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Ungarn: Neuer Zentralbankchef, alte Politik
12.03.25 11:53
DekaBank
Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die ungarische Wirtschaft hat dank der starken Entwicklung im Dienstleistungssektor im vierten Quartal 2024 aus der Rezession herausgefunden: Das reale BIP-Wachstum lag bei 0,5% qoq (0,1% yoy), so die Analysten der DekaBank.
Die Industrie, der Bau und die Landwirtschaft hätten die Konjunktur allerdings negativ beeinflusst. Die ungarische Zentralbank habe seit März 2025 einen neuen Chef, den früheren Finanzminister Mihaly Varga. In seiner Einführungsrede habe er das Ziel der Preisniveaustabilität hervorgehoben und auch die Finanzstabilität sowie die Unabhängigkeit der Zentralbank betont. Auch wenn Varga zu den engsten Verbündeten Präsident Orbans gehöre, dürfte die Geldpolitik weiterhin an der ökonomischen Entwicklung ausgerichtet bleiben. Angesichts der erhöhten Preisdynamik seit Ende 2024, teils bedingt durch die Wechselkursschwäche, kämen damit Leitzinssenkungen auch unter dem neuen Zentralbankchef vorerst nicht infrage. Die DekaBank erwarte, dass die Zinspause noch bis Herbst 2025 ausgedehnt werden müsse und erst dann die Abwärtsbewegung der Inflationsraten Leitzinssenkungen ermögliche.
Perspektiven: Der Anstieg des US-Protektionismus stelle ein Risiko für die Konjunkturentwicklung Ungarns dar, während der Automobilsektor weiterhin vor strukturellen Herausforderungen stehe. Auf der anderen Seite könnten der deutsche Infrastruktur- und der europäische Rüstungspaket auch der ungarischen Wirtschaft einen Impuls verleihen. Ungarn bleibe eines der wenigen EU-Länder, die ihre Abhängigkeit von Energieträgern aus Russland beibehalten haben. Sollte nach einer möglichen Waffenruhe im Ukraine-Krieg der Gastransit über die ukrainischen Pipelines wiederaufgenommen werden, würde Ungarn zu den Hauptprofiteuren zählen.
Länderrisiko: Die Bonitätseinschätzung Ungarns liege im unteren Bereich des Investment-Grades. Die Haushaltsdisziplin bleibe ein zentraler Problembereich, gegen das Land laufe seit 2024 ein EU-Defizitverfahren. Während Ungarn 2024 noch auf (begrenzte) Sparschritte gesetzt habe, würden dieses Jahr bereits die Parlamentswahlen 2026 ihren Schatten voraus. Ab Oktober 2025 solle die Steuerlast auf Familien schrittweise reduziert werden, was den Konsolidierungskurs ab 2026 infragestelle. Weitere expansive fiskalpolitische Schritte, wie eine neue Lebensmittelpreisbremse, könnten nicht ausgeschlossen werden. Denn bei den kommenden Wahlen dürfte es die Regierungspartei Fidesz zum ersten Mal seit langem mit einer starken Opposition zu tun bekommen: In den Umfragen führe die neue Protestpartei TISZA derzeit knapp. Doch entschieden sei die Wahl noch lange nicht: Fidesz habe zahlreiche administrative und mediale Ressourcen, sodass sich das Bild im Wahlkampf schnell ändern könne. Ein weiteres zentrales Thema für das Rating seien die Beziehungen zur EU und die Zuteilung der EU-Mittel. Ein Teil der EU-Fördermittel bleibe ausgesetzt und ihre an die verbleibenden 23 Super-Meilensteine gekoppelte Freigabe sei ungewiss. Die Blockadehaltung Ungarns bei den zentralen EU-Themen, wie die Ukraine-Unterstützung und die Aufrüstung, sowie die anhaltenden Bedenken mit Blick auf die Wahrung der demokratischen Grundrechte stärke die Isolation Ungarns innerhalb der EU. Eine Suspendierung der Rechte der EU-Mitgliedschaft aufgrund von Verletzungen der Grundwerte der EU nach Artikel 7 des EU-Vertrages werde gegen Ungarn immer wieder ins Spiel gebracht. Dieses langwierige Verfahren sei derzeit der einzige kodifizierte Weg, Ungarn von EU-Entscheidungen auszuschließen, und es bleibe unklar, ob die nötige Einstimmigkeit dabei erreicht werden könnte. Im Dezember 2024 habe Moody’s den Ausblick für das Rating wegen des Risikos, die EU-Mittel zu verlieren, auf "negativ" verschlechtert. Sollte Ungarn der Zugang zu EU-Mitteln dauerhaft verwehrt bleiben, dürfte sich die Bonitätseinschätzung weiter verschlechtern. (Emerging Markets Trends vom 10.03.2025) (12.03.2025/alc/a/a)
Die Industrie, der Bau und die Landwirtschaft hätten die Konjunktur allerdings negativ beeinflusst. Die ungarische Zentralbank habe seit März 2025 einen neuen Chef, den früheren Finanzminister Mihaly Varga. In seiner Einführungsrede habe er das Ziel der Preisniveaustabilität hervorgehoben und auch die Finanzstabilität sowie die Unabhängigkeit der Zentralbank betont. Auch wenn Varga zu den engsten Verbündeten Präsident Orbans gehöre, dürfte die Geldpolitik weiterhin an der ökonomischen Entwicklung ausgerichtet bleiben. Angesichts der erhöhten Preisdynamik seit Ende 2024, teils bedingt durch die Wechselkursschwäche, kämen damit Leitzinssenkungen auch unter dem neuen Zentralbankchef vorerst nicht infrage. Die DekaBank erwarte, dass die Zinspause noch bis Herbst 2025 ausgedehnt werden müsse und erst dann die Abwärtsbewegung der Inflationsraten Leitzinssenkungen ermögliche.
