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Wie lange ist "vorübergehend"? - EZB-Politik wird zunehmend fragwürdig
25.10.21 11:15
SIGNAL IDUNA AM
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die vergangenen Wochen waren von einer zunehmenden Nervosität an den Märkten hinsichtlich der weiteren Inflations- und damit auch Zinsentwicklung zahlreicher Währungsräume geprägt, so Christian Bender, CEFA, der im Fonds- und Portfoliomanagement der SIGNAL IDUNA Asset Management tätig ist und unter anderem den global agierenden Rentenfonds HANSAinternational verantwortet.
Im Ergebnis würden sich Marktindikatoren wie die Rendite der 10-jährigen Bund- oder der 10-jährigen US-Treasury charttechnisch, zumindest aber psychologisch wichtigen Marken von -0,10 bzw. +1,70 Prozent nähern.
Befeuert werde die zunehmende Nervosität dabei primär von den Statistikern. Während für die deutschen Verbraucherpreise jüngst Inflationsraten von 4,1 Prozent publiziert worden seien, seien es bei den Briten 3,2 Prozent, den Norwegern 4,1 Prozent, in den USA 5,4 Prozent und in Australien 3,8 Prozent.
Die Reaktionen der Notenbanken auf diese Daten würden sich zunehmend angleichen. Nachdem die US-Amerikaner bereits vor einigen Monaten wohlfeil formuliert hätten, dass sie sich eine Zinsanhebung im kommenden Jahr vorstellen könnten, hätten Briten und Australier in den letzten Wochen mit Ankündigungen nachgezogen. Die Norweger hätten bereits - auf niedrigem Niveau - gehandelt und im September ihren Leitzins von 0 auf 0,25 Prozent erhöht, die Russen seit Februar von 4,25 auf 7,50 Prozent angehoben. Brasilien sei seit März aktiv und habe von 2 auf 6,25 Prozent erhöht.
Lediglich die EZB, zumindest wenn man den engeren Zirkel um Christine Lagarde zum Maßstab nehme, spreche weiterhin davon, dass es keinen Handlungsbedarf gäbe, da alles Inflationäre nur vorübergehend sei, und begründe diese Einschätzung unter anderem mit den aus dem Rhythmus geratenen globalen Lieferketten. Wenn man jedoch erste Stimmen höre, dass die Logistiker durchaus bis Ende 2022 brauchen könnten, um wieder im Takt zu schwingen, frage man sich, was die EZB unter "vorübergehend" verstehe. Denn zwei Jahre mit Inflationsraten jenseits der vier Prozent bei einer parallelen Null- oder gar Negativverzinsung würden die Kaufkraft des Vermögens, aber auch der Einkünfte privater Haushalte um bald zehn Prozent senken.
Noch viel bedenklicher stimme, dass parallel die Preise im gewerblichen Bereich in Deutschland im September um 14 Prozent gestiegen seien - nach bereits 12 Prozent im August. Energie, Dünger, Holz, Stahl - die Liste der Produkte, die Treiber dieser Entwicklung seien, sei lang. Die Preissteigerungen in einzelnen Produkten lägen teilweise über 80 Prozent. Wenn möglich, würden die Unternehmen diese höheren Kosten zeitnah weitergeben wollen - der Druck auf die Verbraucherpreise sollte deshalb auch abseits der unmittelbar spürbaren Energiepreise anhalten.
Was heiße das für den Anleger? Die Kurse von Euro-Anleihen würden wie zwischen zwei Magneten hin- und hergezogen. Auf der einen Seite stehe die EZB, die mit ihrer unbegrenzten Marktmacht seit Jahren nahezu alles an verzinslichen Wertpapieren aufkaufe, was ihr in die Finger gerate, und die Renditen unter Druck zu halten suche. In ihrem Gefolge befänden sich diejenigen, die sich - angelehnt an die alte Weisheit "Don't fight the FED" - opportunistisch verhalten würden.
Auf der anderen Seite stünden die eher fundamental orientierten Marktteilnehmer, die - vielleicht naiv - davon ausgehen würden, dass eine der größten Währungen der Welt einen Realzins bieten müsse, um Anleger zu finden. Mit ihren Verkäufen und Futures-Operationen würden sie die EZB herausfordern - und letztlich auch auf Teile der Politik hoffen, mehr aber noch auf die breite Öffentlichkeit. Auf dass diese aufbegehren möge gegen das Vorgehen der EZB.
Derzeit finde dieses Aufbegehren aber nicht coram publico statt, sondern lasse sich primär in den Währungsbewegungen ablesen. Seit Jahresanfang habe der Euro gegenüber dem US-Dollar 4,7 Prozent, dem Austral-Dollar 2,3 Prozent, der Norwegischen Krone 7,4 Prozent verloren. Selbst gegenüber dem Britischen Pfund habe der Euro in diesem Jahr 5,6 Prozent nachgegeben - und das obwohl die Nachrichtenlage nach dem Brexit ein eher düsteres Bild der Verfassung der britischen Wirtschaft male. Auch die Schwellenländerwährungen würden dem Euro davonlaufen: Der Russische Rubel habe dieses Jahr 10,3 Prozent aufgewertet, der Renminbi 7,5 Prozent und Indiens Rupie 2,3 Prozent.
Das sei ein Misstrauensvotum, das die inflationären Bewegungen über höhere Importpreise in der Eurozone noch verstärke, aber die Exportchancen verbessere. Insofern sei nicht zu erwarten, dass sich die EZB dagegenstemmen werde.
