Übertriebene Inflationsängste


29.06.20 10:15
Bankhaus Ellwanger & Geiger

Stuttgart (www.anleihencheck.de) - Die Maßnahmen der Zentralbanken und Regierungen führen zu Geldschwemmen, diese sind notwendig, bergen aber auch Gefahrenpotenzial, so die Analysten vom Bankhaus Ellwanger & Geiger.

Als die Coronakrise gekommen sei, habe plötzlich schnell gehandelt werden müssen. Regierungen hätten Ausgangssperren, Kontaktverbote verhängt und Hygienemaßnahmen erlassen. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, habe es einen weltweiten "Lockdown" gegeben: Produktionsstopps, Lieferengpässe und Unternehmensschließungen seien die Folge gewesen und hätten Wirtschaft und Menschen gleichermaßen belastet.

Zentralbanken und Staaten hätten umgehend darauf reagiert und mehrere große Hilfspakete verabschiedet. Das Volumen dieser Hilfspakete gehe bereits jetzt weit über die Finanzhilfen während der Krise 2008/ 2009 hinaus. "Die umfassenden Maßnahmen sind gerechtfertigt. Anders als die Finanzkrise, die eine endogene Krise war, also aus dem Finanzsystem selbst herauskam, handelt es sich bei der Coronapandemie um einen physischen Schlag, der die Wirtschaft wesentlich härter trifft", sage Michael Beck, Leiter Asset Management beim Stuttgarter Privatbankhaus Ellwanger und Geiger.

Die Maßnahmen würden jedoch zu hohen Verschuldungsquoten führen. Während diese in Deutschland von 60% des BIP im Jahr 2018 auf fast 80% im Jahr 2020 ansteigen würden, werde für Frankreich eine Quote von fast 120% und für Italien gar eine von knapp 160% prognostiziert. "Auf Sicht von zwei bis drei Jahren steckt hier das Potenzial einer Staatsschuldenkrise, doch aktuell können die hohen Schulden wegen der niedrigen Zinsen getragen werden. Da keine baldige Zinserhöhung zu erwarten ist, ist die Gefahr gering", sage Beck. "Das Niedrigzinsniveau ist damit aber für die nächsten Jahre zementiert. Dennoch kann man sich mittel- und langfristig fragen, ob die Verschuldungsquoten zu hoch sind."

Ob die geraumen Geldmengen zu einer starken Inflation führen würden, sei die Gretchenfrage. Da die Nachfrage derzeit jedoch am Boden liege, sei das Inflationsrisiko vergleichsweise gering. Sobald der Konsum steige, könne es mittelfristig zwar wieder zu inflationären Risiken kommen, aber bis dahin sei Deflation das Hauptrisiko, da Unternehmen möglicherweise mit Niedrigpreisen um Kunden kämpfen würden.

Wo sich die Inflation hingegen auswirke, sei am Anlagemarkt. Die Gelder müssten investiert werden und würden so zu Vermögenspreisinflation bei Aktien und Anleihen sowie Sachwerten wie Immobilien oder Gold führen. "Hier gibt es bei einem zu hohen Anstieg die Gefahr einer Blasenbildung, weshalb es wichtig ist, dass sich die Wirtschaft schnell erholt", betone Beck.

Diese Risiken würden die Bedeutung einer umfassenden Diversifizierung weiter in den Fokus rücken. Aktive Anleger könnten Schwankungen ausnutzen, um günstig einzusteigen, weshalb es sich lohne einen Cashpuffer von rund 5 bis 10% zu halten. "Generell ist derzeit eine defensivere Ausrichtung der Vermögensanlage zu empfehlen, da sich die Wirtschaft vermutlich erst mit einem Impfstoff vollständig erholt und weiterhin mit einer zweiten Ausbruchswelle im Winter zu rechnen ist", warne Beck. (29.06.2020/alc/a/a)