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Wir müssen uns an die Inflation gewöhnen
07.10.22 12:45
Carmignac Gestion
Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Die Inflation, die 40 Jahre lang kein Thema war, ist zurück - und sorgt an den Märkten für Beunruhigung, so Frédéric Leroux, Mitglied des Strategic Investment Committee von Carmignac.
Von den Finanzakteuren, die 1980 an der Börse aktiv gewesen seien, würden heute nur noch sehr wenige an den Bildschirmen sitzen. Sei diesen Akteuren die Erinnerung an die Jahre, in denen die Inflation in den USA und Europa bis auf 15 Prozent gestiegen sei, überhaupt noch präsent?
All jene, die heute noch daran glauben würden, dass ein Blick in die Vergangenheit zu verstehen helfe, was man aktuell erlebe und was einen erwarte, sollten die Geschichtsbücher zur Hand nehmen. Denn aus dem Zeitraum zwischen 1965 und 1980 würden sich viele Lehren ziehen lassen. Damals sei die Inflation durch einen Ölpreisschock ausgelöst worden, der eine lange ruhige Phase bei der Preisentwicklung beendet habe; der Ablauf sei der gleiche wie in der aktuellen Situation gewesen.
Dennoch sei unsicher, ob die Finanzakteure die Preisexplosion nach der COVID-19-Pandemie schon als Anzeichen eines echten Inflationszyklus betrachten würden. Denn ihre Inflationserwartungen für die USA würden auf einen Rückgang in Richtung 2,75 Prozent bis Mitte 2023 und eine anschließende Stabilisierung auf einem Niveau von etwa 3 Prozent in den Folgejahren hinaus laufen. Das würde einer schnell wieder abebbenden Teuerungswelle entsprechen, wie man sie zwei- oder dreimal in den letzten 40 Jahren erlebt habe.
Es gebe jedoch mehrere strukturelle Inflationstreiber, die man berücksichtigen sollte: die demografische Entwicklung (weniger Sparer weltweit, weniger junge Menschen in China, die auf den Arbeitsmarkt drängen würden); den Handel (sinkender Anteil des Welthandels am BIP und weniger kompetitive Disinflation, mögliches Ende des Preisverfalls im Onlinehandel) und gesellschaftliche Gründe (Vorrang ethischer Erwägungen gegenüber schnellen Erfolgen) oder die Energiewende.
Wenn sich solche Grundtendenzen umkehren, könne dies zu einer anhaltenden Inflation führen. Könne es den Zentralbanken daher wirklich gelingen, die Inflation mithilfe von einigen Zinsanhebungen einzudämmen?
Heutzutage wären Entscheidungen, wie sie 1980 in den USA gefällt worden seien, kaum vorstellbar. Paul Volcker, der damalige Präsident der US-Notenbank FED, habe die Leitzinsen auf 20 Prozent angehoben, und die Inflation sei auf etwa 10% zurückgegangen.
Im gleichen Jahr habe US-Präsident Ronald Reagan die Lohn-Preis-Spirale beendet, indem er 11.400 Fluglotsen aus dem Staatsdienst entlassen habe - mit der Begründung, dass sie sich an einem illegalen Streik für mehr Lohn beteiligt hätten.
Darüber hinaus seien immense Investitionen im US-Ölsektor getätigt worden, um nach dem Ölpreisschock von 1973 die lokale Förderung auszubauen. Dies wäre heute undenkbar.
Viele Marktteilnehmer würden glauben, dass mit einem Ende des Krieges in der Ukraine auch der Anstieg der Energiepreise schnell vorbei wäre. Aber solange man nicht von einem Rücktritt Wladimir Putins ausgehen könne, sei nicht gesagt, dass die früheren Versorgungsquellen umgehend wieder zur Verfügung stehen würden.
Alternative Lösungen stünden noch nicht bereit. Gleichzeitig treibe der Rückgang der Investitionen in fossile Energien deren Kosten seit fast zehn Jahren unausweichlich nach oben. Dass man mit einer Energiekrise konfrontiert sei, obwohl China stillstehe, zeige im Übrigen, wie ernst die Lage sei.
