückgang der Anleiherenditen erfolgt seien. Um diese Entwicklung zu verdeutlichen: Der US-Treasury-Markt habe am vergangenen Mittwoch die beste Tagesrendite seit 2009 verzeichnet, was zu neuen Tiefstständen bei den 10- und 30-jährigen Zinssätzen geführt habe.

In Europa hätten die deutschen Zinssätze ebenfalls Rekordtiefs erreicht, während die Anleger der 100-jährigen österreichischen Anleihe nur noch 0,48% Rendite erhalten würden. Es liege auf der Hand, dass dieses Mal weitere, bereits erwartete Zinssenkungen allein den wirtschaftlichen Schaden nicht eindämmen würden - sie müssten Teil eines umfassenderen Pakets sein, wie China beispielhaft gezeigt habe.

Die Regierungen in Europa seien unentschlossen, während ein parteipolitisch gespaltener US-Kongress nur langsam reagiere und der Präsident selbst das Risiko des Virus herunterspiele. Zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Virus seien die Finanzmärkte selbstgefällig hinsichtlich der Risiken für die Weltwirtschaft gewesen. In den letzten Tagen hätten die Anleihenmärkte und Rohstoffe jedoch begonnen, eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine globale Rezession einzupreisen.

Die längste Expansion in der Geschichte zusammen mit akkomodierenden Zentralbanken und renditehungrigen Anlegern habe zu sehr engen Spreads auf den Credit Märkten geführt, gleichzeitig habe die Verschuldung der Unternehmen im Verhältnis zum BIP ein beispielloses Niveau erreicht. Die Zahl der hoch verschuldeten Unternehmen ohne ausreichendes Einkommen zur Deckung ihrer Zinszahlungen habe stetig zugenommen, und die Kreditqualität habe sich weitgehend verschlechtert. Die aktuelle Situation werfe Fragen zu den Kredit- und Finanzierungsmärkten auf. Unterbrechungen der Lieferkette und der Schock der Nachfrage würden für viele Unternehmen Cashflow-Probleme verursachen, insbesondere für kleine Unternehmen und diejenigen in Sektoren, die am stärksten von der Krise betroffen seien, z.B. Reisen, Transport, Freizeit, Unterkunft.

Die FED sei sich bewusst, dass je länger es dauere, diese Spillovers einzudämmen, desto größer die Kreditherabstufungen, die Ausfallrisiken und die Wahrscheinlichkeit, dass die Finanzmärkte die Wirtschaft kontaminieren würden, seien. Die Anleger seien sich dieser Risiken bewusst und hätten die Credit Spreads effektiv wieder auf das Niveau vom Dezember 2018 gebracht, was die Empfindlichkeit von Credits gegenüber Rezessionsängsten und einer überzogenen Positionierung widerspiegele.

Gegenwärtig würden die Experten feststellen, dass die ökonomischen Auswirkungen beginnen würden, die Wirtschaft zu destabilisieren, und dass sie in nächster Zukunft weiter zunehmen würden. Das könnte ein Gefühl der Panik auslösen, zumal es sich um die erste globale Krise im Zeitalter der sozialen Medien handele. Das Schwierigste in den nächsten Wochen werde es sein, nicht aus Panik zu handeln. Das Risiko bestehe darin, sich von den Märkten beraten zu lassen, anstatt dort nach Möglichkeiten zu suchen.

An den Kapitalmärkten zeichne sich eine kollektive Wende von der Gier zur Angst ab, die einen Anstieg der Risikoprämien verursache. Angesichts des derzeitigen Mangels an Visibilität und Liquidität könnte die nächste Phase zu weiteren Ausverkäufen führen, die von den Exzessen der gigantischen Jagd nach Renditen in den letzten zehn Jahren angetrieben worden seien. Die Kreditmärkte könnten im Auge des Sturms stehen, zumal auch schlecht bewertete US-Kreditnehmer unter sinkenden Ölpreisen leiden würden. Da der Schutz durch Optionsstrategien bei den sehr hohen Volatilitäten zu teuer geworden sei und Anleihen allein ein diversifiziertes Portfolio nicht mehr schützen könnten, seien die Experten der Meinung, dass eine Erhöhung der Cash-Allokation die beste Möglichkeit sei, das Portfolio in naher Zukunft zu bewahren. Im Land der Unsicherheit sei Cash König. (11.03.2020/alc/a/a)