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Welche Folgen hat der Brexit im Detail? Wird BoE britische Staatsanleihen kaufen?


27.06.16 12:15
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Nun ist es amtlich: Die Mehrheit der Briten hat dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Für Michael Browne und Steve Frost, Fondsmanager des Legg Mason Martin Currie European Absolute Alpha Fund bei Legg Mason, ist eines sicher: Auf das Ergebnis des Referendums folgt Unsicherheit, was zu einer höheren Volatilität am Markt führen wird.

Doch welche Folgen habe der Brexit im Detail? Wie würden die beiden Europa-Experten ihr Portfolio konkret positionieren? Welche Auswirkungen habe das Referendum auf Großbritannien, die EU, die politische Szene und die Märkte?

Im Vorfeld des Referendums seien die Experten besorgt gewesen, dass der Markt am 24. Juni entweder um drei Prozent zulegen oder um neun Prozent fallen würde. Grund hierfür sei ein vorheriger Anstieg an den Märkten gewesen, weil die Mehrheit der Investoren wohl von einem Verbleib Großbritanniens in der EU ausgegangen sei. Die von den Experten prognostizierte Spanne für mögliche Marktbewegungen am 24. Juni habe Netto-Long-Positionen nicht gerade begünstigt. Deshalb hätten die Experten bereits im Vorfeld des Referendums ihr Netto-Engagement von 48 Prozent auf 28 Prozent und ihr Brutto-Exposure von 114 Prozent auf 95 Prozent reduziert. Ebenfalls runtergefahren hätten sie ihr Engagement in Firmen, die einen Großteil ihrer Gewinne in Großbritannien erzielen würden. Hier seien die Experten netto nur noch mit zwei Prozent long.

Die britischen Wähler, allen voran die in der Mitte und im Norden Englands, hätten ihrem Ärger bezüglich einiger Globalisierungseffekte, dem Sparkurs und einem immer stärker auf London fixiertem Land Luft gemacht. Für den Austrittsprozess aus der EU müsse nun der Artikel 50 des Lissaboner Vertrags rückgängig gemacht werden. Doch dieser werde erst starten, wenn die konservative Partei einen Nachfolger für David Cameron gefunden habe, der nur wenige Stunden, nachdem das Ergebnis bestätigt worden sei, zurückgetreten sei. Matthew Elliot, der Chef der offiziellen "Vote-Leave-Kampagne", habe er sehe keine Eile gesagt, den Prozess zum Artikel 50 in die Wege zu leiten. Der Chef der britischen Independence Partei, Nigel Farage, hingegen dränge darauf, schnellstmöglich eine pro-Brexit-Regierung zu etablieren.

Wirtschaftswissenschaftler würden indes die Wachstumsvorhersagen für die britische Wirtschaft nach unten korrigieren. Für 2017 würden diese bereits ein Minus zeigen. Die Experten würden glauben, dass es auch Auswirkungen auf das europäische Wachstum haben werde und hier mit einem Rückgang von 0,5 Prozent rechnen.

Das größte Risiko gehe derzeit vermutlich von einer instabilen politischen Situation in Großbritannien aus, nun da Premier Davon Cameron zurückgetreten sei. Es sei möglich, dass Boris Johnson, der frühere Londoner Bürgermeister und prominenter Verfechter des Brexit, auf dem Parteitag im Oktober zum neuen Chef der Konservativen Partei gewählt werde.

Man sollte außerdem mit einem Ausbau des öffentlichen Dienstes rechnen, da hier einige Aufgaben anfallen würden, die bisher auf EU-Ebene gelöst worden seien. Sowohl die Labour als auch die Konservative Partei würden wohl innerparteiliche Tumulte erleben und Großbritannien könnte künftig von einer schwachen Mehrparteien-Koalition regiert werden.

Europa habe die schlechte Angewohnheit, alle paar Jahre Probleme zu finden, die den Konjunkturoptimismus erschüttern würden, sei es die griechische Staatsschuldenkrise, Sorgen um zypriotische Banken, den Finanzsektor in Italien oder nun der Brexit. Die Experten würden dies als einen wesentlich größeren Prozess innerhalb Europas bewerten, einen politischen Konsens zu finden, der letztendlich Unternehmen das Vertrauen geben würde, loszuziehen und zu investieren.

