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Was geschieht, wenn Nachhaltigkeitsanleihen ihre Ziele verfehlen?


22.05.24 11:37
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Larissa Joubert, Buy-Side Fixed-Income ESG Analyst, und Michaël Oblin Fixed Income Analyst, beide bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM), untersuchen am konkreten Beispiel, wie der Markt mit nachhaltigkeitsorientierten Anleihen umgeht, die ihre Ziele verfehlen.

Nachhaltigkeitsorientierte Anleihen (oder Sustainability-linked Bonds) seien Anleihen, deren Kupons ans Erreichen von Nachhaltigkeitszielen gebunden seien. Ob diese Ziele erreicht würden, werde anhand von Performance-Indikatoren gemessen.

Hier ein konkretes Beispiel: Enel sei ein weltweit tätiger italienischer Energieversorger und der größte Emittent derartiger Anleihen. Zehn dieser Anleihen hätten Ende 2023 ihren ersten Beobachtungstermin erreicht. Seien die gesetzten Nachhaltigkeitsziele erreicht worden? Und was lasse sich aus ihren Kursen und Renditeaufschlägen ablesen?

Aus dem Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens für 2023 gehe hervor, dass Enel die Scope-1-CO2-Intensität seiner Stromerzeugung um über 30% habe senken können, von 229g CO2/kwh 2022 auf 160g. Das für die nachhaltigkeitsorientierten Anleihen gesteckte Ziel von 148g CO2/kwh sei indes verfehlt worden. Enel verweise auf die Aufforderung der italienischen Regierung, angesichts der Energiekrise im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine die Nutzung der Kohlekraftwerke bis Ende September 2023 zu maximieren. Wäre dies nicht geschehen, hätte Enel nach eigenen Angaben eine Emissionsintensität deutlich unter dem angestrebten Wert erzielt.

Enel habe bestätigt, dass die Kupons der zehn Anleihen, deren Kuponhöhe an das verfehlte Emissionsintensitätsziel gebunden seien, wie vertraglich vorgesehen um 0,25%-Punkte steigen würden. Ein solcher Aufschlag sei marktüblich und für das Unternehmen finanziell nicht erheblich (0,1% des EBITDA für 2023).

Das Nichterreichen von Dekarbonisierungszielen könne Auswirkungen darauf haben, wie nachhaltig Investoren ein Unternehmen einschätzen würden. Verfehle ein Unternehmen seine Ziele, könne das die klimabezogenen Kreditrisiken erhöhen. Infolgedessen könnten sich die Renditeaufschläge (Spreads) der Anleihen ausweiten und die Gesamtkapitalkosten erhöhen. Allerdings sei diese Spread-Ausweitung weniger wahrscheinlich, wenn das Unternehmen erstens von Ereignissen betroffen sei, die sich seiner Kontrolle entziehen würden, zweitens ein klares Bekenntnis zu seinen Zielen aufrechterhalte und drittens gegenüber den Anlegern transparent sei.

Im Fall Enel und seinen besonderen Umständen sei die Emissionsintensität im Jahr 2023 im Einklang mit ihrem 1,5 Grad Celsius-Zielpfad geblieben, wie er von der Science Based Targets Initiative bestätigt worden sei, die einen Schwellenwert festlege, der weit über dem erreichten Wert liege. Mit anderen Worten: Enel bleibe im Einklang mit dem 1,5 Grad Celsius-Ziel und übertreffe es sogar. Darüber hinaus werde das Engagement von Enel für die Dekarbonisierung bestätigt: Für 2026 sei ein neues, niedrigeres Ziel für die CO2-Intensität festlegt worden: 125g CO2/kwh.

Sollte ein Emittent dagegen sein Ziel verfehlen, weil er offensichtlich vom Weg der grünen oder sozialen Verbesserung abweiche, würde die Anlegergemeinschaft dies deutlich weniger wohlwollend aufnehmen. Eine Ausweitung der Kreditspreads wäre die Folge, da ESG-orientierte Anleger zum Verkauf gezwungen sein könnten.

Interessant sei der Vergleich der Kreditspreads der zehn Enel-Anleihen, die ihr Nachhaltigkeitsziel verfehlt hätten, mit nicht-nachhaltigkeitsgebundenen Anleihen desselben Emittenten (ähnliche Laufzeiten):

- Der Markt antizipiere die Zielverfehlung und damit den erhöhten Kupon. Dadurch schneide die Nachhaltigkeitsanleihe einige Wochen oder Monate vor der Bestätigung der Zielverfehlung besser ab als vergleichbare nicht-nachhaltigkeitsgebundene Anleihen. Für Portfoliomanager könne es sich daher lohnen, eine Zielverfehlung zu antizipieren.

- Eine zusätzliche kleine Outperformance sei am Tag der Veröffentlichung des Nachhaltigkeitsberichts sichtbar geworden. Dieser habe die Zielverfehlung bestätigt, die die Erhöhung des Kupons ausgelöst habe.

- Am nächsten Tag und in den darauffolgenden Tagen habe die Rückkehr zur Normalität für eine Underperformance gesorgt. Das deute darauf hin, dass die Anleger weiterhin an den mittel- bis langfristigen Dekarbonisierungspfad des Unternehmens glauben würden. Die Renditeaufschläge seien damit wieder auf ein ähnliches Niveau wie die von nicht-nachhaltigkeitsgebundenen Anleihen gesunken. (22.05.2024/alc/a/a)