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Stagflation durch Rohstoffrally? Nein.
21.05.21 10:45
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Rohstoffpreise scheinen durch die Decke zu gehen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Seit Jahresbeginn sei der Preis für Stahl, Kupfer, Öl und Holz zwischen 30% und 50% gestiegen. Für viele Industrien, die auf diese Rohstoffe angewiesen seien, sei das problematisch. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden nicht mit einem breit angelegten langjährigen Superzyklus bei Rohstoffen rechnen. Jedoch gebe es einige ausgewählte Materialien, bei denen insbesondere die Klimapolitik für einen anhaltenden Preisaufschwung sorgen könne. Für eine dauerhaft höhere Inflation reiche das jedoch nicht.
Fast überall in der Industrie würden sich die Klagen mehren, dass die Preise für bestimmte Rohstoffe erheblich gestiegen seien bzw. dass sich die Wartezeiten für die Lieferung bestimmter Rohstoffe verlängert hätten. In der Bauwirtschaft etwa, die unter anderem auf Holz, Stahl und Kupfer angewiesen sei, würden laut ifo-Institut fast 18% der befragten Unternehmen über Materialmangel klagen. In den vergangenen 30 Jahren habe dieser Wert im Durchschnitt bei 1% gelegen. Das Phänomen sei aber keineswegs auf die Bauwirtschaft beschränkt. Im Verarbeitenden Gewerbe hätten im April 45% der vom ifo-Institut befragten Unternehmen von Materialknappheit berichtet, der langfristige Durchschnitt liege bei 6%.
Für die Unternehmen sei das ein Problem. Die Kostenkalkulationen für bestehende Aufträge könnten außer Kontrolle geraten, weil beispielsweise für das Holz plötzlich ein Aufschlag von 50% gezahlt werden müsse, während etwa die Verzögerung bei der Lieferung mit Spezialstahl die Produktion zusätzlich verteuere. Die Unsicherheit über die Kalkulation könne dazu führen, dass Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten würden, Aufträge ablehnen würden oder zukünftig derart hohe Preiszuschläge verlangen würden, dass der Kunde seinen Auftrag wieder zurückziehe.
Gesamtwirtschaftlich bedeute dies zunächst, dass der Aufschwung abgebremst werde, wenn die beschriebenen Engpässe länger anhalten würden. Im Extremfall könne dies in eine Stagflation führen, also die Kombination von hoher Inflation mit einer wirtschaftlichen Stagnation. Bekannt sei dieses Phänomen aus den 1970er Jahren, als im Zuge zweier Ölkrisen die Inflation in vielen Ländern zweistellig geworden sei, während u.a. Deutschland Mitte des Jahrzehnts in die bis dahin tiefste Nachkriegsrezession gerutscht sei.
Damit es zu diesem Szenario komme, müssten die Preisanstiege über einen längeren Zeitraum anhalten. Das könnte dann geschehen, wenn Arbeitnehmer bzw. die sie vertretenden Gewerkschaften als Kompensation für die Inflation höhere Löhne einfordern würden, die dann ihrerseits zu einer höheren Inflation führen würden. Die Inflationserwartungen würden steigen und eine Lohn-Preis-Spirale wäre die Folge. Möglich sei auch, dass der jetzt zu beobachtende Preisanstieg bei Rohstoffen in einen mehrjährigen Superzyklus münde und - begleitet von einer ebenfalls preistreibenden Entglobalisierung - die Inflation dauerhaft im Bereich von 4 oder 5% lasse.
Beide Szenarien würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank für eher unwahrscheinlich halten, auch wenn die Risiken derartiger Entwicklungen gestiegen seien. Die Preisentwicklung der vergangenen Monate verdecke, dass in der längerfristigen Betrachtung wichtige Rohstoffe auf einem weiterhin moderaten Niveau seien. Das gelte insbesondere für Öl, wo der Preis für die Sorte Brent am 20.05. mit 67 US-Dollar/Barrel ungefähr auf dem Niveau von Anfang 2020 liege. Dieser Markt sei nicht von Engpässen gekennzeichnet, sondern hier finde schlicht eine Normalisierung des im vergangenen Jahr vollkommen durcheinandergerüttelten Ölmarktes statt. Auch der Kohlepreis sei im historischen Vergleich nicht besonders hoch.
