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Sind Anleiheinvestoren bereit für eine industrielle Revolution in den USA?
14.11.24 13:23
Wellington Management
London (www.anleihencheck.de) - Eine der Schlüsselfragen, die die Märkte derzeit zu beantworten versuchen, lautet: Werden die Zentralbanken es schaffen, eine sanfte Landung der Weltwirtschaft zu erreichen, so die Experten von Wellington Management.
Auch wenn dies eine wichtige Überlegung sei - nach Meinung von Connor Fitzgerald, Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei Wellington Management, sollten Anleger besser nicht die umfangreichen strukturellen Veränderungen übersehen, die die Investmentlandschaft in diesem neuen wirtschaftlichen Umfeld umgestalten würden. Fitzgerald verweise beispielsweise auf den massiven Anstieg sämtlicher Arten von Unternehmensinvestitionen in den USA.
Im nachfolgenden Kommentar könne gelesen werden, welche Konsequenzen das für Anleiheinvestoren haben könnte: "Wenn dieser Trend anhält, könnte er meines Erachtens eine neue industrielle Revolution in den USA und darüber hinaus auslösen. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf Fixed-Income-Anlagen", so Connor Fitzgerald von Wellington Management mit Blick auf eine möglicherweise strukturelle Veränderung und ihre Bedeutung für die Portfoliopositionierung.
Nach Meinung der Experten seien die erheblich gestiegenen Investitionsausgaben kein vorübergehendes Phänomen. Sie würden durch langfristige Faktoren angetrieben, beispielsweise:
a. durch die rasanten Entwicklungen bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Diese führten zu einem exponentiellen Anstieg der Investitionsausgaben der Unternehmen, der weit über den Konsensschätzungen liege.
b. durch die Deglobalisierung, ausgelöst durch eskalierende geopolitische Rivalitäten, vor allem zwischen China und den USA, sowie durch die Sorge um die Fragilität globaler Lieferketten.
c. durch eine wachsende Energienachfrage, die durch die energieintensive künstliche Intelligenz und durch Produktionsverlagerungen verstärkt werde.
d. durch die Elektrifizierung des Stromnetzes in Verbindung mit dem anhaltenden Bestreben, in alternative Energiequellen zu investieren.
e. durch 'Revenge Spending' für Sachanlagen nach einer längeren Phase mit zu geringen Investitionen, in der die Märkte Asset-Light-Geschäftsmodelle mit Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung und geistiges Eigentum bevorzugt hätten.
Zusammengenommen sei der Umfang dieser zusätzlichen privaten Investitionsströme in Nichtwohngebäude so groß, dass sie den Kurs der US-Wirtschaft wesentlich verändern könnten. Typischerweise hätten Investitionen in Sachanlagen in der Regel viel größere positive Multiplikatoreffekte auf das Wirtschaftswachstum als die Asset-Light-Geschäftsmodelle, die bisher den Markt beherrscht hätten.
Es sei noch zu früh, um einschätzen zu können, ob diese neue industrielle Revolution Wirklichkeit werde. Denn die industrielle Renaissance in den USA habe schon viele Fehlstarts erlebt. Hinzu komme: Die Gefahr bestehe, dass die Weltwirtschaft durch verstärkte geopolitische Turbulenzen aus dem Gleichgewicht gebracht werde.
Dennoch würden die Experten mehrere Gründe sehen, warum die Daten im Vergleich zu Umfragen bisher positiv überrascht hätten. Dazu zählten unter anderem:
a. Die Art der Investitionen: Die angekündigten Beträge überstiegen bereits die Ausgaben während des letzten Investitionsschubs, als die Schiefergasproduktion hochgefahren worden sei. Allein aufgrund der zugesagten Beträge könne man davon ausgehen, dass die Wachstumsrate bei den privaten Bau- und Ausrüstungsausgaben für Nichtwohngebäude in den kommenden Jahren über der Inflationsrate liegen werde. Wichtig sei, dass einige der Mega-Caps in der Lage seien, ihre Investitionen ohne Fremdmittel zu finanzieren und so die öffentlichen Kreditmärkte zu umgehen, da diese immer weniger bereit seien, kapitalintensive Infrastrukturprojekte mit langen Amortisationszeiten zu finanzieren.
b. Produktivitätsgewinne durch KI-Investitionen: KI führe bereits zu Produktivitätsgewinnen, wobei die Unternehmen eine wesentlich schnellere Kapitalrendite (ROI) erwirtschafteten als bei früheren technologischen Durchbrüchen. Diese Beschleunigung der ROI verringere wiederum den Bedarf an externer Finanzierung.
c. Die Dringlichkeit und der Umfang der erforderlichen Investitionen: Nach einer langen Periode zu geringer Investitionen bestehe ein dringender Bedarf an Sachinvestitionen zur Modernisierung der alternden US-Infrastruktur.
d. Die Widerstandsfähigkeit der US-Verbraucher: Eine Verschlechterung der Lage der US-Verbraucher würde einen Großteil der zusätzlichen Wachstumsdynamik, die durch diese beginnende industrielle Revolution erzeugt worden sei, zunichtemachen. Da die Verbraucherausgaben für die Gesamtwirtschaft von entscheidender Bedeutung seien, würden die Experten dieses Risiko ganz genau beobachten. Doch trotz einiger Anzeichen für eine erhöhte Anfälligkeit scheinen die Verbraucher - selbst am unteren Ende des Einkommensspektrums - widerstandsfähiger zu sein, als die Märkte annehmen, so die Experten von Wellington Management.
