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Staatsanleihen können nachhaltige Ziele erfüllen


17.08.22 11:57
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Niemand wird bestreiten, dass Staatsanleihen für eine gesunde Portfoliokonstruktion wichtig sind, sowohl was den Umfang als auch die Gewichtung angeht, so Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM.

Wenn es jedoch um Nachhaltigkeit gehe, lasse die europäische Regulierung sie weitgehend beiseite, obwohl Staatsanleihen eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung eines nachhaltigen und integrativen Wachstums spielen könnten. Mortier erkläre, warum.

Der Ausschluss von Staatsanleihen aus einem Nachhaltigkeitsansatz sei keine Lösung. Das Fehlen einer präzisen und detaillierten Regulierung sollte keine Entschuldigung dafür sein, an der derzeitigen Definition festzuhalten. Es sei vielmehr ein Grund, für einen disziplinierten, strengen und glaubwürdigen Ansatz zu plädieren, um Staatsanleihen als wichtige Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung in gleicher Weise zu berücksichtigen wie Instrumente des Privatsektors. Heute erleben wir eine wichtige Debatte auf europäischer Ebene über die Klassifizierung von Staatsanleihen in der ESG-Skala der Europäischen Kommission, so Ophélie Mortier:

Erstens müsse definiert werden, inwieweit Staatsanleihen ESG-Faktoren integrieren, ökologische und soziale Merkmale fördern oder sogar ein ökologisches und soziales Ziel verfolgen würden. Darüber hinaus würden Staatsanleihen nicht von der Europäischen Taxonomie erfasst und könnten daher - aus technischer Sicht - unmöglich die in der Taxonomie festgelegten Umweltziele erfüllen.

Zweitens seien die so genannten "Hauptindikatoren für negative Auswirkungen", die für die Anlageklasse spezifisch seien, zahlenmäßig begrenzt und offen für Interpretationen, wie z.B. der soziale Indikator für die Anzahl der Länder, in denen es zu sozialen Verstößen komme.

Mortier werfe abschließend einen Blick auf die letzte und dritte Option für MIFID-pflichtige Anleger, ihre Nachhaltigkeitspräferenzen zum Ausdruck zu bringen: Wie sollte man die ökologischen und/oder sozialen Ziele eines Landes klar unterscheiden und messen (geschweige denn geeignete KPIs definieren)?

Dennoch sei es aus einer Vielzahl von Gründen offensichtlich, dass Staatsanleihen als eigenständiges Instrument zur Finanzierung einer nachhaltigen und integrativen Wirtschaft anerkannt werden sollten.

Erstens würden Staatsanleihen eine wichtige Anlageklasse darstellen und seien nach wie vor eine wichtige Säule im Portfolioaufbau institutioneller Anleger.

Zweitens sei bei der Festlegung der Nachhaltigkeitsziele als Folgemaßnahme zu den Millenniums-Entwicklungszielen zur Finanzierung der nachhaltigen Entwicklung der Staaten der Privatsektor aufgefordert worden, die öffentlichen Mittel zu ergänzen, die allein nicht ausreichen würden, um den gesamten Bedarf zu decken. Nach der gleichen Logik werde die derzeitige alleinige Konzentration auf die private Finanzierung nicht ausreichen, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Sowohl die private als auch die öffentliche Finanzierung müssten als vollwertige Geldgeber für die Sache anerkannt werden.

Schließlich habe sich die Mehrheit der Staaten formell zu den Zielen für 2030 verpflichtet, sei es durch die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung oder durch die Unterzeichnung des Pariser Abkommens für einen gerechten Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft. Es sei nur natürlich, dass sie ihre Anleiheemissionen entsprechend ausrichten sollten.

Mortier komme daher zu dem Schluss, dass ein Portfolio von Staatsanleihen, das einem strengen und rigorosen Ansatz für verantwortungsbewusste Investments unterliege, einem nachhaltigen Zweck der Förderung ökologischer und sozialer Eigenschaften und Ziele dienen könne und sollte. Doch wie?

Mit Hilfe eines robusten und kritischen Nachhaltigkeitsanalysemodells werde es möglich sein, den Entwicklungsstand der Länder sowie die Stärken und Schwächen und die Fortschritte der einzelnen Länder in einem engagierten Dialog zu ermitteln. Durch die vorgelagerte Integration der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung in den Investitionsprozess werde das Portfolio auf natürliche Weise gefordert, sich an den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung zu orientieren.

Die Festlegung von KPIs auf Portfolioebene helfe bei der Analyse und Bewertung der Auswirkungen auf der Grundlage einer Reihe messbarer ökologischer, sozialer oder Governance-Kriterien, wie z.B. dem CO2-Fußabdruck oder den Bemühungen der Länder um eine Verringerung des CO2-Ausstoßes, sozialer Kriterien zur Förderung einer besseren Achtung grundlegender Werte wie der Menschen- oder der Arbeitnehmerrechte oder Governance-Kriterien zur Förderung der Korruptionsbekämpfung oder einer besseren Achtung der Bürgerrechte und der individuellen Freiheiten.

Grüne Anleihen und ähnliche Instrumente seien offensichtlich klare Instrumente zur Förderung von ökologischen und/oder sozialen Zielen. Ihre Ziele seien klar definiert und könnten vom Beginn der Emission bis zur Fälligkeit der Anleihe überwacht werden. Vorausgesetzt natürlich, dass die grünen Anleihen (oder ähnliche Instrumente) die Kriterien einer echten grünen Anleihe erfüllen würden: d.h. mit einer klaren Verwendung der Erlöse (Förderfähigkeit der Projekte, Entscheidungsprozess), Offenlegung der Dokumentation, zugelassenem Prüfer und Verwaltung (Nachverfolgung) der Erlöse.

Und schließlich dürfe man nicht das Engagement vergessen, das im Mittelpunkt des Konzepts der nachhaltigen Investments stehe. Durch das Engagement finde ein Austausch über bewährte Verfahren statt. Durch dieses Engagement könnten auch die Regierungen für die Nachhaltigkeitsproblematik sensibilisiert werden. Es sei von entscheidender Bedeutung, dass Staatsanleihen Investoren zeigen würden, wie wichtig diese Kriterien seien, um Investments anzuziehen. Es sei auch von entscheidender Bedeutung, die Emittenten von Staatsanleihen zu ermutigen, sich mit Nachhaltigkeitsaspekten zu befassen, die für eine Investmentmentalität von zentraler Bedeutung seien. (Ausgabe vom 16.08.2022) (17.08.2022/alc/a/a)