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"Thanksgiving" für die Zentralbanken


04.12.19 11:15
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - An dem amerikanischen Feiertag Thanksgiving wird traditionell an die Erntedankfeierlichkeiten der Pilgerväter im Herbst 1621 erinnert, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, und Alexis Bienvenu, Fondsmanager von La Financière de l'Échiquier.

Er sei in diesem Jahr genau passend gefallen und habe einen außergewöhnlichen Anstieg bei den US-Aktien markiert, denn diese hätten dem S&P 500 dreimal neue Höchststände beschert. Der Index habe am Tag vor Thanksgiving ein Plus von mehr als 28% (in US-Dollar, mit Dividenden) im Vergleich zum Jahresanfang verzeichnet. In Europa sei der Anstieg nahezu ebenso stark gewesen.

Welcher Macht sollten die Anleger ihre "Danksagung" nun darbringen?

Etwa den Unternehmen? Ganz bestimmt nicht! Das sei das Paradoxe an 2019: Das Börsenjahr sei außergewöhnlich, obwohl für die Gewinne im S&P 500 und im EURO STOXX 50 kein oder sogar ein negatives Wachstum erwartet werde.

Diese Kraftlosigkeit der Gewinne sei überdies irritierend, denn das US-Wirtschaftswachstum sei robust. Für 2019 werde es (inflationsbereinigt) auf rund 2,3% geschätzt. Damit lasse sich wieder einmal feststellen, dass Wirtschaftswachstum und Gewinnzuwachs nicht zwingend Hand in Hand gehen würden. Gleiches gelte für das Gewinnwachstum und die Kursanstiege an der Börse. Schlimmstenfalls sei es wie 2018 ein außergewöhnliches Jahr für die Gewinne, aber ein schreckliches Jahr für die Börsen. Bestenfalls laufe es wie in diesem Jahr.

Müssten die Anleger ihr "Thanksgiving" also den politischen Entscheidungsträgern dieser Welt darbringen? Das wäre ebenfalls paradox, denn diese hätten die Welt der Wirtschaft durch den Handelskrieg zwischen den USA und China, durch die ständigen Wendungen im Brexit-Streit und durch ihr Zaudern im Umgang mit sozialen ("Gelbwesten" in Frankreich) oder politischen (aktuell in Hongkong) Unruhen aufgewühlt.

Aber wem denn dann? Den Zentralbanken natürlich! In den letzten Jahren habe sich angedeutet, dass Wohl und Wehe der Märkte ungeachtet der Gewinnentwicklung ganz allein von ihnen abhänge. 2018 sei ein Rekordjahr für das Gewinnwachstum gewesen, aber für die Börsen eine Katastrophe. Die FED habe damals die finanziellen Bedingungen gestrafft. 2019 hingegen sei ein Jahr mit null Gewinnwachstum, dafür laufe es für die Börsen indes ausgezeichnet. Kein Wunder, denn die FED habe ihren Kurs Anfang 2019 geändert. Diese starke Korrelation könne kein Zufall sein.

Was sei nun für das anstehende Jahr 2020 zu erwarten? Werde es ein Jahr der Gewinne werden? Wolle man aus den jüngsten Erfahrungen eine Lehre ziehen, sollte man in dieser Frage vor allem die von den Zentralbanken gesendeten Signale beachten. Denn diese würden weiterhin einen sehr lockeren geldpolitischen Kurs fahren. So kaufe die FED in großen Mengen Treasury Bills, erkläre jedoch offiziell, kein Quantitative Easing zu betreiben, da es sich bei diesen Papieren um Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit handele. Dennoch habe sie den Liquiditätshahn wieder aufgedreht, denn der Markt komme nicht mehr ohne zurecht. Die Europäische Zentralbank tätige unterdessen weiterhin unbegrenzt Wertpapierkäufe. Gleiches gelte für die Bank of Japan. Auch China pumpe über verschiedene Kanäle Liquidität in die Wirtschaft.

Die gute Nachricht bei alledem sei, dass sich der Markt auch 2020 auf die Zentralbanken verlassen können dürfte. Vermutlich sogar für viele weitere Jahre, denn ein deutlicher Anstieg der Zinssätze erscheine in Anbetracht der weltweiten privaten und öffentlichen Schuldenstände nicht möglich. Die Zentralbanken seien angesichts dieser Schuldenstände in einer Zwangslage und könnten nicht offensiver vorgehen.

Der Markt werde sich bei ihnen hierfür noch lange bedanken. (04.12.2019/alc/a/a)