Die Bilanzen der Verbraucher seien nach wie vor solide, auch wenn die übermäßig stark angehäuften Ersparnisse inzwischen weitgehend aufgebraucht seien. Auch wenn die künstliche Intelligenz letztendlich zu Arbeitsplatzverlusten führen könnte, sei die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zumindest für den Moment gewachsen. Zudem profitierten viele Verbraucher immer noch von den Wohlstandseffekten der höheren Immobilienpreise, während die Realeinkommen dank gesunkener Inflation weiter stiegen.
Unter dem Strich kämen die Experten deshalb zu dem Schluss: Die US-Wirtschaft sei strukturell in der Lage, ein höheres Wachstum als erwartet zu erzielen, und eine Rezession, selbst wenn sie eintreten sollte, würde wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein.
Wichtige Implikationen für die Geldpolitik Diese strukturelle Wachstumsdynamik falle mit einer nach wie vor außerordentlich lockeren Finanzpolitik und einer wachsenden Staatsverschuldung in weiten Teilen der entwickelten Welt zusammen. Und obwohl die Zentralbanken einen Lockerungszyklus zur Unterstützung des Wirtschaftswachstums eingeleitet hätten, liege die Inflation vielerorts weiterhin über ihrem Zielwert und werde wahrscheinlich wieder anziehen.
Die Experten würden daher damit rechnen, dass die Zinsstrukturkurve möglicherweise steiler werde und die Zinsen auf einem höheren Niveau bleiben würden, als die Märkte derzeit einpreisen würden. Zumal die Kombination aus hartnäckiger Inflation und dem Bedarf an zusätzlicher staatlicher Defizitfinanzierung den Spielraum für Zinssenkungen der Federal Reserve und anderer Zentralbanken in den Industrieländern einschränken dürfte. Die etwaige Anpassung an diese von unseren Makrostrategen als 'neues Wirtschaftszeitalter' bezeichnete Realität mit höherer, volatilerer Inflation und kürzeren sowie ausgeprägteren Konjunkturzyklen wird unweigerlich zu mehr Volatilität führen, so die Experten von Wellington Management.
Portfoliopositionierung für diese neue Realität Wie könnten sich Anleger hinsichtlich der erheblichen Risiken und auch Chancen positionieren, die dieses neue Umfeld mit sich brächte? Eine einheitliche Antwort gebe es zwar nicht - allerdings könnte ein Total-Return-Ansatz möglicherweise ein interessanter Weg sein. Dieser ermögliche dynamische Umschichtungen über ein breites Spektrum von Anlagechancen. Speziell in dieser unberechenbaren Zyklusphase ermögliche ein Total-Return-Ansatz Anlegern nach Meinung der Experten folgende Möglichkeiten:
1. Sie würden übermäßiges Kredit- oder Durationsrisiko vermeiden und dennoch attraktive Renditen erzielen, indem sie Positionen am kürzeren Ende der Kurve eingingen und sich von den Segmenten des Kreditmarktes fernhielten, in denen die Spreads nach Meinung der Experten zu eng geworden seien.
2. Sie würden eine 'Alles-oder-Nichts'-Entscheidung hinsichtlich der Frage vermeiden, ob man eine Fortsetzung der positiven Wachstumsüberraschungen erlebe oder in eine Rezession abgleite.
3. Sie hätten Flexibilität, von beiden Szenarien zu profitieren. Die Experten seien zwar optimistisch, dass sich das Wachstumsszenario durchsetzen werde. Zugleich würden sie aber denken, dass eine solche Positionierung Anlegern auch die Möglichkeit biete, von der damit verbundenen Volatilität zu profitieren, wenn andere Marktteilnehmer zu Verkäufen gezwungen sein könnten. Eine solche Flexibilität könnte sich als besonders vorteilhaft erweisen, sollte man wirklich in eine neue Ära der Industrialisierung mit den USA als deren Epizentrum eintreten. (14.11.2024/alc/a/a)
Auch wenn dies eine wichtige Überlegung sei - nach Meinung von Connor Fitzgerald, Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei Wellington Management, sollten Anleger besser nicht die umfangreichen strukturellen Veränderungen übersehen, die die Investmentlandschaft in diesem neuen wirtschaftlichen Umfeld umgestalten würden. Fitzgerald verweise beispielsweise auf den massiven Anstieg sämtlicher Arten von Unternehmensinvestitionen in den USA.
