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Wie sich die Coronavirus-Epidemie auf den Anleihensektor auswirkt


12.02.20 11:00
WisdomTree Europe

London (www.anleihencheck.de) - Die Finanzmärkte starteten ungewöhnlich gut ins neue Jahr, so Kevin Flanagan, Head of Fixed Income Strategy bei WisdomTree.

Normalerweise würden die Marktteilnehmer auf die US-Notenbank und/oder die konjunkturelle Entwicklung blicken. Diesmal habe allerdings das Coronavirus im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Zur Bewertung dieses Ereignisses sei der Einblick aus der Perspektive der Anleihenmärkte hilfreich, vor allem wenn man den Vergleich zum Ausbruch von SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) im Zeitraum von November 2002 bis Juli 2003 ziehe.

Sicherlich würden sich auch andere Finanzexperten mit der Analyse dieser Situation beschäftigen. Allerdings habe Kevin Flanagan, Head of Fixed Income Strategy bei WisdomTree, festgestellt, dass der SARS-Ausbruch nicht im luftleeren Raum stattgefunden habe. Das aktuelle Coronavirus und der damit verbundene Risk-Off-Trade seien zweifellos Haupttriebkraft der jüngsten Entwicklungen im Bereich festverzinslicher Wertpapiere, insbesondere was den Markt der US-Treasuries (UST) angehe.

Nachdem wir uns in die Materie vertieften (und zurzeit des SARS-Ausbruchs auch auf den Märkten aktiv waren), stellten wir fest, dass die SARS-Episode vor 17 Jahren nicht unbedingt die Hauptursache für die dann folgende Zinsentwicklung war, so Kevin Flanagan, Head of Fixed Income Strategy bei WisdomTree, weiter. Damals seien die Anleger noch mit den Folgen der Anschläge von 9/11, der Anthrax-Angst Ende 2001 sowie mit dem Corporate Governance-Skandal (Enron und WorldCom) beschäftigt gewesen. Aus makroökonomischer Sicht hätten sich die USA gerade erst aus der Rezession des Jahres 2001 herausbewegt, die US-Notenbank habe sich mit der Rückführung des US-Leitzinses von 6,50 auf 1,00 Prozent bis Juni 2003 mitten in einem aggressiven Zinssenkungszyklus befunden.

Einige wichtige Highlights, die den Zeitraum der SARS-Ausbruch von November 2002 bis Juli 2003 veranschaulichen würden:

1. Die 10-Jahres-Rendite für UST sei an einem Punkt um etwa 105 Basispunkte gefallen, habe aber am Ende fast 25 Basispunkte über dem vor der SARS-Nachricht "auf Band" veröffentlichten Renditeniveau gelegen.

2. Die 3-Monats-/10-Jahres-Renditekurve sei an einem Punkt um etwa 75 Basispunkte abgeflacht, aber 50 Basispunkte breiter gewesen als im November 2002.

3. Die 2-Jahres/10-Jahres-Spanne der UST habe sich nur um etwas weniger als 15 Basispunkte verringert, sei aber Ende Juli 2003 um 55 Basispunkte höher gewesen.

4. Das reale US-BIP sei im 4. Quartal 2002 auf einen Tiefststand von plus 0,6 Prozent gefallen, aber im 3. Quartal 2003 auf plus 7,0 Prozent zurückgeschnellt.

5. Die Spreads bei US-Investment Grade und High Yield Bonds seien durchweg rückläufig gewesen und hätten sich um 84 bzw. 365 Basispunkte verringert.

Hier seien einige wichtige Highlights der aktuellen Epidemiephase:

1. Die Rendite 10-jähriger UST sei seit Beginn der Coronavirus-Schlagzeilen um etwa 30 Basispunkte gefallen.

2. Die 3-Monats-/10-Jahreskurve der UST habe sich um ähnliche 30 Basispunkte verengt, was den oben erwähnten Rückgang der 10-Jahres-Rendite widerspiegele und sei nun bei minus 2 Basispunkten wieder invertiert.

3. Die Kurve der 2- und /10-jährigen UST sei um 6 auf plus 19 Basispunkte abgeflacht.

4. Die Spreads bei Investment Grade (IG) Bonds hätten sich um bescheidene 5 Basispunkte erhöht, während die Spreads bei High Yields (HY) um mehr als 65 Basispunkte angestiegen seien.

Zwar sei Chinas Wirtschaft im Jahr 2020 weitaus stärker von globalem Einfluss geprägt als noch vor 17 Jahren. Es bestehe kein Zweifel, dass sich der Ausbruch des Corona-Virus negativ auf das chinesische BIP und damit auf das globale Wachstum auswirken werde. Ausgehend von einem Epidemie-Höchststand im ersten Quartal scheinen sich die Schätzungen auf einen Widerstand von etwa 0,5 bis 1,0 Prozentpunkten für China und 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte in Bezug auf die globalen Wachstumsaussichten zu konzentrieren, so Kevin Flanagan, Head of Fixed Income Strategy bei WisdomTree. Die USA seien davon zwar nicht isoliert, doch die Auswirkungen auf das reale BIP dürften dort derzeit nur wenige Prozentpunkte betragen. Tatsächlich liege der US-amerikanische Gesamthandel mit China, ausgedrückt in Prozent des BIP, im niedrigen einstelligen Bereich.

Sobald die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht habe, sei zu erwarten, dass sich die Geschichte auf dem UST-Markt wiederhole, wobei die 10-Jahres-Rendite wieder näher an 2 Prozent heranrücken könnte und die erwähnten Zinskurven wieder steiler ausfallen dürften. Die 3-Monats/10-Jahres-Kurve dürfte zudem wieder in den positiven Bereich zurückgehen. Auch die Spreads bei High-Yield-Bonds könnten sich ausgehend von den derzeitigen Niveaus etwas verengen.

Jegliche konjunkturelle Verlangsamung werde sich wahrscheinlich in den folgenden Quartalen wieder umkehren, und zwar in gewissem Umfang. Was die FED betreffe, so sei auf der Sitzung des Offenmarktausschusses im Januar unterstrichen worden, dass sich die Politik in einer Warteschleife befinde, obwohl die FED Funds Futures in diesem Jahr zwei Zinssenkungen einpreisten. (12.02.2020/alc/a/a)