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Trump vs. Biden: Was die US-Wahlen für Unternehmensanleihen bedeuten könnten


27.10.20 12:15
AB

München (www.anleihencheck.de) - Genau wie die Präsidentschaftskandidaten selbst sind auch die Unterschiede zwischen den politischen Programmen bei den US-Wahlen eklatant, so Susan Hutman, Director für Investment Grade Corporate Credit Research und Director für Fixed Income Responsible Investing und Robert Hopper, Director of High Yield and Emerging Market Corporate Credit Research bei AllianceBernstein (AB).

Während die Wähler über ihre Stimmvergabe nachdenken würden, scheine die Bandbreite der möglichen politischen Maßnahmen und ihre Auswirkungen auf die Märkte so groß zu sein wie nie zuvor in der jüngsten Vergangenheit.

Die politische Agenda, die aus den US-Wahlen im November hervorgehe, werde die US-Marktlandschaft für die kommenden Jahre prägen, und festverzinsliche Anleger würden den Ausgang der Präsidentschafts- und Kongresswahlen genau beobachten. Die Experten würden einen genaueren Blick auf die beiden Präsidentschaftskandidaten und darauf werfen, was ihre politischen Programme für Unternehmensanleihen bedeuten könnten.

Unter einer Biden-Regierung würden die Experten erwarten, dass sich das Geschäftsklima dramatisch verändern würde. Die Experten würden davon ausgehen, dass Exekutivverordnungen im Bereich der Klimapolitik zu den ersten Veränderungen gehören würden - und zu den wirkungsvollsten.

Eine strengere Klimaschutzpolitik wäre gut für den Planeten, würde aber den Gewinnen im Energie- und Rohstoffsektor schaden. Exploration und Produktion wären am stärksten betroffen, wenn es mehr Regulierung, eine potenzielle CO2-Steuer und höhere staatliche Leasingraten gäbe, die sich auf die Produktion auswirken und die Kosten erhöhen würden. Es gäbe auch das Potenzial für ein Fracking-Verbot auf bundeseigenem Boden, aber das sei eine weiter entfernte Möglichkeit.

Ein niedrigeres Explorations- und Produktionsniveau würde zu geringeren Einnahmen aus Ölfelddienstleistungen führen, obwohl die einzigen direkten Auswirkungen auf Ölfelddienstleistungsunternehmen von höheren Steuern herrühren würden. Die Ölraffinerien würden höhere Kosten für erneuerbare Biokraftstoffe und - letztendlich - den Zwang zu strengeren Effizienzstandards für Autos erleben. Energiepipelines könnten durch eine Verlagerung hin zu umweltfreundlicheren Energiequellen und mögliche Rechtsstreitigkeiten beeinträchtigt werden.

Höhere Unternehmens- und Personensteuern unter Biden würden wahrscheinlich am stärksten auf Technologie-, Pharma- und Medienunternehmen fallen. Der Technologiesektor würde höchstwahrscheinlich auch einer stärkeren Regulierung im Bereich des Datenschutzes ausgesetzt sein, ein Gegenwind für Unternehmen, die darauf angewiesen seien, Klicks zu monetarisieren. Bidens Forderung, den nationalen Mindestlohn mehr als zu verdoppeln, würde vor allem Restaurants mit niedrigen Margen und der Einzelhandel zu spüren bekommen, obwohl der Einzelhandelssektor von mehr Gewissheit im Welthandel profitieren würde und die Restaurants angesichts einer gelockerten Einwanderungspolitik durch eine größere Zahl von verfügbaren Arbeitskräften profitieren würden.

Die Experten würden glauben, dass eine erneute Zusammenarbeit der USA mit multilateralen Institutionen wie der Welthandelsorganisation sowie die Wahrscheinlichkeit einer größeren Handelssicherheit unter einer Biden-Regierung den meisten Sektoren zugutekäme. Der Aufschwung könnte besonders bemerkenswert für Autos, Chemikalien, Tabak und Technologie sein.

Eine zweite Amtszeit für Trump würde wahrscheinlich eine Fortsetzung der gegenwärtigen Politik bedeuten, wodurch Handelsspannungen und eine geringere Zahl von Arbeitskräften aufgrund der Einwanderungspolitik die Unternehmensgewinne weiter belasten könnten.

Trumps Steuersenkungen hätten jedoch die Gewinnmargen der Unternehmen erhöht, und Sektoren wie das Gaststättengewerbe und der Einzelhandel hätten von den höheren verfügbaren Einkommen der Käufer profitiert. Doch der größte Nutznießer? Die Telekommunikationsindustrie, die früher die höchsten effektiven Steuersätze aller Branchen aufgewiesen habe.