Bei Stahl hingegen sei mittlerweile ein ungewöhnlich hohes Preisniveau erreicht worden. Hier würden jedoch die Verwerfungen im Zuge der Coronakrise eine besondere Rolle spielen. So boome derzeit das Verarbeitende Gewerbe, da sich während der Lockdowns die Konsummuster zugunsten von Gütern und zulasten von Dienstleistungen verändert hätten. Die gute Konjunktur in der Industrie habe zu einer hohen Nachfrage nach Stahl geführt, wovon auch der Preis für Eisenerz profitiert habe.
Wenn jedoch in den USA und Europa die Menschen ihr Geld wieder für Reisen, Konzerte und Restaurantbesuche ausgeben dürften, werde dies zulasten der Güternachfrage und damit der Industrie gehen, die dann auch weniger Rohstoffe nachfrage. Teilweise dürfte dies dadurch kompensiert werden, dass die USA und die EU groß angelegte Infrastrukturprogramme planen würden. In den USA sei das von Biden angekündigte 2,3 Billionen-US-Dollar-Programm jedoch noch nicht beschlossen worden und die Ausgaben würden sich über acht Jahre strecken. Im Ergebnis würden die Rohstoffpreise wahrscheinlich spätestens im kommenden Jahr wieder zurückfallen, die Inflationserwartungen sinken und die oben beschriebene Lohn-Preis-Spirale nicht in Gang kommen.
In diesem Zusammenhang würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank davon ausgehen, dass sich die Transportengpässe, die derzeit insbesondere in der Schifffahrt bestünden und ein Ergebnis der Coronaverwerfungen seien, allmählich auflösen. Auch sollte es der Halbleiterindustrie gelingen, die Kapazitäten für die von der Autoindustrie so stark nachgefragten Mikrochips auszuweiten und den Nachfrageüberhang allmählich abzubauen.
Bei Kupfer und Holz bestehe hingegen die Möglichkeit, dass es hier tatsächlich zu einem Superzyklus komme. Wenn die Weltgemeinschaft mit einer neuen Klimapolitik ernst mache, würden in einem relativ kurzen Zeitraum unzählige neue Stromleitungen benötigt, um den Strom neuer Wind- und Solaranlagen abzutransportieren. Kupfer sei ein äußerst leitfähiges Material und werde daher massiv nachgefragt werden. Gleichzeitig sei das Angebot an Kupfer sehr unelastisch, da die Erschließung einer neuen Kupfermiene bis zu acht Jahre brauche und auch die Erweiterung einer bestehenden Miene zwei bis vier Jahre bedürfe.
Interessanterweise könne auch Holz im Zuge der Bemühungen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, eine deutlich höhere Verwendung finden, und zwar in der Bauindustrie. Denn die Bauindustrie habe gemäß der UN-Umweltorganisation UNEP einen Anteil von 11% am globalen CO2-Ausstoß und werde daher im Rahmen der Pariser Klimaziele auch seinen Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstoßes leisten müssen. Holz habe dabei eine wesentlich bessere Ökobilanz vorzuweisen als Beton und Stahl. Da gleichzeitig das Aufforsten viele Jahre in Anspruch nehme, während bestehende Wälder eben wegen des Klimawandels nur in einem begrenzten Maße für die Holzwirtschaft zur Verfügung stünden, könnte es hier ebenfalls dazu kommen, dass die Nachfrage viele Jahre das Angebot übersteige.
Gleichzeitig erscheine es als wahrscheinlich, dass Energie-Rohstoffe, das gelte insbesondere für Kohle, als Folge der gesetzten CO2-Ziele mit einer über die nächsten Jahrzehnte niedrigeren Nachfrage rechnen müssten und die Preise daher langfristig abwärts gerichtet seien. Ähnliches gelte für Öl.
