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Die US-Notenbank beginnt mit Bilanzabbau im Mai


08.04.22 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen sind zuletzt in Reaktion auf FED-Äußerungen deutlich gestiegen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes würden derzeit bei 2,63% rentieren, die entsprechenden Bunds bei 0,68%, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu letzter Woche.

Die FED-Direktorin Lael Brainard habe bereits am vergangenen Dienstag (05.04.) den Marktteilnehmern klar gemacht, dass die FED fest entschlossen sei, die Inflation wieder in den Griff zu bekommen. Es werde eine Serie von Zinserhöhungen geben und der Abbau der Bilanz werde rascher erfolgen als bislang erwartet. Wirklich überraschend seien diese Äußerungen nicht, denn sie würden sich nicht wesentlich von dem unterscheiden, was FED-Chef Powell bei seiner Anhörung vor dem Kongress gesagt habe. In dem am 07.04. veröffentlichten Protokoll der letzten FED-Sitzung sei der Abbau des Bilanzvolumens dann noch konkretisiert worden. Ab Mai werde der Abbau starten und innerhalb von drei Monaten 95 Mrd. US-Dollar pro Monat erreichen. Dabei werde der Bestand an T-Notes um 60 Mrd. US-Dollar und der Bestand an Hypothekenverbriefungen um 35 Mrd. US-Dollar pro Monat reduziert. Vom Vorgehen könne man sich das so vorstellen, dass bei Fälligkeiten, die über 95 Mrd. US-Dollar pro Monat hinausgehen würden (was der Standardfall sein dürfte), die diesen Betrag übertreffenden Fälligkeiten reinvestiert würden.

Das sei eine relativ rasche Reduktion der Bilanzsumme im Vergleich zu dem Tempo, das man 2018/2019 gegangen sei, als die Reduktion der Bilanzsumme eher im Bereich von 20 bis 50 Mrd. US-Dollar gelegen habe. Damals sei die Bilanzsumme allerdings auch wesentlich kleiner gewesen, bei etwa der Hälfte. Am 4. Mai sei die nächste FED-Sitzung. Die EZB werde bereits kommende Woche (14.04.) tagen. Hier nähmen die Spekulationen zu, dass die EZB in diesem Jahr doch zwei Zinsschritte unternehme und dann auch der Einlagenzins nicht mehr im negativen Bereich liegen werde. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden per Ende 2022 einen Leitzins von 0,5% und einen Einlagenzins von 0,0% (bisherige HCOB Economics-Prognose: 0,25% und -0,25%) erwarten. Im Laufe des kommenden Jahres seien ihres Erachtens vier weitere Zinsschritte à 25 Basispunkte zu erwarten.

Die Analysten der Hamburg Commercial Bank hätten auch ihre Wachstums- und Inflationsprognosen deutlich angepasst, die Weltwirtschaft werde vermutlich nur noch um 3,2% (vorher: 4,4%) expandieren. Allein 0,3 Prozentpunkte würden darauf zurückgehen, dass die russische Wirtschaft vermutlich um 10% einbrechen werde. Das Wachstum in der Eurozone dürfte nur noch 2,9% betragen, während die Inflation im Jahresdurchschnitt in diesem Jahr bei 7,1% liegen dürfte. Das Missmanagement beim Handling dieser Krise bestärke die Analysten der Hamburg Commercial Bank in der Sicht, dass die chinesische Regierung ihr Wachstumsziel von 5,5% in diesem Jahr nicht erreichen werde (Prognose China BIP 2022: 4,7%).

Derweil habe die EU vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der mutmaßlichen Kriegsverbrechen durch russische Soldaten angekündigt, die Kohleimporte aus Russland zu stoppen. Details zum Timing dieser Maßnahme würden noch fehlen, aber es solle offensichtlich relativ zeitnah erfolgen. Deutschland habe bis vor kurzem noch 50% seiner Kohle aus Russland bezogen. Wirtschaftsminister Robert Habeck habe vorgestern gesagt, dass man diese Abhängigkeit im Zuge von Vertragsumstellungen in den vergangenen Wochen auf 25% reduziert habe, was sich bei den tatsächlichen Lieferungen in einigen Wochen manifestieren werde (es seien derzeit noch Lieferungen nach den alten Verträgen unterwegs).

Die EU-Kommission habe angedeutet, dass in einem nächsten Schritt auch ein Ölembargo auf der Agenda stehen werde. Hier habe man die deutsche Abhängigkeit in den vergangenen Wochen von 35% auf 25% reduziert, so Habeck. Konjunkturell sei das Problem hier größer als bei Kohle, weil die beiden ostdeutschen Raffinerien in Schwedt und Leuna praktisch ausschließlich von russischen Erdöllieferungen abhängen würden. Im Ergebnis der neuen zu erwartenden Sanktionen sei mit höheren Energiekosten und anhaltend hoher Inflation zu rechnen. Das werde die Aufgabe der EZB in der kommenden Woche nicht leichter machen.

Beim Ausblick auf die nächsten Tage sei auf die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich am Sonntag (10.04.) zu achten. Präsident Emmanuel Macron habe zwar gute Karten, in der Stichwahl am 24.04. wiedergewählt zu werden. Stichwahlen seien jedoch stets für Überraschungen gut, sodass ein Sieg der rechtspopulistischen Kandidatin Marine le Pen nicht vollkommen auszuschließen sei, zumal Macron derzeit eine Berateraffäre zu schaffen mache.

Datenseitig sei vor allem auf die Inflationsdaten aus den USA für März zu schauen. Die CPI-Inflation habe zuletzt 7,9% (Kernrate: 6,4%) erreicht. Abgesehen davon sei aufgrund der Ostertage mit einer geringeren Aktivität an den Finanzmärkten zu rechnen. (Ausgabe vom 07.04.2022) (08.04.2022/alc/a/a)