Trumps Aufhebung vieler bestehender Klimaschutzgesetze habe die Gewinne zahlreicher Sektoren gestärkt. Die größten Nutznießer seien leicht zu erraten - Energie und Rohstoffe, die beide ebenfalls von der Deregulierung profitiert hätten. Doch die Änderungen der Klimaschutzpolitik hätten auch dem Automobilsektor, der weniger Treibstoffeffizienz nachweisen müsse, und dem Tabaksektor geholfen. Auch Restaurants und der Einzelhandel hätten von der Deregulierung profitiert.

Auf der anderen Seite sei die internationale Handelspolitik umstritten gewesen, und eine weitere Verschlechterung sei möglich. Die Handelsspannungen hätten sich auf die Lieferketten ausgewirkt, und die Zölle hätten die Inputpreise erhöht und die Exporte verringert. Eine Verschlechterung des internationalen Handels würde Grundmaterialien wie Chemikalien, aber auch die Technologie, die Gebrauchsgüter, den Einzelhandel und Restaurants belasten. Eine strengere Einwanderungspolitik habe den Arbeitskräftepool verringert und die Arbeitskosten erhöht, was die Gewinnspannen für das Baugewerbe und die Restaurants schmälere.

Nicht auf allen Gebieten lägen die politischen Programme der Kandidaten so weit auseinander. Beide würden staatliche Ausgabensteigerungen befürworten, um die Erholung von COVID-19 zu unterstützen. Obwohl ihre Ansätze mit ziemlicher Sicherheit voneinander abweichen würden, würden der Bausektor und die verbraucherbezogenen Sektoren florieren, da die Konsumausgaben mit der Erholung steigen würden. Unter Trump würden wir Technologie, Transport und Produktion zu den Nutznießern zählen; bei Biden würden wir Gegenwind erwarten, so die Experten von AB.

Auch Infrastrukturprojekte seien ein Bereich, in dem grobe Übereinstimmung herrsche, obwohl der Schwerpunkt jedes Kandidaten den Mix der Sektoren verändern würde, von dem die Experten glauben würden, dass er profitieren werde. Bei Trump würden die Experten einen Aufschwung in den Bereichen Grundmaterialien, Energieexploration und -produktion sowie "Real Estate Investment Trusts" (REITs) erwarten. Eine Biden-Präsidentschaft würde auch die Grundstoffe unterstützen, sich dann aber auf Baustoffe und Konstruktion, Transport und Produktion konzentrieren.

Ein Bereich, in dem die Experten unabhängig von den Ergebnissen im November mit einigen Problemen rechnen würden, sei der Pharmasektor. Ein parteiübergreifender Gesetzesentwurf, der sich mit der Preisgestaltung für verschreibungspflichtige Medikamente in den USA befasse, werde keine Katastrophe bedeuten, aber zumindest die Gewinne in der Zukunft belasten.

Aktive Anleihenanleger würden ein tiefgehendes Verständnis dafür benötigen, wie sich einzelne Maßnahmen und Gesetze auf Branchen- und Emittentenebene auswirken könnten. Doch es sei auch hilfreich, sich zu verdeutlichen, was beide Programme - als Paket - für die Anleihenmärkte bedeuten könnten.

Es sei zum Beispiel nicht überraschend, dass die Steuerpolitik unter Trump ein Segen für Unternehmensanleihen gewesen sei, wie die Experten vorhin diskutiert hätten. Eine Biden-Regierung würde versuchen, einige dieser Steuersenkungen rückgängig zu machen, was sich negativ auf die Gewinnmargen der Unternehmen auswirken würde. Andererseits würde man erwarten, dass die Handelspolitik unter Biden günstiger für die Kreditmärkte wäre.

Und überraschenderweise sei die einzige festgestellte positive oder negative Neigung für den "Affordable Care Act" (ACA) die potenzielle Auswirkung auf REITs im Gesundheitssektor gewesen, sodass die Gesamtbewertung für den ACA unter beiden Kandidatenprogrammen neutral geblieben sei.

Insgesamt würden die Experten davon ausgehen, dass die Politik von Trump - vorausgesetzt, sie würde weitgehend dem Status quo entsprechen - positiver für Unternehmensanleihen wäre als die von Biden.

Da die US-Wahlen immer näher rücken würden, würden sich die Märkte zunehmend auf die Bewertung der potenziellen Ergebnisse konzentrieren. Nach Ansicht der Experten sollten Anleger mit mehr Volatilität rechnen, bis die Wahl vorbei sei und die endgültigen Ergebnisse bekannt seien. Anleger sollten ihre Portfolios genau unter die Lupe nehmen und bereit sein, ihre Positionierung an die politischen Rahmenbedingungen anzupassen, die die Risiken und Chancen in den kommenden Jahren bestimmen würden. (Ausgabe vom 26.10.2020) (27.10.2020/alc/a/a)