Stahl liege in dieser Betrachtung irgendwo dazwischen. Auf der einen Seite werde Stahl im Bereich der erneuerbaren Energien, etwa für das Aufstellen von Solarpanels und beim Bau von Windkraftanlagen benötigt. Auf der anderen Seite sei die bisherige Stahlproduktion äußerst CO2-intensiv. Zusammen mit den chronischen Überkapazitäten, die in diesem Sektor vorherrschen würden, würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank auch bei Stahl nicht mit einem mehrjährigen Preisanstieg rechnen. Insgesamt würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank daher nicht einen breit angelegte Superzyklus für Rohstoffe und damit auch keine anhaltend hohe Inflation erwarten. (Ausgabe vom 20.05.2021) (21.05.2021/alc/a/a)
Seit Jahresbeginn sei der Preis für Stahl, Kupfer, Öl und Holz zwischen 30% und 50% gestiegen. Für viele Industrien, die auf diese Rohstoffe angewiesen seien, sei das problematisch. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden nicht mit einem breit angelegten langjährigen Superzyklus bei Rohstoffen rechnen. Jedoch gebe es einige ausgewählte Materialien, bei denen insbesondere die Klimapolitik für einen anhaltenden Preisaufschwung sorgen könne. Für eine dauerhaft höhere Inflation reiche das jedoch nicht.
Fast überall in der Industrie würden sich die Klagen mehren, dass die Preise für bestimmte Rohstoffe erheblich gestiegen seien bzw. dass sich die Wartezeiten für die Lieferung bestimmter Rohstoffe verlängert hätten. In der Bauwirtschaft etwa, die unter anderem auf Holz, Stahl und Kupfer angewiesen sei, würden laut ifo-Institut fast 18% der befragten Unternehmen über Materialmangel klagen. In den vergangenen 30 Jahren habe dieser Wert im Durchschnitt bei 1% gelegen. Das Phänomen sei aber keineswegs auf die Bauwirtschaft beschränkt. Im Verarbeitenden Gewerbe hätten im April 45% der vom ifo-Institut befragten Unternehmen von Materialknappheit berichtet, der langfristige Durchschnitt liege bei 6%.
Für die Unternehmen sei das ein Problem. Die Kostenkalkulationen für bestehende Aufträge könnten außer Kontrolle geraten, weil beispielsweise für das Holz plötzlich ein Aufschlag von 50% gezahlt werden müsse, während etwa die Verzögerung bei der Lieferung mit Spezialstahl die Produktion zusätzlich verteuere. Die Unsicherheit über die Kalkulation könne dazu führen, dass Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten würden, Aufträge ablehnen würden oder zukünftig derart hohe Preiszuschläge verlangen würden, dass der Kunde seinen Auftrag wieder zurückziehe.
Gesamtwirtschaftlich bedeute dies zunächst, dass der Aufschwung abgebremst werde, wenn die beschriebenen Engpässe länger anhalten würden. Im Extremfall könne dies in eine Stagflation führen, also die Kombination von hoher Inflation mit einer wirtschaftlichen Stagnation. Bekannt sei dieses Phänomen aus den 1970er Jahren, als im Zuge zweier Ölkrisen die Inflation in vielen Ländern zweistellig geworden sei, während u.a. Deutschland Mitte des Jahrzehnts in die bis dahin tiefste Nachkriegsrezession gerutscht sei.
Damit es zu diesem Szenario komme, müssten die Preisanstiege über einen längeren Zeitraum anhalten. Das könnte dann geschehen, wenn Arbeitnehmer bzw. die sie vertretenden Gewerkschaften als Kompensation für die Inflation höhere Löhne einfordern würden, die dann ihrerseits zu einer höheren Inflation führen würden. Die Inflationserwartungen würden steigen und eine Lohn-Preis-Spirale wäre die Folge. Möglich sei auch, dass der jetzt zu beobachtende Preisanstieg bei Rohstoffen in einen mehrjährigen Superzyklus münde und - begleitet von einer ebenfalls preistreibenden Entglobalisierung - die Inflation dauerhaft im Bereich von 4 oder 5% lasse.
Bei Stahl hingegen sei mittlerweile ein ungewöhnlich hohes Preisniveau erreicht worden. Hier würden jedoch die Verwerfungen im Zuge der Coronakrise eine besondere Rolle spielen. So boome derzeit das Verarbeitende Gewerbe, da sich während der Lockdowns die Konsummuster zugunsten von Gütern und zulasten von Dienstleistungen verändert hätten. Die gute Konjunktur in der Industrie habe zu einer hohen Nachfrage nach Stahl geführt, wovon auch der Preis für Eisenerz profitiert habe.
