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Türkei: Preisdruck bleibt hoch


08.10.24 12:30
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die türkischen Verbraucherpreise lagen im September 49,4% über dem Vorjahresniveau, nachdem die Inflationsrate im August noch bei 52,0% gelegen hatte, so die Analysten der DekaBank.

Sie sei damit innerhalb von vier Monaten von 75,5% um mehr als 25 Pp gefallen. Erstmals seit Juli 2021 liege der Leitzins (50%) über der Inflationsrate. Gleichzeitig habe das Abwertungstempo der türkischen Lira deutlich nachgelassen und liege in den vergangenen sechs Monaten gegenüber dem US-Dollar nur noch bei rund 1% pro Monat.

All dies könnten sich Zentralbankchef Fatih Karahan und vor allem Finanzminister Mehmet Simsek, der den restriktiven geldpolitischen Kurs gegenüber Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vertreten müsse, als Erfolg zurechnen lassen. Der Rückgang der Inflationsrate in den vergangenen Monaten sei allerdings maßgeblich durch Basiseffekte getrieben gewesen, da die Monatsveränderungsraten nach der massiven Lira-Abwertung des vergangenen Jahres in die Höhe geschnellt seien. In diesem Jahr lägen die Raten niedriger als damals, aber immer noch höher als von der Notenbank gewünscht und prognostiziert.

So hätten die Währungshüter in ihrem jüngsten Inflationsbericht vom August einen Rückgang der Inflationsrate auf 38% zum Jahresende unterstellt. Es erscheine nun jedoch wahrscheinlich, dass sie eher bei rund 46% liegen dürfte. Auch der unterstellte Rückgang auf 14% per Ende 2025 erscheine kaum realistisch. Auf ihrer September-Sitzung habe die Zentralbank den Leitzins erwartungsgemäß unverändert bei 50% gelassen und angekündigt, die Geldpolitik so lange restriktiv auszurichten, bis sich die Inflationserwartungen des Marktes dem von der Zentralbank projizierten Pfad angenähert hätten.

In den vergangenen Monaten sei es aber regelmäßig so gewesen, dass sich die Markterwartungen als weitgehend zutreffend und die Zentralbankprojektionen als deutlich zu optimistisch erwiesen hätten. Dies lasse zwar immer noch einen gewissen Spielraum für eine Zinssenkung noch in diesem Jahr, weil selbst bei einem Leitzins von 47,5% oder 45% die Geldpolitik noch als restriktiv gelten könne. Doch vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Inflationserwartungen erscheine eine konservative Vorgehensweise angezeigt, was für eine erste Zinssenkung erst Anfang kommenden Jahres spreche.

Perspektiven: Regierung und Zentralbank versuchten, durch eine Straffung der Geldpolitik die Inflationserwartungen zu stabilisieren, wollten aber gleichzeitig die Konjunktur am Laufen halten. Setze sich die jüngste Verlangsamung des Kreditwachstums fort, dürfe der Inflationsdruck in den kommenden Monaten abnehmen. Damit stiegen die Chancen, dass die Lira auch mittelfristig stabilisiert werden könne und neue Währungskrisen vermieden würden.

Der größte Unsicherheitsfaktor bleibe die Frage, ob Präsident Erdogan eine deutliche Konjunkturverlangsamung über einen längeren Zeitraum akzeptieren würde. Außenpolitisch sei Erdogan wieder stärker um ein konstruktives Verhältnis zum Westen bemüht, doch die Nahostkrise könnte zu neuen Spannungen führen.

Länderrisiko: Mit S&P, Fitch und zuletzt auch Moody‘s hätten alle drei großen Ratingagenturen seit Jahresbeginn das Länderrating der Türkei um eine Stufe (S&P auf B+) bzw. zwei Stufen (Moody’s auf B1 und Fitch auf BB-) angehoben. S&P und Moody‘s vergäben einen positiven Ratingausblick. Die Agenturen honorierten die verstärkten Bemühungen von Zentralbank und Regierung um makroökonomische Stabilität.

Es bleibe jedoch ein weiter Weg, bis Preisstabilität und das Vertrauen in die Lira wiederhergestellt, das Leistungsbilanzdefizit abgebaut und die Währungsreserven ausreichend aufgebaut seien. Ob Erdogan über die nötige Geduld verfüge, im Zuge der Anpassung der Wirtschaft eine längere Phase schwächeren Wirtschaftswachstums zu tolerieren, werde für die weitere Ratingentwicklung entscheidend sein. (Ausgabe vom 07.10.2024) (08.10.2024/alc/a/a)