Das Ende der COVID-19-Krise habe als Motor für die Inflation gewirkt, denn die Nachfrage sei dank massiver Konjunkturpakete in den USA angestiegen, während es auf der Angebotsseite Probleme wegen der stillstehenden Produktionsketten gegeben habe.
Die zusätzlichen Ersparnisse, die die US-Verbraucher während dieser Krise hätten bilden können, würden 12 Prozent des US-BIP entsprechen. Dadurch würden sie sich bei Lohnverhandlungen mit den Arbeitgebern in einer starken Position befinden, was derzeit zu einem jährlichen Lohnanstieg von durchschnittlich 7 Prozent führe. Wenn die Inflation wieder zu sinken beginne, werde der Lohnanstieg langsamer an Fahrt verlieren. Auf diese Weise würden sich reale Lohnsteigerungen ergeben, die das Wachstum stützen würden, aber der Disinflation entgegenwirken würden.
Eine Rezession, die notwendig wäre, um den Preisanstieg abzumildern, zeichne sich daher auf kurze Sicht nicht ab. Darüber hinaus werde der aktuelle FED-Chef Jerome Powell wohl weiterhin mit aggressiven Maßnahmen für Überraschungen an den Märkten sorgen.
Die nicht nachlassende Inflation, die lange Zeit als "vorübergehendes Phänomen" eingestuft worden sei, überrasche die Anleger immer noch, und die Gründe für den langfristigen Preisanstieg würden nicht ausreichend berücksichtigt. Dies bilde den Nährboden für einen dauerhaften Trend.
Angesichts der heute recht niedrigen Schmerzgrenze sei es sehr wahrscheinlich, dass die Zentralbanken schon beim ersten Anzeichen eines Rückgangs der Kerninflation umgehend die Zinsen senken würden - was zu früh wäre.
Der aktuelle Inflationsanstieg halte den Konjunkturzyklus am Laufen, indem er die Zentralbanken zum Handeln zwinge. Da er durchaus länger andauern könnte, sehe man sich veranlasst, die Strukturierung der Portfolios auf den Konjunkturzyklus abzustimmen. Dieses Umfeld, das für viele Anleger völlig neu sei, begünstige somit aktive Verwaltungsansätze, und zwar entgegen der allgemeinen Überzeugung auch im Anleihebereich. (07.10.2022/alc/a/a)
Von den Finanzakteuren, die 1980 an der Börse aktiv gewesen seien, würden heute nur noch sehr wenige an den Bildschirmen sitzen. Sei diesen Akteuren die Erinnerung an die Jahre, in denen die Inflation in den USA und Europa bis auf 15 Prozent gestiegen sei, überhaupt noch präsent?
All jene, die heute noch daran glauben würden, dass ein Blick in die Vergangenheit zu verstehen helfe, was man aktuell erlebe und was einen erwarte, sollten die Geschichtsbücher zur Hand nehmen. Denn aus dem Zeitraum zwischen 1965 und 1980 würden sich viele Lehren ziehen lassen. Damals sei die Inflation durch einen Ölpreisschock ausgelöst worden, der eine lange ruhige Phase bei der Preisentwicklung beendet habe; der Ablauf sei der gleiche wie in der aktuellen Situation gewesen.
Dennoch sei unsicher, ob die Finanzakteure die Preisexplosion nach der COVID-19-Pandemie schon als Anzeichen eines echten Inflationszyklus betrachten würden. Denn ihre Inflationserwartungen für die USA würden auf einen Rückgang in Richtung 2,75 Prozent bis Mitte 2023 und eine anschließende Stabilisierung auf einem Niveau von etwa 3 Prozent in den Folgejahren hinaus laufen. Das würde einer schnell wieder abebbenden Teuerungswelle entsprechen, wie man sie zwei- oder dreimal in den letzten 40 Jahren erlebt habe.
Es gebe jedoch mehrere strukturelle Inflationstreiber, die man berücksichtigen sollte: die demografische Entwicklung (weniger Sparer weltweit, weniger junge Menschen in China, die auf den Arbeitsmarkt drängen würden); den Handel (sinkender Anteil des Welthandels am BIP und weniger kompetitive Disinflation, mögliches Ende des Preisverfalls im Onlinehandel) und gesellschaftliche Gründe (Vorrang ethischer Erwägungen gegenüber schnellen Erfolgen) oder die Energiewende.