Wenn jedoch in den USA und Europa die Menschen ihr Geld wieder für Reisen, Konzerte und Restaurantbesuche ausgeben dürften, werde dies zulasten der Güternachfrage und damit der Industrie gehen, die dann auch weniger Rohstoffe nachfrage. Teilweise dürfte dies dadurch kompensiert werden, dass die USA und die EU groß angelegte Infrastrukturprogramme planen würden. In den USA sei das von Biden angekündigte 2,3 Billionen-US-Dollar-Programm jedoch noch nicht beschlossen worden und die Ausgaben würden sich über acht Jahre strecken. Im Ergebnis würden die Rohstoffpreise wahrscheinlich spätestens im kommenden Jahr wieder zurückfallen, die Inflationserwartungen sinken und die oben beschriebene Lohn-Preis-Spirale nicht in Gang kommen.
In diesem Zusammenhang würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank davon ausgehen, dass sich die Transportengpässe, die derzeit insbesondere in der Schifffahrt bestünden und ein Ergebnis der Coronaverwerfungen seien, allmählich auflösen. Auch sollte es der Halbleiterindustrie gelingen, die Kapazitäten für die von der Autoindustrie so stark nachgefragten Mikrochips auszuweiten und den Nachfrageüberhang allmählich abzubauen.
Bei Kupfer und Holz bestehe hingegen die Möglichkeit, dass es hier tatsächlich zu einem Superzyklus komme. Wenn die Weltgemeinschaft mit einer neuen Klimapolitik ernst mache, würden in einem relativ kurzen Zeitraum unzählige neue Stromleitungen benötigt, um den Strom neuer Wind- und Solaranlagen abzutransportieren. Kupfer sei ein äußerst leitfähiges Material und werde daher massiv nachgefragt werden. Gleichzeitig sei das Angebot an Kupfer sehr unelastisch, da die Erschließung einer neuen Kupfermiene bis zu acht Jahre brauche und auch die Erweiterung einer bestehenden Miene zwei bis vier Jahre bedürfe.
Interessanterweise könne auch Holz im Zuge der Bemühungen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, eine deutlich höhere Verwendung finden, und zwar in der Bauindustrie. Denn die Bauindustrie habe gemäß der UN-Umweltorganisation UNEP einen Anteil von 11% am globalen CO2-Ausstoß und werde daher im Rahmen der Pariser Klimaziele auch seinen Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstoßes leisten müssen. Holz habe dabei eine wesentlich bessere Ökobilanz vorzuweisen als Beton und Stahl. Da gleichzeitig das Aufforsten viele Jahre in Anspruch nehme, während bestehende Wälder eben wegen des Klimawandels nur in einem begrenzten Maße für die Holzwirtschaft zur Verfügung stünden, könnte es hier ebenfalls dazu kommen, dass die Nachfrage viele Jahre das Angebot übersteige.
Gleichzeitig erscheine es als wahrscheinlich, dass Energie-Rohstoffe, das gelte insbesondere für Kohle, als Folge der gesetzten CO2-Ziele mit einer über die nächsten Jahrzehnte niedrigeren Nachfrage rechnen müssten und die Preise daher langfristig abwärts gerichtet seien. Ähnliches gelte für Öl.
Stahl liege in dieser Betrachtung irgendwo dazwischen. Auf der einen Seite werde Stahl im Bereich der erneuerbaren Energien, etwa für das Aufstellen von Solarpanels und beim Bau von Windkraftanlagen benötigt. Auf der anderen Seite sei die bisherige Stahlproduktion äußerst CO2-intensiv. Zusammen mit den chronischen Überkapazitäten, die in diesem Sektor vorherrschen würden, würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank auch bei Stahl nicht mit einem mehrjährigen Preisanstieg rechnen. Insgesamt würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank daher nicht einen breit angelegte Superzyklus für Rohstoffe und damit auch keine anhaltend hohe Inflation erwarten. (Ausgabe vom 20.05.2021) (21.05.2021/alc/a/a)


