Wird der Kampf gegen den Klimawandel zu Inflation führen?


17.05.21 12:00
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - Die Augen der Marktteilnehmer sind in letzter Zeit vermehrt auf das Thema Inflation gerichtet, so Ivan Domjanic, Kapitalmarktstratege von M&G Investments.

Dabei sei die Inflationsdebatte derzeit sehr zwiegespalten. Die "Desinflationisten" würden die Ansicht vertreten, dass es nur vorrübergehend zu einem Überschießen der Inflation komme, während die "Inflationisten" einen beständigeren Inflationstrend erwarten würden.

Für beide Ansichten gebe es gute Gründe. Die strukturellen deflationären Kräfte (Demografie, technologischer Fortschritt, Globalisierung) auf der einen Seite. Auf der anderen Seite u.a. die beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Stimuluspakete, die aufgestauten Ersparnisse der Haushalte und die zuletzt immer stärker ansteigenden Rohstoffpreise. Während einige der inflationären Kräfte vorrübergehender Natur sein dürften, gebe es durchaus auch Kräfte, die sich längerfristig inflationär auswirken könnten.

Ein Faktor, der von vielen Marktteilnehmern möglicherweise noch unterschätzt werde, sei der dringend notwendige Kampf gegen den Klimawandel und die damit verbundene Energiewende. Der Klimawandel stelle die wohl größte Herausforderung dar. Um diese Herausforderung zu meistern, benötige man einen strukturellen Wandel hin zu einer nachhaltigen und CO2-freien Wirtschaft. So unabdingbar dieser Wandel unbestrittenermaßen sei, er könnte sich in den nächsten Jahren als ein inflationärer Treiber herausstellen.

Maßnahmen wie CO2-Steuern - die darauf abzielen würden, CO2-intensive Aktivitäten zu verteuern und damit weniger attraktiv zu machen - könnten die Energiekosten auf absehbare Zeit erhöhen. Steigende Energiekosten könnten sich wiederum auf verschiedene Produktionsketten ausbreiten, was ebenfalls zu einem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus führen könnte. Während die Kosten für erneuerbare Energien (z. B. Wind und Sonne) rapide sinken und in Zukunft wahrscheinlich eine deflationäre Kraft darstellen würden, werde wohl noch etwas Zeit vergehen, bis sich dieser Faktor tatsächlich auf den gesamten Energiemix auswirken könne.

Hinzu komme der eingeleitete Kapitalinvestitionszyklus, der benötigt werde, um die Energiewende erfolgreich zu gestalten; vom Ausbau der erneuerbaren Energien bis hin zum Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur für die Elektromobilität und grünen Wasserstoff, um nur einige Beispiele zu nennen. Einige Marktteilnehmer würden schätzen, dass all dies über die nächsten 30 Jahre Investitionen im oberen einstelligen Billionen-Euro-Bereich allein in der EU erfordern werde. Es werde eine enorme Kraftanstrengung, die nur schwer vorstellbar keinen inflationären Effekt haben dürfte.

Während auf der einen Seite die strukturellen deflationären Treiber der letzten Jahrzehnte zweifelsohne fortbestehen würden, hätten sich auf der anderen Seite jedoch einige Kräfte aufgebaut, die das Pendel diesmal zugunsten der "Inflationisten" verschieben und der derzeit stattfindenden Reflation einen beständigeren Auftrieb verleihen könnten. (17.05.2021/alc/a/a)