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Wer gibt zuerst nach: Die US-Notenbank oder die Anleger?


04.06.19 09:00
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - Seit Jahresbeginn haben wir regelmäßig auf die vorherrschende Zweiteilung an den Märkten hingewiesen, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer und Enguerrand Artaz, Fondsmanager bei La Financière de l'Echiquier.

Auf der einen Seite hätten sich wichtige Indices aufgrund des Schwenks der Zentralbanken zu einer lockereren Geldpolitik und der Korrektur einiger übertriebener Unterbewertungen deutlich erholt. Auf der anderen Seite stünden maue und sogar eindeutig schlechtere gesamtwirtschaftliche Daten überall auf der Welt. Mehr als vier Monate lang habe der Kurswechsel der Zentralbanken diese durchwachsenen Daten an den Märkten übertünchen können. Diese Zuversicht sei jedoch schwach gewesen, wie der deutliche Performance-Abstand zwischen Stilen und Sektoren, defensiven Werten und Werten mit erkennbarem Wachstum, die bei weitem am beliebtesten gewesen seien, belege.

Es habe sich um eine Zuversicht gehandelt, die durch die von den USA neu angefachten Handelsspannungen schwer angegriffen worden sei. Die Risiken würden wieder vermehrt ins Bewusstsein der Anleger rücken, die die gesamtwirtschaftlichen Daten nun genauer betrachten würden und allmählich Angst bekämen. Die Entwicklung verlaufe an den Aktienmärkten letztlich noch moderat (die großen Indices seien im Vergleich zu ihren Jahreshochs um rund 5 bis 6 Prozent zurückgegangen), an den Zinsmärkten gehe es jedoch heftiger zur Sache. Dies betreffe natürlich vor allem das Niveau der langfristigen Zinssätze. Zehnjährige US-Staatsanleihen hätten die Woche bei 2,124 Prozent geschlossen, dem tiefsten Stand seit September 2017, während zehnjährige deutsche Bundesanleihen auf -0,213 Prozent und somit auf einen historischen Tiefststand abgesackt seien. Darüber hinaus habe dies Auswirkungen auf die Struktur der Zinskurven. Insbesondere in den USA tendiere sie dazu, sich immer mehr umzukehren. Binnen Monatsfrist sei der dreimonatige Zinssatz von 2,418 Prozent auf 2,340 Prozent gesunken, während der zehnjährige Zinssatz von 2,503 Prozent auf 2,124 Prozent gefallen sei!

Dieser Abstand zwischen der Laufzeit von drei Monaten und von zehn Jahren auf der US-Zinskurve sei ein viel beachteter Indikator, um künftige Rezessionen vorherzusagen. Mit -0,38 Prozent liege er auf Niveaus (wie beispielsweise im Sommer 2006 und im Sommer 2007), denen in den vergangenen 20 Jahren bald Rezessionen gefolgt seien. Bald, jedoch nicht sofort. Denn in der Vergangenheit hätten zwischen dem Erreichen dieser Niveaus und der eigentlichen Rezession immer noch mehrere Quartale gelegen. Dies bleibe dennoch beunruhigend, zumal der Abstand bereinigt um die Effekte des Quantitative Easing und des Quantitative Tightening der US-Notenbank noch größer erscheine.

Dieses seit einiger Zeit flüchtig zu beobachtende Phänomen habe sich in der vergangenen Woche offenkundig beschleunigt. Denn die Handelsspannungen würden nicht nachlassen. China solle einen Plan vorbereiten, um sein Monopol auf seltene Erden als Waffe gegen die USA einzusetzen, während auf US-Seite Vize-Präsident Mike Pence darauf hingewiesen habe, dass die Zölle auf chinesische Importgüter bei Bedarf "mehr als verdoppelt" werden könnten. Zudem habe US-Präsident Donald Trump Zölle in Höhe von 5 Prozent auf sämtliche mexikanische Produkte angekündigt und das südliche Nachbarland bezichtigt, zu wenig gegen illegale Einwanderung zu unternehmen. Diese Zölle könnten zum 1. Juli auf 10 Prozent steigen und sich dann um weitere 5 Prozent pro Monat (bis zu 25 Prozent) erhöhen, bis das Problem geregelt sei.

Neben diesen geopolitischen Konflikten würden auch die Konjunkturdaten weiterhin für Beunruhigung sorgen. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in China habe sich erneut verschlechtert und sei von 50,1 auf 49,4 gesunken. In den USA sei der Index der FED von Dallas für das Verarbeitende Gewerbe stark rückläufig gewesen und habe deutlich unter den Schätzungen gelegen. In Europa habe das Wachstum des BIP in Italien im ersten Quartal mit +0,1 Prozent im Vergleich zu erwarteten +0,2 Prozent und vor allem mit einem Minus von 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr enttäuscht (und im Vergleich zu erwarteten +0,1 Prozent).

So viele Aspekte, die Wasser auf die Mühlen der Zinsmärkte seien, deren Entwicklung ein stark verschlechtertes Bild der Lage zeichne. Zu diesem Zeitpunkt scheine ein weiteres Übergreifen auf die Märkte für Risikoanlagen unvermeidlich. Nur die Aussicht auf Maßnahmen der Zentralbanken und insbesondere der FED verhindere vorerst eine echte Kapitulation. Es bleibe abzuwarten, wer zuerst nachgebe: Die US-Notenbank oder die Anleger. (04.06.2019/alc/a/a)