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Staatsanleihen in der Eurozone als sicherer Hafen gefragt


09.06.25 08:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Staatsanleihen der europäischen Peripherieländer haben den Finanzierungschock, der sich mit der Notwen digkeit höherer Verteidigungsausgaben für alle Länder im Euroraum stellt, recht gut weggesteckt, so die Analysten der Helaba.

Nachdem der damals designierte Bundeskanzler Merz Ende Februar höhere deutsche Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur ins Spiel gebracht habe, sei es für die Zinsen am europäischen Rentenmarkt im deutschen Geleitzug kräftig bergauf gegangen. Vom Tief- bis zum Hochpunkt hätten die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen von Frankreich, Italien und Spanien gut 50 Basispunkte zugelegt. Das Jahreshoch Anfang März habe sich für Frankreich bei 3,6 %, für Spanien auf 3,5 % sowie für Italien auf 4 % belaufen. Im Anschluss sei es jedoch recht schnell wieder bergab gegangen.

Unterstützung sei aus den USA gekommen: Die erratische Zoll- und Wirtschaftspolitik von US-Präsident Trump habe den Dollar ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie den US-Rentenmarkt. Das Vertrauen in die Leitwährung und den sicheren Hafen USA habe erste Schrammen davongetragen. Die Unsicherheit, die den amerikanischen Rentenmarkt belaste, sei dem europäischen als sicherer Anlagehafen zugute gekommen. Die Zinsen hätten auf breiter Front nachgegeben, auch wenn die Jahrestiefs von Anfang Februar nicht wieder erreicht worden seien. Aktuell hätten sich die Renditen in Frankreich (3,3 %), Italien (3,5 %) und Spanien (3,2 %) unterhalb ihrer jeweiligen Jahresdurchschnitte eingependelt. Für die kommenden Monate sei mit einer weiteren Stabilisierung zu rechnen. Die Wachstumsaussichten für den Euroraum hätten sich zwar aufgehellt, seien aber verhalten gebleiben. In Verbindung mit einem starken Euro sowie der niedrigeren Inflation eröffne dies der EZB Zinssenkungsspielraum, selbst wenn sie diesen erst einmal nicht nutzen werde. Darüber hinaus dürfte die anhaltende Unsicherheit um die Trumpsche Zoll- und Steuerpolitik weiterhin für Zuflüsse sorgen.

Das Vertrauen in der Eurozone scheine in dem Maße zugenommen zu haben, wie es in den USA abgenommen habe. Damit sei das Thema Staatsverschuldung im Euroraum zunächst in den Hintergrund gerückt. Dies spiegelten die Renditedifferenzen der Staatsanleihen von Frankreich, Italien und Spanien gegenüber Deutschland wider. Sie würden als eine Art Risikobewertung der Anleger gelten. Je größer die Zweifel über die Haushaltsdisziplin eines Landes seien, umso höher falle der Zinsaufschlag am Kapitalmarkt gegenüber den als besonders sicher geltenden Bundesanleihen aus.

Seit gut einem Jahr gäben diese Renditeaufschläge im Trend deutlich nach. Das sei besonders beeindruckend im Fall Spaniens, das inzwischen eine günstigere Risikobewertung am Kapitalmarkt genieße als Frankreich. Doch ebenso eindrucksvoll habe sich der Aufschlag von Italien gegenüber Deutschland eingeengt. Aktuell liege dieser bei knapp unter 100 Basispunkten - eine Halbierung seit 2024. Mit der Heraufstufung des Ratings durch S&P im April sowie dem dann folgenden positiven Ausblick von Moody’s scheine der Appetit auf italienische Papiere nochmals zugenommen zu haben. Die Ratingagentur Moody’s begründe ihre Einschätzung mit einer besser als erwarteten fiskalischen Entwicklung im vergangenen Jahr sowie einem stabilen politischen Umfeld. Gestützt werde das zudem durch solide Haushalts- und Unternehmensbilanzen sowie einen gesunden Bankensektor. Allerdings dürfte die Luft für weitere Spreadeinengungen vor dem Hintergrund der zweithöchsten Schuldenlast im Euroraum mit gut 135 % am BIP dünner werden.

Für Frankreich sei die Situation vor allem politisch belastender. Seit 2022 bewege sich der Renditeaufschlag über seinem langfristigen Mittelwert von 50 Basispunkten. Frankreichs Schuldenquote sei in diesem Zeitraum von 98 % am BIP auf zuletzt 113 % gestiegen, mit steigender Tendenz. Erschwerend komme hinzu, dass die Regierung nicht stabil sei und sich keine Mehrheit für Reformen im Parlament finde. Vorgezogene Wahlen nach dem Sommer seien mal wieder im Spiel. Deshalb nähmen die Ratingrisiken für Frankreich eher zu. Mit einer Renditedifferenz von derzeit 66 Basispunkten sei schon aufgrund der instabilen Mehrheitsverhältnisse im Parlament der Spielraum für weitere Spreadeinengungen ausgeschöpft.

Insgesamt würden fiskalische Herausforderungen auch im Euroraum bestehen bleiben - trotz der aktuell besseren Wahrnehmung an den Kapitalmärkten. Das Ringen, ob höhere Verteidigungsausgaben über Gemeinschaftsschulden oder über eine Änderung des Stabilitäts- und Wachstumspakts finanziert werden sollten, habe gerade erst begonnen. Für viele, die nach dem gemeinsamen Binnenmarkt auch eine Kapitalmarktunion anstreben würden, sei die Notwendigkeit, mehr für die europäische Sicherheit zu tun, eine willkommene Gelegenheit für eine gemeinsame Neuverschuldung. Das könnte womöglich mit ein Grund für die derzeit zu beobachtende Konvergenz am europäischen Rentenmarkt sein. (Ausgabe vom 06.06.2025) (09.06.2025/alc/a/a)