Überraschende Inflationsprognose bei EZB-Sitzung: Währungshüter werden Zinsen auch in Zukunft deutlich anheben!


16.06.23 14:00
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Wir haben erwartet, dass die EZB ihren Einlagensatz um 25 Basispunkte anhebt und gleichzeitig das Ende der Reinvestition fälliger Anleihen in ihrem APP-Portfolio ankündigt, so Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei Neuberger Berman.

Insofern hätten die Beschlüsse der EZB am Donnerstag zunächst nicht überrascht. Was allerdings durchaus überrascht habe, seien die Inflationsprognosen gewesen. So würden die Währungshüter sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr eine hohe Kerninflation erwarten - und hätten ihre Inflationsprognosen ohne Energie und Lebensmittel aufgrund des robusten Arbeitsmarktes und des Anstiegs der Lohnstückkosten sogar nochmal deutlich nach oben korrigiert. Erwartet werde jetzt für 2023 eine Inflation von 5,1 Prozent - in der März-Prognose seien es noch 4,7 Prozent gewesen. Daher sei davon auszugehen, dass die EZB auch bei ihren nächsten Sitzungen die Leitzinsen erneut anheben werde, und zwar auf mindestens 3,75 Prozent. Eine Senkung in naher Zukunft erwarte der Markt nicht. Entsprechend hätten sich die kurz- bis mittelfristigen Anleihen unterdurchschnittlich entwickelt. Ihre Rendite sei um etwa 0,10 Prozent gestiegen.

Schärfere Kreditvergabe und Konjunkturschwäche würden Rezessionsrisiko erhöhen

Dabei hätten die Währungshüter selbst eingeräumt, dass die Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die Inflation im Euroraum "weiterhin sehr unsicher" seien. Tatsächlich hätten die aktuellen Einkaufsmanagerindizes (PMIs) die Schwäche der Konjunktur in der Eurozone bestätigt. Insbesondere die Aktivitäten im verarbeitenden Gewerbe seien nach wie vor gering und die Einzelhandelsumsätze hätten sich weiter verschlechtert. In Anbetracht dieser strukturellen Schwäche im Euroraum habe sich das Risiko einer Rezession erhöht. Hinzukomme, dass die Banken aktuell eine sehr vorsichtige Kreditvergabestrategie verfolgen würden, die sich mit einer Verzögerung von etwa neun Monaten bei den Auswirkungen von Zinserhöhungen auf die Wirtschaftstätigkeit noch verschlechtern könnte. Die Entscheidung der EZB könnte daher ein schwächeres Wachstum und einen schnelleren Rückgang der Inflation mit einer durchschnittlichen Kernrate von unter 5% zur Folge haben, als die die Währungshüter erwarten würden.

Bankensystem: Risiko finanzieller Engpässe weiter unterschätzt

Ihre neuen Inflationsprognosen dürften zu höheren Zinssätzen führen, was die Verschärfung der Kreditkonditionen für die Wirtschaft verstärken dürfte. Für das Kreditrisiko von Unternehmen sei dies eine ungünstige Entwicklung. Insbesondere für die Kreditqualität, die sich wahrscheinlich verschlechtern werde. Zudem sei Neuberger Berman immer noch überrascht, dass die EZB es nicht für notwendig halte, etwas zur Unterstützung des Bankensystems vorzuschlagen, vor allem im Hinblick auf die Liquidität. Neuberger Berman verstehe, dass die EZB Vertrauen in die Widerstandsfähigkeit und Solvenz der europäischen Banken habe. Dennoch sei der Vermögensverwalter der Ansicht, dass es durchaus die Möglichkeit gebe, dass die Währungshüter das Risiko anhaltender finanzieller Engpässe in einer Zeit von sehr geringem Wirtschaftswachstum unterschätzen würden. (16.06.2023/alc/a/a)