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Staatsanleihen: Risikoprämien könnten weiter sinken


03.06.20 12:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Fast zeitgleich haben der EURO STOXX 50-Index und der S&P 500-Index die 3.000er Marke überwunden, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. (Raiffeisen KAG).

Manche sprächen von technischen Marken, deren Überspringen Gutes verheiße. Und das möge durchaus sein, denn der Markt sei bekanntlich zu einem wesentlichen Teil von Psychologie getrieben. Allerdings sei das Sentiment der Anleger im umgekehrten Sinne zu lesen. Was bedeute, dass eine schlechte Stimmung unter den Marktteilnehmern oft ein Vorzeichen für eine positive Marktentwicklung sei. Diverse Indikatoren würden darauf hindeuten, dass viele Anlegerinnen und Anleger noch immer vorsichtig seien. Eine Marktanalyse, die an diesem Punkt endete, käme daher zu dem Ergebnis, dass Aktien übergewichtet sein sollten. Jetzt kämen aber die Fundamentaldaten ins Spiel, also Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne. Gerade bei Letzteren stünden noch Einbrüche ins Haus. Dies werde der Markt nicht ohne Korrekturen verkraften, weshalb die Experten der Raiffeisen KAG hier mit gewisser Vorsicht agieren würden.

Dieser scheinbare Gleichlauf um die Schwelle "3.000" sei aber auch eine Bestätigung der schlechteren Entwicklung europäischer Aktien. Denn vor genau zehn Jahren habe der EURO STOXX 50 bereits bei 2.600 gelegen, der S&P 500 bei 1.100. Man müsse kein Finanzmathematiker sein, um zu sehen, dass der Performanceunterschied massiv sei. Natürlich könne man alles gut begründen. Die großen und erfolgreichen Technologie- und Internetunternehmen gebe es in den USA. Und US-Banken würden seit Jahren stabil performen, während man das von den heimischen Finanzwerten zumindest im Aggregat nicht behaupten könne. In der nächsten Konjunkturerholung würden europäische Werte allerdings eine neue Chance bekommen. Immerhin sollten die hiesigen Exporteure von einem Anspringen des Welthandels profitieren. Spätestens dann sollten auch die attraktiven Aktienbewertungen ins Auge springen.

Innerhalb des europäischen Staatsanleiheuniversums würden die Experten der Raiffeisen KAG europäische Peripherieanleihen gegenüber europäischen Kernländern bevorzugen (vor allem gegenüber Deutschland und Frankreich). In Summe würden sie davon ausgehen, dass die Risikoprämien am Staatsanleihenmarkt - entgegen der fundamentalen Verfassung der meisten Staaten - vorerst weiter sinken würden.

Die Experten der Raiffeisen KAG sähen EUR-Investmentgrade-Unternehmensanleihen weiterhin positiv. Bei USD-High-Yield-Anleihen hätten sich die Refinanzierungsmöglichkeiten dieser Unternehmen etwas verbessert. Das Segment profitiere auch von einem steigenden Ölpreis. Die Spreads am EUR-High-Yiel-Markt seien ebenfalls gesunken. Hier beobachte man die erwähnten unterstützenden Faktoren (noch) nicht in der Ausprägung.

Unsere Sichtweise in Bezug auf Schwellenländer-Hartwährungsanleihen hat sich zuletzt nicht geändert, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG, weiter. Diese Anleiheklasse bleibe für die Experten der Raiffeisen KAG aktuell eine der attraktiveren, zumal sie einen Großteil der durch die Covid-19-Pandemie ausgelösten fundamentalen Probleme bereits eingepreist sähen.

Die internationalen Aktienmärkte hätten sich in den letzten Wochen weiter beeindruckend stark präsentiert. Umfangreiche Fiskalpakete und geldpolitische Maßnahmen in Kombination mit der Aussicht auf eine voranschreitende Normalisierung des Wirtschaftslebens würden die Anlegerinnen und Anleger aktuell sämtliche Risikofaktoren ausblenden lassen. Die Experten der Raiffeisen KAG sähen kurzfristig zu viel Zuversicht eingepreist (vs. der erwarteten Verbesserung der Fundamentalfaktoren) und seien daher weiterhin vorsichtig positioniert.

Aktien aus den Emerging Markets hätten sich zuletzt erholen können. Auf Sektorebene sei ersichtlich, dass die Bereiche Gesundheit und Telekom seit Jahresbeginn mittlerweile sogar im Plus seien. Am stärksten negativ dahingegen seien die zyklischen Sektoren Finanz, Energie und Industrie betroffen. Die Gewinnentwicklung gehe deutlich zurück und treffe jene Regionen stärker, die zyklischer aufgestellt seien. Dabei sei wichtig festzuhalten, dass das Tief bei den Gewinnen noch nicht erreicht sei, da die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin rückläufig sei.

In einem freundlichen Kapitalmarktumfeld hätten sich auch die Rohstoffpreise von ihren Tiefstständen erholen können. Besonders stark präsentiere sich weiterhin der Edelmetallbereich. Hier seien die umfangreichen Notenbankmaßnahmen besonders stark zu spüren und würden zu Rekordzuflüssen in Goldprodukten führen. Trotz der Kursanstiege würden die aktuellen Preisniveaus unverändert zu weiteren Angebotsrücknahmen führen. (03.06.2020/alc/a/a)