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Werden die Staaten den Zentralbanken folgen?


24.09.19 08:45
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - Geopolitische Spannungen, Sorgen um das weltweite Wachstum, eine Rezession im Verarbeitenden Gewerbe und quasi stagnierende Unternehmensgewinne in diesem Jahr: An Gründen für Pessimismus an den Aktienmärkten mangelt es nicht, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer und Clément Inbona, Fondsmanager von La Financière de l'Echiquier.

Dennoch lägen die Indices in den USA und Europa auf ihren historischen Höchstständen (oder fast), wenn man die ausgeschütteten Dividenden mit einbeziehe: Der S&P 500 liege nur 0,3 Prozent unter seinem Spitzenwert vom 26. Juni dieses Jahres, während der EURO STOXX 50 so hoch stehe, wie niemals zuvor. Auf den ersten Blick könnte die offensichtliche Diskrepanz zwischen Realwirtschaft und Aktienbewertungen überraschend erscheinen. Bei genauerem Hinsehen würden sich jedoch gute Gründe zeigen, das Glas eher halb voll als halb leer zu sehen.

Zuallererst seien da die geldpolitischen Bedingungen, die in den vergangenen Monaten deutlich gelockert worden seien. Jüngstes Beispiel? Die Sitzung des Gouverneursrats der FED in der Vorwoche, der binnen zwei Monaten zum zweiten Mal eine Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte beschlossen und weitere Zinssenkungen nicht ausgeschlossen habe. Dieser gemeinhin erwartete Beschluss habe sich kaum auf die Märkte ausgewirkt. Dennoch sei dies etwas völlig Neues gewesen: Obwohl die Inflation ihren Zielwert fast erreicht habe, die Arbeitslosenrate so niedrig wie nie sei und das Wachstum ein ordentliches Tempo aufweise, senke die wichtigste Zentralbank der Welt ihre Zinssätze! Werde die Zukunft diese Entscheidung rechtfertigen? Oder werde die Geschichte sie verurteilen?

Ungeachtet dessen würden nahezu alle Zentralbanken weltweit eine lockere Geldpolitik verfolgen. Die Zinssätze seien sehr niedrig und das weltweite Wachstum liege auf durchschnittlichem Niveau, wenngleich es leicht nach unten korrigiert worden sei. Eigentlich sei dieses Umfeld für Aktien ideal.

Zudem werde unter dem Druck der Zentralbanken, der internationalen Institutionen und der Bürger der Ruf nach staatlichen Konjunkturmaßnahmen immer lauter. Angesichts der zunehmenden Ungleichheiten, der durch den Klimawandel bedingten Herausforderungen und der teilweise maroden Infrastruktur sei der Druck auf die Regierungen sehr stark. Einige aktuelle Maßnahmen würden den sich vollziehenden Wandel gut veranschaulichen. In Frankreich beispielsweise hätten die Proteste der Gelbwesten Präsident Macron im vergangenen Dezember gedrängt, Maßnahmen zu ergreifen, die das Haushaltsdefizit vergrößert hätten. Ein auffälliges Beispiel aus jüngster Zeit sei Deutschland: Das Land habe soeben ein Ausgabenprogramm über 50 Milliarden Euro bis 2025 zur Reduzierung der CO2-Emissionen angekündigt. In Berlin werde derzeit heftig über die Lockerung der haushaltspolitischen Fesseln debattiert. In den USA werde der um seine Wiederwahl kämpfende US-Präsident wohl eine weitere Steuerentlastung oder ein Ausgabenprogramm vorbereiten, um vor allem die Verteuerung bestimmter Importgüter aus China abzufedern, die von den durch ebendiesen Präsidenten neu verhängten Zöllen betroffen seien.

Zudem mache der Rückgang der Zinssätze und der Kreditspreads die Rendite von Aktien noch attraktiver. Denn die Kombination aus Dividenden und Aktienrückkäufen biete ein deutlich höheres Ausschüttungs- und Renditepotenzial als bei den meisten Staats- und auch Unternehmensanleihen.

Aktien würden somit trotz der Befürchtungen der Anleger und der diesem Anlagetyp innewohnenden Risiken weiterhin attraktiv bleiben. "Sei gierig, wenn andere ängstlich sind", habe schon Warren Buffet gesagt. (24.09.2019/alc/a/a)