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Türkei: Erdogan will wirtschaftspolitisch Kurs halten


16.04.24 12:24
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die regierende AKP von Staatspräsident Erdogan hat bei den Kommunalwahlen eine herbe Niederlage einstecken müssen, so die Analysten der DekaBank.

Unter anderem habe Amtsinhaber Imamoglu von der oppositionellen CHP den wichtigen Bürgermeisterposten in der Metropole Istanbul mit überraschend klarem Vorsprung verteidigen können. Imamoglu gelte nun als wahrscheinlicher Kandidat der CHP für die Präsidentschaftswahl 2028. Allerdings müsse er zunächst in einem Berufungsverfahren das gegen ihn ausgesprochene Politikverbot wegen Beamtenbeleidigung abwehren. Noch am Wahlabend habe Erdogan versichert, er plane trotz der Wahlniederlage keine Abkehr vom wirtschaftspolitischen Kurs der vergangenen Monate. Damit dürfte die Türkische Zentralbank auch weiterhin die Freiheit haben, die Geldpolitik straff zu halten und möglicherweise noch weiter zu straffen. Diese Zusicherung Erdogans habe vor allem der Türkischen Lira Unterstützung gegeben, die in den Wochen vor der Wahl stark unter Verkaufsdruck geraten sei, was umfangreiche Stützungskäufe der Zentralbank zur Folge gehabt habe.

Auch die verstärkte Flucht türkischer Haushalte und Unternehmen in US-Dollar-Einlagen sei Ausdruck der Unsicherheit über den wirtschaftspolitischen Kurs nach der Kommunalwahl gewesen. Schon vor der Wahl habe die Zentralbank auf ihrer Sitzung im März den Leitzins etwas überraschend um 500 Basispunkte auf 50% angehoben, um die Lira zu stützen. Die Anhebung sei zudem Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Preisentwicklung gewesen. Die Inflationsrate sei im März von 67,1% auf 68,5% gestiegen. Es sei offen, ob das nun erreichte Niveau der geldpolitischen Straffung ausreiche, um die Inflationsentwicklung in der zweiten Jahreshälfte so zu beruhigen, wie sich die Notenbank dies wünsche. Die jüngsten Daten zu Bankenstatistik würden jedenfalls ein weiterhin hohes Kreditwachstum anzeigen.

Perspektiven: Regierung und Zentralbank würden versuchen, durch eine Straffung der Geldpolitik die Inflationserwartungen zu stabilisieren und gleichzeitig die Konjunktur am Laufen zu halten. Sie selbst würden erst ab der zweiten Jahreshälfte 2024 mit nennenswerten niedrigeren Inflationsraten rechnen. Ob dieses graduelle Vorgehen ausreiche, um das Vertrauen in die Lira dauerhaft wiederherzustellen, sei offen. Bis auf Weiteres erscheinen hohe Inflation, eine schwächere Währung und geringeres Wirtschaftswachstum das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden zwei Jahre, so die Analysten der DekaBank. Außenpolitisch sei die Bedeutung der Türkei für den Westen durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine gestiegen. Dies gebe Präsident Erdogan Spielraum, innenpolitisch seine harte Linie weiter zu verfolgen.

Länderrisiko: Die drei großen Ratingagenturen hätten auf die wirtschaftspolitische Kehrtwende hin zu einer stärker stabilitätsorientierten Politik reagiert und den Ratingausblick von negativ auf stabil angehoben. Bevor es aber zu ersten Heraufstufungen des Ratings kommen könne, müssten die Erfolge der neuen Politik klarer zu erkennen sein, als dies bislang der Fall sei. Zudem dürften die Agenturen abwarten, wie Präsident Erdogan auf eine nachhaltige Konjunkturverlangsamung reagieren würde. In der Vergangenheit hatte Erdogan einen Wechsel an der Zentralbankspitze vorgenommen, wenn ihm die Geldpolitik zu straff erschien, so die Analysten der DekaBank.

Neben fehlendem Vertrauen in den Stabilitätswillen Erdogans seien die hohe Fremdwährungsverschuldung, die niedrigen Nettoreserven der Zentralbank sowie das hohe Leistungsbilanzdefizit die wichtigsten Gründe für niedrige Ratings im Single-B-Bereich. Die Spreads von Hartwährungsanleihen würden signalisieren, dass der neuen wirtschaftspolitischen Führung zugetraut werde, eine Zahlungsbilanzkrise verhindern zu können. (16.04.2024/alc/a/a)