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Tschechische Republik: Keine Eile bei der Zinswende


15.08.23 09:51
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Im zweiten Quartal 2023 hielt die Schwächephase der tschechischen Wirtschaft an, so die Analysten der DekaBank.

Nach der Schnellschätzung habe das reale Bruttoinlandsprodukt um lediglich 0,1% gegenüber dem Vorquartal zugelegt. Im Vorjahresvergleich sei die Volkswirtschaft um 0,6% geschrumpft. Laut dem tschechischen Statistikamt seien es in erster Linie der private Konsum und die Investitionen gewesen, die zu einer Schrumpfung beigetragen hätten, während der Außenbeitrag positiv gewesen sei. Eine schnelle Konjunkturbelebung sei auch im dritten Quartal nicht zu erwarten: So sei der Einkaufsmanagerindex im Verarbeitenden Gewerbe im Juli zwar etwas angestiegen, bleibe mit 41,4 Punkten jedoch tief im rezessiven Bereich.

Angesichts der Konjunkturschwäche dränge sich die Frage auf, ob die Tschechische Zentralbank nicht zeitnah mit einer geldpolitischen Lockerung beginnen sollte. Die Inflationsrate sei bereits seit Jahresanfang 2023 rückläufig. Im Juli habe die Gesamtinflationsrate bei 8,8% gelegen. Betrachte man die Inflationsdynamik auf Monatsbasis, so sei sie bereits seit März sowohl bei der Gesamt- als auch bei der Kerninflation deutlich zurückgegangen. Sowohl nach den Analysten-Erwartungen als nach den Zentralbank-Projektionen dürfte die Inflation bereits im Frühjahr 2024 den Zielbereich der Zentralbank (2% +/- 1Pp) erreichen.

Bei ihrer Sitzung am 3. August habe die Tschechische Zentralbank mit einer Abschwächung ihres zuvor äußerst hawkishen Tons auf die Konjunkturschwäche und den Disinflationsprozess reagiert. Auch habe es zum ersten Mal kein Mitglied des geldpolitischen Komitees gegeben, das für eine weitere Anhebung des Leitzinses von seinem jetzigen Niveau von 7,0% gestimmt hätte. Doch würden die Inflationsrisiken als eher nach oben gerichtet eingeschätzt, und eine Diskussion um Leitzinssenkungen habe noch nicht stattgefunden. Die Analysten würden erwarten, dass dies im Herbst in den Fokus der Zentralbank rücke und der Leitzins noch vor Jahresende 2023 zum ersten Mal gesenkt werde.

Die exportorientierte tschechische Volkswirtschaft reagiere stark auf die Entwicklung der globalen, insbesondere der europäischen, Konjunktur, die vorerst schwach bleiben dürfte. Der Rückgang der Inflation in Verbindung mit Lohnanstiegen sowie die von uns erwartete Lockerung der Geldpolitik im Winter dürfte der äußerst schwachen Konsumtätigkeit in den kommenden Quartalen allerdings neue Impulse verleihen. Als Folge der Konjunkturbelebung dürfte die tschechische Wirtschaft im kommenden Jahr endlich wieder ihr Vor-Corona-Niveau erreichen.

Das Rating Tschechiens befinde sich im sehr soliden Investment-Grade-Bereich (S&P und Fitch: AA-; Moody’s: Aa3), allerdings würden die Agenturen die Perspektiven für die Konjunktur und die öffentlichen Finanzen kritisch sehen und die Bonitätsbeurteilung mehrheitlich mit einem negativen Ausblick versehen. Das Budgetdefizit sei während der Corona-Krise angestiegen und dürfte wegen der neuen Phase wirtschaftlicher Schwäche auch in 2023 noch hoch bleiben. Tschechien sei es gelungen, die Erdgaslieferungen aus Russland innerhalb des Jahres 2022 nahezu vollständig zu ersetzen, was die Anfälligkeit des Landes im Falle des Lieferstopps über die Südrouten erheblich reduziere.

Nach den Parlamentswahlen im Herbst 2021 sei in der Tschechischen Republik der liberalkonservative Petr Fiala zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Er führe eine Regierung aus fünf Gruppierungen an, dem neben seiner Demokratischen Bürgerpartei (ODS) auch Christdemokraten und Piratenpartei angehören würden. Der neue Ministerpräsident stehe zwar für eine traditionellere Politik als sein Vorgänger, der ANO-Vorsitzende Babis; die Breite des Regierungsbündnisses könne allerdings zur Instabilität der Regierung führen. (Ausgabe vom 11.08.2023) (15.08.2023/alc/a/a)