Erweiterte Funktionen

Staatsanleihen: Europäische Peripherie, USA und Großbritannien bieten Chancen


05.08.20 10:15
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - In der letzten Juliwoche wurden für die meisten Länder die ersten Prognosen für das Wirtschaftswachstum des zweiten Quartals veröffentlicht, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Aufgrund des Lockdowns sei es global zu einem massiven Einbruch der Wirtschaftsleistung gekommen, in vielen Ländern dem stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen. Vor diesem Hintergrund würden die Entwicklungen an den Finanzmärkten bei vielen Beobachtern Unverständnis hervorrufen. Immerhin lägen globale Aktien bereits wieder auf dem Niveau vom Jahresbeginn. Viele Erklärungen für diese Diskrepanz seien an dieser Stelle in den letzten Monaten angeführt worden, allen voran die Maßnahmen der Notenbanken und der Regierungen sowie die Hoffnung auf eine rasche Erholung der Wirtschaft, die aktuell durch so manchen Vorlaufindikator geschürt werde.

Ein weiterer Aspekt sei die zunehmende Verengung des Marktes auf wenige Titel aus den Bereichen Technologie, Internet und Kommunikation. Ohne die Performancebeiträge der großen Vier (Amazon, Apple, Microsoft und Google) wäre der S&P 500 seit Jahresbeginn nicht leicht im Plus, sondern mit rund 4 % im Minus. Der Börsenwert dieser Unternehmen liege bei knapp 6 Billionen US-Dollar und damit so hoch, wie jener der 350 "kleinsten" Unternehmen in diesem Index oder aller Aktienwerte in der Eurozone. Die Bezeichnung "der Markt" als Synonym für eine repräsentative Entwicklung sei daher kaum mehr zutreffend. Zusätzlich sei eine derartige Konzentration als Warnzeichen zu sehen, weil sie auf eine Überhitzung der Investorenstimmung und auf eine einseitige Positionierung der Anleger hindeute. Dies sei einer der Gründe, warum die Experten taktisch vorsichtig bleiben würden.

Die beim EU-Sondergipfel Mitte Juli 2020 von den Staats- und Regierungschefs beschlossenen Hilfspakete dürften (vorbehaltlich einer Ratifizierung) die Euro-Staatsanleihen-Spreads weiter schmelzen lassen. Wenngleich dort keine Fiskalunion nach dem Vorbild der USA beschlossen worden sei, so habe man zumindest den ersten Schritt in diese Richtung gesetzt. Dementsprechend würden die Experten innerhalb des europäischen Staatsanleihenmarkts nach wie vor Peripherieanleihen gegenüber europäischen Kernländern (v.a. Deutschland und Frankreich) bevorzugen. Zusätzlich würden sie positiv hinsichtlich Staatsanleihen der USA und Großbritannien bleiben.

In der Historie der Euro- und USD-Unternehmensanleihen-Märkte zähle der Juli meist zu den performancestärksten Monaten überhaupt. Dies treffe auch auf den Juli 2020 zu. Neben dem saisonalen Effekt hätten Unternehmensanleihen von einer allgemeinen wirtschaftlichen Erholung sowie geld- und fiskalpolitischen Stützungsmaßnahmen profitiert. Die vor wenigen Monaten noch hohen Ausfallsängste seien deutlich gesunken.

Die Experten würden Emerging-Markets-Anleihen trotz der kräftig gesunkenen Risikoprämien weiterhin als attraktiv beurteilen und seien vor allem hinsichtlich Schwellenländer-Hartwährungsanleihen positiv gestimmt. Als Orientierungspunkt für die Entwicklung der Emerging-Markets-Hartwährungs-Spreads würden für sie, unter anderem, die realen Renditen auf zweijährige US-Staatsanleihen zählen, die in den vergangenen Monaten drastisch gesunken seien. Ihrer Meinung nach führe für Anleihen-Hartwährungsinvestoren am Schwellenländer-Hartwährungsanleihemarkt derzeit kaum ein Weg vorbei.

Die internationalen Aktienmärkte würden sich angesichts der Nachrichtenlage weiterhin überraschend fest präsentieren. Trotz Rückschlägen bei der Normalisierung des Wirtschaftslebens würden umfangreiche Fiskalpakete und geldpolitische Maßnahmen die Investoren aktuell sämtliche Risikofaktoren ausblenden lassen. Unterstützung sei zuletzt aber auch seitens der Unternehmensgewinne (besser als erwartete Berichtssaison) gekommen. Die Experten würden kurzfristig zu viel Zuversicht eingepreist sehen und seien daher weiterhin vorsichtig positioniert.

Asien, die wichtigste Region der Emerging Markets, sei global gesehen bisher am besten durch die Krise gekommen. Die Kombination aus hartem Lockdown und konsequentem Contact Tracing hätten dazu geführt, dass man wohl dort am ehesten von einer V-förmigen Erholung sprechen könne. Schwellenländer-Aktien hätten sich in den vergangenen Wochen insgesamt recht gut entwickeln können, obwohl einige der globalen Covid-19-Hotspots (z. B. Brasilien oder Mexiko) in der Region lägen. In Asien komme es zu einem leichten Rückgang bei der Gewinnentwicklung. In Lateinamerika und Osteuropa seien dramatische Gewinneinbrüche zu verzeichnen.

In einem freundlichen Kapitalmarktumfeld habe sich auch bei den Rohstoffpreisen die Erholung fortgesetzt. Zuletzt habe neben den zyklischen Industriemetallen insbesondere der Edelmetallbereich stark profitieren können. Eine massive Ausweitung der Notenbankbilanzen, eine global steigende Staatsverschuldung und ein zuletzt deutlich schwächerer US-Dollar würden für Rekordzuflüsse bei börsengehandelten Produkten sorgen. (05.08.2020/alc/a/a)