Aus Anlegersicht würden Fremdwährungsanleihen deshalb nicht nur in den kommenden Monaten weiterhin attraktiv bleiben. In der Gemengelage aus angekündigten und getätigten Zinserhöhungen außerhalb der Eurozone nehme die Notwendigkeit, sich längere Durationen ins Depot zu legen, ab. Gleichwohl könne ein aktives Durationsmanagement in den Wellenbewegungen, die durch die Kräfte entfesselt würden, die zwischen den beiden beschriebenen Magneten wirken würden, einen zusätzlichen Beitrag für die Wertentwicklung des eigenen Anleiheportfolios leisten. (25.10.2021/alc/a/a)
Im Ergebnis würden sich Marktindikatoren wie die Rendite der 10-jährigen Bund- oder der 10-jährigen US-Treasury charttechnisch, zumindest aber psychologisch wichtigen Marken von -0,10 bzw. +1,70 Prozent nähern.
Befeuert werde die zunehmende Nervosität dabei primär von den Statistikern. Während für die deutschen Verbraucherpreise jüngst Inflationsraten von 4,1 Prozent publiziert worden seien, seien es bei den Briten 3,2 Prozent, den Norwegern 4,1 Prozent, in den USA 5,4 Prozent und in Australien 3,8 Prozent.
Die Reaktionen der Notenbanken auf diese Daten würden sich zunehmend angleichen. Nachdem die US-Amerikaner bereits vor einigen Monaten wohlfeil formuliert hätten, dass sie sich eine Zinsanhebung im kommenden Jahr vorstellen könnten, hätten Briten und Australier in den letzten Wochen mit Ankündigungen nachgezogen. Die Norweger hätten bereits - auf niedrigem Niveau - gehandelt und im September ihren Leitzins von 0 auf 0,25 Prozent erhöht, die Russen seit Februar von 4,25 auf 7,50 Prozent angehoben. Brasilien sei seit März aktiv und habe von 2 auf 6,25 Prozent erhöht.
Lediglich die EZB, zumindest wenn man den engeren Zirkel um Christine Lagarde zum Maßstab nehme, spreche weiterhin davon, dass es keinen Handlungsbedarf gäbe, da alles Inflationäre nur vorübergehend sei, und begründe diese Einschätzung unter anderem mit den aus dem Rhythmus geratenen globalen Lieferketten. Wenn man jedoch erste Stimmen höre, dass die Logistiker durchaus bis Ende 2022 brauchen könnten, um wieder im Takt zu schwingen, frage man sich, was die EZB unter "vorübergehend" verstehe. Denn zwei Jahre mit Inflationsraten jenseits der vier Prozent bei einer parallelen Null- oder gar Negativverzinsung würden die Kaufkraft des Vermögens, aber auch der Einkünfte privater Haushalte um bald zehn Prozent senken.
Was heiße das für den Anleger? Die Kurse von Euro-Anleihen würden wie zwischen zwei Magneten hin- und hergezogen. Auf der einen Seite stehe die EZB, die mit ihrer unbegrenzten Marktmacht seit Jahren nahezu alles an verzinslichen Wertpapieren aufkaufe, was ihr in die Finger gerate, und die Renditen unter Druck zu halten suche. In ihrem Gefolge befänden sich diejenigen, die sich - angelehnt an die alte Weisheit "Don't fight the FED" - opportunistisch verhalten würden.
Auf der anderen Seite stünden die eher fundamental orientierten Marktteilnehmer, die - vielleicht naiv - davon ausgehen würden, dass eine der größten Währungen der Welt einen Realzins bieten müsse, um Anleger zu finden. Mit ihren Verkäufen und Futures-Operationen würden sie die EZB herausfordern - und letztlich auch auf Teile der Politik hoffen, mehr aber noch auf die breite Öffentlichkeit. Auf dass diese aufbegehren möge gegen das Vorgehen der EZB.
Derzeit finde dieses Aufbegehren aber nicht coram publico statt, sondern lasse sich primär in den Währungsbewegungen ablesen. Seit Jahresanfang habe der Euro gegenüber dem US-Dollar 4,7 Prozent, dem Austral-Dollar 2,3 Prozent, der Norwegischen Krone 7,4 Prozent verloren. Selbst gegenüber dem Britischen Pfund habe der Euro in diesem Jahr 5,6 Prozent nachgegeben - und das obwohl die Nachrichtenlage nach dem Brexit ein eher düsteres Bild der Verfassung der britischen Wirtschaft male. Auch die Schwellenländerwährungen würden dem Euro davonlaufen: Der Russische Rubel habe dieses Jahr 10,3 Prozent aufgewertet, der Renminbi 7,5 Prozent und Indiens Rupie 2,3 Prozent.
Das sei ein Misstrauensvotum, das die inflationären Bewegungen über höhere Importpreise in der Eurozone noch verstärke, aber die Exportchancen verbessere. Insofern sei nicht zu erwarten, dass sich die EZB dagegenstemmen werde.
Aus Anlegersicht würden Fremdwährungsanleihen deshalb nicht nur in den kommenden Monaten weiterhin attraktiv bleiben. In der Gemengelage aus angekündigten und getätigten Zinserhöhungen außerhalb der Eurozone nehme die Notwendigkeit, sich längere Durationen ins Depot zu legen, ab. Gleichwohl könne ein aktives Durationsmanagement in den Wellenbewegungen, die durch die Kräfte entfesselt würden, die zwischen den beiden beschriebenen Magneten wirken würden, einen zusätzlichen Beitrag für die Wertentwicklung des eigenen Anleiheportfolios leisten. (25.10.2021/alc/a/a)


