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US-Notenbank scheut vor "tapering" (noch) zurück


01.10.13 16:06
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Nahezu alle Marktteilnehmer und Beobachter gingen davon aus, dass die US-Notenbank Ende September oder zumindest im Oktober damit beginnen würde, ihre Anleihekäufe zu reduzieren (das so genannte "tapering"), so die Experten von Raiffeisen Capital Management (RCM) in ihrem aktuellen "bondreport" im vierteljährlichen Bericht zu den globalen Anleihemärkten.

In dem letzten "bondreport" Mitte Juli hätten sie sich diesem breiten Konsens nicht so recht anschließen möchten und die FED-Entscheidung vor wenigen Tagen habe ihre damals geäußerte Skepsis bestätigt. Dass früher oder später der Einstieg ins "tapering" kommen werde, sei freilich ausgemachte Sache. Schon allein deshalb, weil die US-Notenbank sonst über kurz oder lang einen so großen Teil des US-Staatsanleihemarktes "besitzen" werde, dass dies zu erheblichen ungewollten Negativeffekten führen würde. Ohnehin sei in den letzten Monaten eine Veränderung in der Debatte über die QE-Programme ("quantitative easing") festzustellen. Immer stärker würden nun die offenkundig abnehmende (und die generell fragwürdige) Wirksamkeit sowie die vielfältigen unerwünschten Nebenwirkungen der QE-Politik thematisiert.

An die Stelle von QE werde künftig wohl eine langfristige Richtungsvorgabe der Geldpolitik ("forward guidance") treten - sie werde von einigen als sogar deutlich wirksamere Alternative gegenüber Anleihekäufen angesehen. Schaue man sich freilich die Reaktion der Märkte nach der ersten "tapering"-Andeutung der FED im Mai an, dürfe man sehr gespannt sein, ob das neue Werkzeug "forward guidance" den hochgesteckten Erwartungen künftig tatsächlich gerecht werde. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen, die sich von April bis September fast verdoppelt und bereits bedrohlich an der 3%-Marke gekratzt hätten, seien nach der FED-Entscheidung wieder zurückgegangen.

Am wahrscheinlichsten scheine derzeit, dass sie sich in den kommenden Monaten in einer Seitwärtsspanne zwischen 2,50% und 3% bewegen würden. Dafür spreche zum einen, dass der kräftige Renditeanstieg bereits sehr viel mehr an positiver volkswirtschaftlicher Entwicklung vorweggenommen habe, als bisher real eingetreten sei. Die FED dürfte bei ihrer Entscheidung mit hoher Sicherheit von der Sorge geleitet worden sein, dass der wirtschaftliche Aufschwung in den USA noch immer auf viel zu zerbrechlichen Füßen stehe und möglicherweise keinen weiteren Zinsanstieg verkraften würde. Das "tapering" könnte daher im Dezember oder möglicherweise auch erst Anfang 2014 beginnen und von dort bis zu einer ersten Zinsanhebung sei es auch noch mal ein sehr weiter Schritt.

Eine weitere Motivation für die FED könnte der wieder einmal anstehende politische Konflikt zwischen Demokraten und Republikanern um das neue Budget und die Erhöhung der Schuldenobergrenze gewesen sein. Es sei zwar recht wahrscheinlich, dass es hier rechtzeitig zu einer Einigung, ohne größere neue Ausgabenkürzungen oder Steuern kommen werde. Dafür spreche nicht zuletzt die inzwischen deutlich verbesserte Budgetsituation. Das Risiko zumindest einer zeitweiligen Schließung von Behörden und stärkerer zwischenzeitlicher Ausschläge auf den Finanzmärkten je nach aktueller Nachrichtenlage sei aber nicht zu unterschätzen.

Der mittelfristige, zyklische Konjunkturausblick für die USA sei weiter positiv; im kommenden Jahr könnte das Wirtschaftswachstum an Fahrt gewinnen - unter anderem dank der nachlassenden fiskalischen Bremswirkung und wieder anziehender Unternehmensinvestitionen nach vielen Jahren großer Zurückhaltung auf diesem Gebiet. Vor diesem Hintergrund sollten Unternehmensanleihen in den kommenden Monaten ein recht gutes Ertragspotenzial aufweisen, zumal die Bewertungen nach dem Renditeanstieg der letzten Monate doch deutlich besser seien als noch im Frühjahr. Aus langfristiger Sicht seien sie allerdings nach wie vor nicht als preiswert zu bezeichnen. (Ausgabe Oktober 2013) (01.10.2013/alc/a/a)