Steigende Inflation: Reagiert die FED zu langsam?


26.11.21 11:02
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - Eine langsame Normalisierung der Geldpolitik war das erklärte Ziel der US-amerikanischen Zentralbank FED, so die Experten von LYNX Broker.

Zuerst sollte die Bilanz abgebaut und dann sollten langsam die Zinsen wieder angehoben werden. Hintergrund dieses Plans sei die Annahme gewesen, dass die Erholung der Wirtschaft nach der Pandemie ähnlich ablaufen würde wie nach der Finanzkrise 2008/2009, also langsam und mit einer bedenklich niedrigen Inflationsrate. Unbedingt vermeiden wollen habe man, dass man in eine ähnliche Lage wie Japan gerate. Für Sascha Sadowski, Marktexperte beim Online-Broker LYNX, sei das ein durchaus nachvollziehbarer Grund - wenn sich die aktuelle Krise zu einem Zeitpunkt ereignet hätte, an dem die Inflation nahe Null gelegen hätte. Doch unter den heutigen Gegebenheiten halte er das Zögern der FED, der Inflation mit allen Mitteln entgegenzutreten, für gefährlich.

"Angefangen hat es damit, dass die FED im Sommer 2020 angefangen hat, die Inflation als einen Durchschnittswert über einen längeren Zeitraum zu betrachten. Dieses sogenannte Average Inflation Targeting besagt, dass eine Inflation oberhalb des 2-Prozent-Ziels toleriert werden kann, wenn sie sich davor unter diesem Idealwert bewegt hat. Doch dieses Modell hatte von Anfang an Schwachstellen, weil es sich nur an der Vergangenheit orientiert, die nun einmal in weiten Teilen von langsamem Wachstum und einer niedrigen Inflation geprägt war", fasse der Experte zusammen.

"Jetzt allerdings ist die Situation eine völlig andere: Die Wirtschaft hat nach den Einschränkungen durch die Pandemie einen regelrechten Senkrechtstart hingelegt und die ohnehin bereits angespannten internationalen Lieferketten damit überfordert. Von Lebensmitteln über Halbleiter bis hin zu Energie und Immobilien - mittlerweile gibt es kaum noch einen Bereich, in dem die Inflation nicht gestiegen ist. Natürlich kann man sich auch weiterhin einreden, dass es sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen handelt, doch das geht an der Realität - und den Auswirkungen der hohen Preise auf die Menschen und die Wirtschaft - vorbei."

Als erste Maßnahme auf dem Weg zurück zu einer normalen Geldpolitik habe die FED jetzt angekündigt, ihr Anleihenkaufprogramm einzustellen und die Bilanz abzubauen. Eine Erhöhung der Zinsen sei jedoch bislang nicht in Sicht. Die Angst, damit dem Aufschwung den Wind aus den Segeln zu nehmen, sei schlicht zu groß. Sadowski sehe in dieser Haltung jedoch eine Gefahr.

"Die FED hat auf dem Weg zurück zur Normalität zwei große Hürden zu bewältigen. Zum einen könnte ein Ende der ultralockeren Geldpolitik zu Korrekturen auf dem Asset-Markt und damit auch in der Wirtschaft führen. Zum anderen muss sie ihren Zeitplan korrigieren. Bislang gab es keinen Anlass, bei der Normalisierung der Geldpolitik aufs Gas zu drücken, man dachte, man könnte nach und nach kleine Schritte in diese Richtung machen. Doch das hat sich jetzt geändert - und jetzt muss die FED den Weg zurück unter dem Druck der galoppierenden Inflation gehen."

Doch die Verantwortlichen bei der FED scheinen bislang keine Eile zu haben, ihr wirksamstes Mittel, die Erhöhung des Leitzinses, einzusetzen, so die Experten von LYNX Broker. Bislang scheine man davon auszugehen, dass der Abbau der Bilanz vorerst ausreiche. Sascha Sadowski sei jedoch skeptisch, ob diese Maßnahme ausreiche, um der Inflation einen Riegel vorzuschieben.

"Wir müssen mittlerweile davon ausgehen, dass es sich bei der aktuellen Inflationsrate nicht um ein vorübergehendes, sondern um ein bleibendes Phänomen handelt, das sich ohne entsprechendes Eingreifen der Notenbank nicht von selbst lösen wird. Die Erhöhung des Leitzinses sollte da nicht das letzte Mittel sein, sondern eine Sofortmaßnahme, um die Entwicklung zu stoppen, bevor sie überhandnimmt. Es bleibt also zu hoffen, dass das schärfste Schwert der FED nicht erst zum Einsatz kommt, wenn es zu spät ist." (26.11.2021/alc/a/a)