USA: Wachstum 5%, Inflation 7%, Leitzins 0%?


21.01.22 15:23
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die US-Wirtschaft wächst mit 5%, die Arbeitslosigkeit ist unter 4% gefallen, die Teuerung liegt bei über 7% und der Leitzins quasi bei null, so Patrick Franke von der Helaba.

Mehr noch, die FED kaufe aktuell noch immer Anleihen, um die Konjunktur anzuregen. Wie das zusammenpasse - und ob das gutgehen könne - seien derzeit mithin die spannendsten Fragen. Sie würden eng zusammenhängen mit der ökonomischen Gretchenfrage des Jahres 2022: Wie lange verhindere die Pandemie, dass die Angebotsseite zur der davongelaufenen Nachfrage aufschließen könne?

Die Zahlen zum vierten Quartal würden zeigen, dass die US-Wirtschaft derzeit auch ohne fiskalischen Stimulus kräftig wachsen könne. Mit ihrer Prognose eines annualisierten Wachstums von über 5% lägen die Analysten der Helaba sogar eher am unteren Rand des Spektrums. Überdurchschnittliche Bedeutung hätten diesmal die Daten zur Lagerkomponente. Nach drei kräftigen Rückgängen in den Vorquartalen wäre ein deutlicher Anstieg nun ein Zeichen für ein Aufholen der Produktionsseite. Teilweise dürfte das erwartete Plus allerdings nur reflektieren, dass der Nachfrageboom die Bestände von manchen Produkten so weit nach unten getrieben habe, dass bei ihnen einfach kein merklicher Rückgang mehr möglich sei. Gleichzeitig habe der reale Konsum im vierten Quartal mit einer geschätzten Jahresrate von über 4% zugelegt. Die Zahl der Einfamilienhäuser im Bau sei 45% (!) höher als vor der Pandemie, die Kapitalgüteraufträge hätten über den selben Zeitraum 17% zugelegt, die Einzelhandelsumsätze 20%. Das müsse die Produktionsseite erst mal stemmen. Die Analysten der Helaba würden nach der Veröffentlichung der BIP-Zahlen ihre Prognose überprüfen. Aktuell würden sie für 2022 mit einem kräftigen Wachstum von rund 4% rechnen.

Bei allem Stress, dem sich die Geldpolitiker in der Finanzkrise und während des Pandemie-Schocks im Frühjahr 2020 sicher ausgesetzt sahen: Zumindest schien stets die wünschenswerte Ausrichtung der Geldpolitik klar zu sein, strittig war eigentlich immer nur die korrekte Dosis, so die Analysten der Helaba. Die im Schnitt (zu) niedrige Teuerung habe es der Notenbank erlaubt, sich komplett auf die Stabilisierung von Konjunktur und Finanzmärkten zu konzentrieren. Dieser Luxus sei nun - zumindest temporär - vorbei. Allerdings habe es sehr lange gedauert, bis die Notenbanker dies auch hätten wahrhaben wollen. So hätten weder das unnötige Stimulusprogramm von Präsident Biden, noch die viel schneller als erwartet ausfallende Erholung von Nachfrage und Arbeitsmarkt, noch die anspringende Inflation die FED irritiert. Bis zur FOMC-Sitzung im November sei sie stur ihrem ursprünglichen Fahrplan zum Kaufprogramm gefolgt.

Es sei nicht das wahrscheinlichste Szenario, aber die Ereignisse der vergangenen Wochen hätten es doch plausibler gemacht als es seit langem gewesen sei: Was wäre, wenn nicht die geldpolitische Normalisierung im Zeitlupentempo wie nach der Finanzkrise, sondern so wie in den Nullerjahren bzw. 1994/1995 nun die stabilitätskonforme Politik wäre? In beiden Phasen sei die Teuerung wohlgemerkt spürbar niedriger gewesen als heute, bei 2,5% bis 3%, nicht bei 7%. Auf ein solches Szenario seien, das würden die Projektionen vom Dezember zeigen, die Geldpolitiker bei aller angeblich neu erworbenen "hawkishness" noch in keiner Weise vorbereitet. Darüber hinaus würde eine derartige Entwicklung auch die in den vergangenen Jahren von der reichlichen Liquidität getriebenen Renten- und Aktienmärkte kalt erwischen.

Um dort nicht für zusätzliche Irritationen zu sorgen, dürfte die FED davon absehen, den eigentlich angemessenen und sinnvollen Schritt zu gehen und die Zinsen bereits auf der anstehenden Sitzung anzuheben. Selbst die vergleichsweise verhaltene Reaktion der Finanzmärkte in den vergangenen Wochen werde wohl bei manchen im FOMC schon Bauchschmerzen verursacht haben. Drücken wir die Daumen, dass das "Es-geht-noch-mal-gut"-Szenario, auf das FED, Märkte und letztlich auch unsere Prognose setzen, eintritt, so die Analysten der Helaba. Sonst werde es ziemlich unangenehm. (21.01.2022/alc/a/a)