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Ungarn: Kurs auf geldpolitische Lockerung


13.10.23 12:45
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die ungarische Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2023 im Vergleich zum Vorquartal erneut geschrumpft - das vierte Quartal in Folge, so die Analysten der DekaBank.

Damit habe das reale Bruttoinlandsprodukt klar unter seinem Vorjahresniveau (-2,3%) gelegen, nennenswert positiv sei Dynamik nur im Landwirtschaftssektor ausgefallen, der 2022 stark von einer Dürre betroffen gewesen sei und nun von der niedrigen Vergleichsbasis profitiere. Auch im dritten Quartal bleibe die Konjunktur schwach, wie die Konsumaktivität und die Einkaufsmanagerindices andeuten würden. Die ungarische Zentralbank habe bei ihrer Sitzung Ende September wie erwartet die geldpolitischen Instrumente vereinheitlicht und die einjährige Phase der Notfallinstrumente (Ein-Tages-Einlagensatz) beendet. Ab Oktober sei nun der Leitzins (13%) wieder zum maßgeblichen effektiven Geldpolitikzins geworden. Das geldpolitische Komitee bleibe in seiner Kommunikation weiterhin hawkish und betone die Inflationsrisiken und seine vorsichtige geldpolitische Haltung. Auch die Entwicklungen des Risikoumfelds - dahinter verberge sich in erster Linie die Wechselkursdynamik des Forints - behalte die Zentralbank im Auge. Im September habe die Inflationsrate mit 0,4% mom (12,2% yoy) leicht unterhalb der Erwartungen gelegen. Das sei zwar stark auf die Basiseffekte bei den Energie- und Lebensmittelpreisen zurückzuführen gewesen, doch auch die Dynamik der Kerninflationspreise normalisiere sich langsam dank des niedrigen Preisauftriebs bei den Kerngüterkategorien. Der reale Leitzins sei deutlich positiv, weshalb die beschleunigte Disinflation angesichts des hohen Leitzinsniveaus und der Konjunkturschwäche Raum für Zinssenkungen geben dürfte. Die Analysten der DekaBank würden eine vorsichtige Lockerung um jeweils 50 Bp ab dem Oktober-Meeting erwarten.

Perspektiven: Die Kaufkraftverluste aufgrund der hohen Inflation, die straffe Geldpolitik sowie die Konjunkturschwäche in Euroland dürften die Konjunkturdynamik 2023 erheblich belasten, bevor 2024 eine Belebung stattfinde. Ungarn bleibe eines der wenigen EU-Länder, die 2022 nur wenig Diversifizierungsbemühungen in Bezug auf die Abhängigkeit von Energieträgern aus Russland unternommen hätten, und wäre somit von einem russischen Energielieferstopp überproportional stark betroffen, sei es aufgrund der Zerstörung der Transitinfrastruktur der Ukraine oder aufgrund einer neuen Sanktionsspirale.

Länderrisiko: 2022 hätten sich wichtige makroökonomische Kennzahlen, wie die die Inflation oder das Budget- und Leistungsbilanzdefizit, erheblich verschlechtert. Während der Rückgang der Energiepreise 2023 eine Entlastung für die Handelsbilanz gebracht habe, bleibe das Budgetdefizit weiterhin hoch. Hinzu komme der anhaltende Konflikt zwischen Ungarn und der EU wegen der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze und der Korruption sowie die Abhängigkeit von Energielieferungen aus Russland. Als Folge hätten die Ratingagenturen die Bonitätseinschätzung Ungarns im Januar 2023 verschlechtert: S&P habe das Rating um eine Stufe auf BBB-, die unterste Stufe des Investment Grades, gesenkt; Fitch habe den Ausblick auf das "BBB"-Rating auf "negativ" gesetzt. Lediglich Moody’s habe die Einstufung beibehalten. Die ungarische Regierung arbeite derzeit an dem "27 Meilensteine"-Plan, um die von der EU eingefrorenen Mittel der "Ausbau- und Resilienzfazilität" (ca. 5,8 Mrd. Euro Zuschüsse) sowie der Kohäsionsfonds (ca. 21,5 Mrd. Euro über 7 Jahre des mittelfristigen EU-Budgetrahmens) zu entsperren. Den Medienberichten zufolge sei bis Jahresende 2023 die Freigabe der Kohäsions- und Erasmus-Mittel wahrscheinlich, während die Mittel der Ausbau- und Resilienzfazilität weiterhin einbehalten werden sollten. Sollte Ungarn der Zugang zu EU-Mitteln im Risikoszenario dauerhaft verwehrt bleiben, dürfte sich die Bonitätseinschätzung weiter verschlechtern. (Emerging Markets Trends vom 13.10.2023) (13.10.2023/alc/a/a)