Erweiterte Funktionen

Ungarn: Zinsnormalisierung beginnt


13.06.23 11:54
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das reale Bruttoinlandsprodukt Ungarns ist im ersten Quartal 2023 zum dritten Mal in Folge geschrumpft: Nach dem Minus um 0,3% gegenüber dem Vorquartal liegt das BIP nun auch im Vergleich zum Vorjahr im negativen Bereich (-1,1%), so die Analysten der DekaBank.

Auf der Entstehungsseite habe sich das Verarbeitende Gewerbe schwach gezeigt, während der Dienstleistungssektor leicht und die Landwirtschaft deutlich hätten zulegen können. Der Konsum und die Investitionstätigkeit würden nach wie vor unter der Inflations- und Zinsentwicklung leiden, während die Außenwirtschaft einen positiven Beitrag habe leisten können, unterstützt durch die Erholung der Reisebranche und die Normalisierung der Energieimportpreise. Die Inflationsdynamik lasse langsam nach: Im Mai sei die Inflationsrate gegenüber dem April um 0,4% gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr liege die Teuerungsrate mit 21,5% im Mai nach wie vor sehr weit vom Zentralbankziel (3%+/1 Pp) entfernt, kein geeigneter Zeitpunkt also, um den Leitzins (13%) zu senken.

Doch die Stärke des Forints, der mit einer Aufwertung gegenüber dem Euro von über 8% seit Jahresanfang die stärkste Währung der Region sei, zusammen mit der Verbesserung in der Leistungsbilanz ermögliche es der Zentralbank, den im Herbst als Hauptpolitikzins eingeführten 1-Tages-Einlagenzinssatz von 18% schrittweise zu normalisieren. Sein ursprüngliches Ziel als Notfall-Tool, um die Finanzmärkte und den bröckelnden Forint zu stabilisieren, sei bereits erfüllt.

Ende Mai habe die Zentralbank den ersten Schritt um 100 Bp gemacht, sodass das Notfallinstrumentarium bis Herbst abgeschafft sein dürfte. Die erste "echte" Leitzinssenkung dürfte dann Anfang 2024 folgen. Der jüngste Vorschlag aus dem ungarischen Wirtschaftsentwicklungsministerium, das Inflationsziel (gegenwärtig bei 3%) anzuheben, könne die Glaubwürdigkeit der Zentralbank bei der Inflationsbekämpfung gefährden, falls er weiterverfolgt werde.

Die Kaufkraftverluste aufgrund der hohen Inflation, die Straffung der Geldpolitik sowie die Konjunkturschwäche in Euroland dürften die Konjunkturdynamik 2023 erheblich belasten, bevor 2024 eine Belebung stattfinde. Ungarn bleibe eines der wenigen EU-Länder, die 2022 nur wenig Diversifizierungsbemühungen in Bezug auf die Abhängigkeit von Energieträgern aus Russland unternommen hätten, und wäre somit von einem russischen Energielieferstopp überproportional stark betroffen, sei es aufgrund der Zerstörung der Transitinfrastruktur der Ukraine oder aufgrund der Sanktions- und Gegensanktionsspirale.

2022 hätten sich wichtige makroökonomische Kennzahlen, wie die die Inflation oder das Budget- und Leistungsbilanzdefizit, erheblich verschlechtert. Hinzu komme der anhaltende Konflikt zwischen Ungarn und der EU wegen der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze und der Korruption sowie die Abhängigkeit von Energielieferungen aus Russland. Als Folge hätten die Ratingagenturen die Bonitätseinschätzung Ungarns im Januar 2023 verschlechtert: S&P habe das Rating um eine Stufe auf BBB-, die unterste Stufe des Investment Grades, gesenkt; Fitch habe den Ausblick auf das "BBB"-Rating auf "negativ" gesetzt. Lediglich Moody’s habe die Einstufung beibehalten.

Die ungarische Regierung arbeite derzeit an dem "27 Meilensteine"-Plan, um die von der EU eingefrorenen Mittel der "Ausbau- und Resilienzfazilität" (ca. 5,8 Mrd. Euro Zuschüsse) sowie der Kohäsionsfonds (ca. 21,5 Mrd. Euro über sieben Jahre des mittelfristigen EU-Budgetrahmens) zu entsperren. Die Analysten würden davon ausgehen, dass im Laufe des Jahres 2023 die notwendigen Mechanismen eingerichtet werden könnten. Sollte Ungarn der Zugang zu EU-Mitteln im Risikoszenario dauerhaft verwehrt bleiben, dürfte sich die Bonitätseinschätzung weiter verschlechtern. (13.06.2023/alc/a/a)