Perspektiven: Der Anstieg des US-Protektionismus stelle ein Risiko für die Konjunkturentwicklung Ungarns dar, während der Automobilsektor weiterhin vor strukturellen Herausforderungen stehe. Auf der anderen Seite könnten der deutsche Infrastruktur- und der europäische Rüstungspaket auch der ungarischen Wirtschaft einen Impuls verleihen. Ungarn bleibe eines der wenigen EU-Länder, die ihre Abhängigkeit von Energieträgern aus Russland beibehalten haben. Sollte nach einer möglichen Waffenruhe im Ukraine-Krieg der Gastransit über die ukrainischen Pipelines wiederaufgenommen werden, würde Ungarn zu den Hauptprofiteuren zählen.
Länderrisiko: Die Bonitätseinschätzung Ungarns liege im unteren Bereich des Investment-Grades. Die Haushaltsdisziplin bleibe ein zentraler Problembereich, gegen das Land laufe seit 2024 ein EU-Defizitverfahren. Während Ungarn 2024 noch auf (begrenzte) Sparschritte gesetzt habe, würden dieses Jahr bereits die Parlamentswahlen 2026 ihren Schatten voraus. Ab Oktober 2025 solle die Steuerlast auf Familien schrittweise reduziert werden, was den Konsolidierungskurs ab 2026 infragestelle. Weitere expansive fiskalpolitische Schritte, wie eine neue Lebensmittelpreisbremse, könnten nicht ausgeschlossen werden. Denn bei den kommenden Wahlen dürfte es die Regierungspartei Fidesz zum ersten Mal seit langem mit einer starken Opposition zu tun bekommen: In den Umfragen führe die neue Protestpartei TISZA derzeit knapp. Doch entschieden sei die Wahl noch lange nicht: Fidesz habe zahlreiche administrative und mediale Ressourcen, sodass sich das Bild im Wahlkampf schnell ändern könne. Ein weiteres zentrales Thema für das Rating seien die Beziehungen zur EU und die Zuteilung der EU-Mittel. Ein Teil der EU-Fördermittel bleibe ausgesetzt und ihre an die verbleibenden 23 Super-Meilensteine gekoppelte Freigabe sei ungewiss. Die Blockadehaltung Ungarns bei den zentralen EU-Themen, wie die Ukraine-Unterstützung und die Aufrüstung, sowie die anhaltenden Bedenken mit Blick auf die Wahrung der demokratischen Grundrechte stärke die Isolation Ungarns innerhalb der EU. Eine Suspendierung der Rechte der EU-Mitgliedschaft aufgrund von Verletzungen der Grundwerte der EU nach Artikel 7 des EU-Vertrages werde gegen Ungarn immer wieder ins Spiel gebracht. Dieses langwierige Verfahren sei derzeit der einzige kodifizierte Weg, Ungarn von EU-Entscheidungen auszuschließen, und es bleibe unklar, ob die nötige Einstimmigkeit dabei erreicht werden könnte. Im Dezember 2024 habe Moody’s den Ausblick für das Rating wegen des Risikos, die EU-Mittel zu verlieren, auf "negativ" verschlechtert. Sollte Ungarn der Zugang zu EU-Mitteln dauerhaft verwehrt bleiben, dürfte sich die Bonitätseinschätzung weiter verschlechtern. (Emerging Markets Trends vom 10.03.2025) (12.03.2025/alc/a/a)