Wenn sich solche Grundtendenzen umkehren, könne dies zu einer anhaltenden Inflation führen. Könne es den Zentralbanken daher wirklich gelingen, die Inflation mithilfe von einigen Zinsanhebungen einzudämmen?
Heutzutage wären Entscheidungen, wie sie 1980 in den USA gefällt worden seien, kaum vorstellbar. Paul Volcker, der damalige Präsident der US-Notenbank FED, habe die Leitzinsen auf 20 Prozent angehoben, und die Inflation sei auf etwa 10% zurückgegangen.
Im gleichen Jahr habe US-Präsident Ronald Reagan die Lohn-Preis-Spirale beendet, indem er 11.400 Fluglotsen aus dem Staatsdienst entlassen habe - mit der Begründung, dass sie sich an einem illegalen Streik für mehr Lohn beteiligt hätten.
Viele Marktteilnehmer würden glauben, dass mit einem Ende des Krieges in der Ukraine auch der Anstieg der Energiepreise schnell vorbei wäre. Aber solange man nicht von einem Rücktritt Wladimir Putins ausgehen könne, sei nicht gesagt, dass die früheren Versorgungsquellen umgehend wieder zur Verfügung stehen würden.
Alternative Lösungen stünden noch nicht bereit. Gleichzeitig treibe der Rückgang der Investitionen in fossile Energien deren Kosten seit fast zehn Jahren unausweichlich nach oben. Dass man mit einer Energiekrise konfrontiert sei, obwohl China stillstehe, zeige im Übrigen, wie ernst die Lage sei.
Das Ende der COVID-19-Krise habe als Motor für die Inflation gewirkt, denn die Nachfrage sei dank massiver Konjunkturpakete in den USA angestiegen, während es auf der Angebotsseite Probleme wegen der stillstehenden Produktionsketten gegeben habe.
Die zusätzlichen Ersparnisse, die die US-Verbraucher während dieser Krise hätten bilden können, würden 12 Prozent des US-BIP entsprechen. Dadurch würden sie sich bei Lohnverhandlungen mit den Arbeitgebern in einer starken Position befinden, was derzeit zu einem jährlichen Lohnanstieg von durchschnittlich 7 Prozent führe. Wenn die Inflation wieder zu sinken beginne, werde der Lohnanstieg langsamer an Fahrt verlieren. Auf diese Weise würden sich reale Lohnsteigerungen ergeben, die das Wachstum stützen würden, aber der Disinflation entgegenwirken würden.
Eine Rezession, die notwendig wäre, um den Preisanstieg abzumildern, zeichne sich daher auf kurze Sicht nicht ab. Darüber hinaus werde der aktuelle FED-Chef Jerome Powell wohl weiterhin mit aggressiven Maßnahmen für Überraschungen an den Märkten sorgen.
Die nicht nachlassende Inflation, die lange Zeit als "vorübergehendes Phänomen" eingestuft worden sei, überrasche die Anleger immer noch, und die Gründe für den langfristigen Preisanstieg würden nicht ausreichend berücksichtigt. Dies bilde den Nährboden für einen dauerhaften Trend.
Angesichts der heute recht niedrigen Schmerzgrenze sei es sehr wahrscheinlich, dass die Zentralbanken schon beim ersten Anzeichen eines Rückgangs der Kerninflation umgehend die Zinsen senken würden - was zu früh wäre.
Der aktuelle Inflationsanstieg halte den Konjunkturzyklus am Laufen, indem er die Zentralbanken zum Handeln zwinge. Da er durchaus länger andauern könnte, sehe man sich veranlasst, die Strukturierung der Portfolios auf den Konjunkturzyklus abzustimmen. Dieses Umfeld, das für viele Anleger völlig neu sei, begünstige somit aktive Verwaltungsansätze, und zwar entgegen der allgemeinen Überzeugung auch im Anleihebereich. (07.10.2022/alc/a/a)
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| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
| 2,70 % | 1,90 % | 0,80 % | +42,11% | 17.04./22:00 |
| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| 2,70 % | 1,80 % | |||