Die Einkaufspreis-Inflation werde durch die Schwäche des Britischen Pfunds hervorgerufen, obwohl Preissetzungsmacht des Outputs bei Gütern und Dienstleistungen auch in einer schwachen Wirtschaft noch vorhanden sei. Möglicherweise könnte eine geringe Immigration das Angebot an Arbeitskräften im niedrigen Gehaltssegment verknappen und damit für eine Lohninflation sorgen. Nach Ansicht der Experten werde Großbritannien 2017 in die Rezession rutschen - vor allem aufgrund niedrigerer Investitionen von Unternehmen. Ein Ergebnis des Referendums werde sein, dass der Druck für Sparmaßnahmen, der durch die EU hervorgerufen worden sei, nun nachlasse und damit zu einem der wichtigsten positiven Katalysatoren im Land werden könnte. Der schwache Euro und die Neuverteilung von ausländischen Direktinvestments weg aus Großbritannien nach Deutschland würden der dortigen Wirtschaft helfen.

Die Bank of England (BoE) werde aller Voraussicht nach reagieren und britische Staatsanleihen kaufen. Am Markt spekuliere man darauf, dass das Quantitative Easing zunehmen werde. Die BoE habe bereits verkündet, dass zusätzliche 250 Milliarden Britische Pfund aus normalen Quellen zur Verfügung stünden. Ursprünglich seien die Renditen zehnjähriger britischer Staatspapiere gesunken, während zehnjährige deutsche Staatsanleihen unter Null gefallen seien. Ein Umfeld mit fallenden Renditen und flacheren Renditekurven rege Banken nicht gerade dazu an, Kredite zu vergeben, was wiederum schlecht für die Gewinne der Banken sei. Andere Zentralbanken würden sich ebenfalls bereit für Reaktionen machen, wie der Chef der Bank of Japan, Haruhiko Kuroda, verkündet habe.

Es sei noch etwas früh, um exakt vorherzusagen, wie die Unternehmensgewinne von einem schwächeren europäischen Wachstum beeinflusst würden. Die Experten würden davon ausgehen, dass insbesondere wirtschaftssensitive Unternehmen in Großbritannien mit kleinen Margen, ausgedehnten Bilanzen, die in fragmentierten Märkten operieren würden und von einem positiven Investitionszyklus abhängig seien, am meisten leiden würden. Auf der Gewinnerseite würden sie solche Unternehmen sehen, deren Gewinne von Währungsschwächen profitieren würden, die damit von Währungsumrechnungseffekten gepusht würden.

Assets in Großbritannien würden mit dem fallenden Pfund sehr günstig erscheinen, weshalb die Experten mit einer Zunahme bei Übernahmen - vermutlich hauptsächlich von US-Dollar-basierten und asiatischen Firmen - rechnen würden. Das gleiche treffe vermutlich mit der Euroschwäche auch auf Kontinentaleuropa zu.

Obwohl europäische Aktien als Anlageklasse stark unter Beschuss geraten seien, gebe es durchaus Anlass zu Optimismus: Das Referendum könnte eine wirtschaftliche Erholung sogar unterstützen, da der Sparkurs wegfallen dürfte. Das qualitative Ampelsystem, das es ermögliche, einen strategischen Blick auf das wirtschaftlichen Geschehen zu werfen, zeige bei einigen Indikatoren deutlich von neutral in Bullenrichtung. Die Unternehmen hätten ihre Kosten im Griff, das Engagement der Investoren sei bisher niedrig gewesen, ebenso wie die Kreditspanne.

Die Experten würden sowohl ihre Long- als auch Short-Positionen erweitern und hätten eine Liste mit Unternehmen zusammengestellt, die in dem neuen Marktumfeld interessant erscheinen würden. Ihr Research-Schwerpunkt liege dabei auf Unternehmensmodellen, die europäisch ausgerichtet seien, schneller wachsen würden als das Bruttoinlandsprodukt, einen guten Marktanteil und Preissetzungsmacht hätten sowie wenig anfällig für Probleme aus den Schwellenländern seien. Die Experten seien zudem auf der Suche nach Unternehmen, welche übermäßige Risiken gegenüber ihrem Geschäftsmodell abzinsen würden.

Als aller erstes hätten sich die Experten darauf konzentriert, Kapital zu erhalten, indem sie die Bilanz und das Netto-Engagement in dieser unsicheren Phase reduziert hätten. Als paneuropäische Strategie hätten sie die Flexibilität, sich auf die Länder und Unternehmen zu konzentrieren, die entweder weniger vom Brexit tangiert würden oder sogar davon profitieren würden - etwa indem sie sich nach soliden Unternehmen umschauen oder Short-Positionen bei Unternehmen eingehen würden, die vermutlich nach diesem historischen Ereignis mit einigen Herausforderungen zu kämpfen hätten. (27.06.2016/alc/a/a)