Im nachfolgenden Kommentar könne gelesen werden, welche Konsequenzen das für Anleiheinvestoren haben könnte: "Wenn dieser Trend anhält, könnte er meines Erachtens eine neue industrielle Revolution in den USA und darüber hinaus auslösen. Das hätte erhebliche Auswirkungen auf Fixed-Income-Anlagen", so Connor Fitzgerald von Wellington Management mit Blick auf eine möglicherweise strukturelle Veränderung und ihre Bedeutung für die Portfoliopositionierung.
Nach Meinung der Experten seien die erheblich gestiegenen Investitionsausgaben kein vorübergehendes Phänomen. Sie würden durch langfristige Faktoren angetrieben, beispielsweise:
a. durch die rasanten Entwicklungen bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Diese führten zu einem exponentiellen Anstieg der Investitionsausgaben der Unternehmen, der weit über den Konsensschätzungen liege.
b. durch die Deglobalisierung, ausgelöst durch eskalierende geopolitische Rivalitäten, vor allem zwischen China und den USA, sowie durch die Sorge um die Fragilität globaler Lieferketten.
c. durch eine wachsende Energienachfrage, die durch die energieintensive künstliche Intelligenz und durch Produktionsverlagerungen verstärkt werde.
d. durch die Elektrifizierung des Stromnetzes in Verbindung mit dem anhaltenden Bestreben, in alternative Energiequellen zu investieren.
e. durch 'Revenge Spending' für Sachanlagen nach einer längeren Phase mit zu geringen Investitionen, in der die Märkte Asset-Light-Geschäftsmodelle mit Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung und geistiges Eigentum bevorzugt hätten.
Zusammengenommen sei der Umfang dieser zusätzlichen privaten Investitionsströme in Nichtwohngebäude so groß, dass sie den Kurs der US-Wirtschaft wesentlich verändern könnten. Typischerweise hätten Investitionen in Sachanlagen in der Regel viel größere positive Multiplikatoreffekte auf das Wirtschaftswachstum als die Asset-Light-Geschäftsmodelle, die bisher den Markt beherrscht hätten.
Es sei noch zu früh, um einschätzen zu können, ob diese neue industrielle Revolution Wirklichkeit werde. Denn die industrielle Renaissance in den USA habe schon viele Fehlstarts erlebt. Hinzu komme: Die Gefahr bestehe, dass die Weltwirtschaft durch verstärkte geopolitische Turbulenzen aus dem Gleichgewicht gebracht werde.
a. Die Art der Investitionen: Die angekündigten Beträge überstiegen bereits die Ausgaben während des letzten Investitionsschubs, als die Schiefergasproduktion hochgefahren worden sei. Allein aufgrund der zugesagten Beträge könne man davon ausgehen, dass die Wachstumsrate bei den privaten Bau- und Ausrüstungsausgaben für Nichtwohngebäude in den kommenden Jahren über der Inflationsrate liegen werde. Wichtig sei, dass einige der Mega-Caps in der Lage seien, ihre Investitionen ohne Fremdmittel zu finanzieren und so die öffentlichen Kreditmärkte zu umgehen, da diese immer weniger bereit seien, kapitalintensive Infrastrukturprojekte mit langen Amortisationszeiten zu finanzieren.
b. Produktivitätsgewinne durch KI-Investitionen: KI führe bereits zu Produktivitätsgewinnen, wobei die Unternehmen eine wesentlich schnellere Kapitalrendite (ROI) erwirtschafteten als bei früheren technologischen Durchbrüchen. Diese Beschleunigung der ROI verringere wiederum den Bedarf an externer Finanzierung.
c. Die Dringlichkeit und der Umfang der erforderlichen Investitionen: Nach einer langen Periode zu geringer Investitionen bestehe ein dringender Bedarf an Sachinvestitionen zur Modernisierung der alternden US-Infrastruktur.
d. Die Widerstandsfähigkeit der US-Verbraucher: Eine Verschlechterung der Lage der US-Verbraucher würde einen Großteil der zusätzlichen Wachstumsdynamik, die durch diese beginnende industrielle Revolution erzeugt worden sei, zunichtemachen. Da die Verbraucherausgaben für die Gesamtwirtschaft von entscheidender Bedeutung seien, würden die Experten dieses Risiko ganz genau beobachten. Doch trotz einiger Anzeichen für eine erhöhte Anfälligkeit scheinen die Verbraucher - selbst am unteren Ende des Einkommensspektrums - widerstandsfähiger zu sein, als die Märkte annehmen, so die Experten von Wellington Management.
Die Bilanzen der Verbraucher seien nach wie vor solide, auch wenn die übermäßig stark angehäuften Ersparnisse inzwischen weitgehend aufgebraucht seien. Auch wenn die künstliche Intelligenz letztendlich zu Arbeitsplatzverlusten führen könnte, sei die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zumindest für den Moment gewachsen. Zudem profitierten viele Verbraucher immer noch von den Wohlstandseffekten der höheren Immobilienpreise, während die Realeinkommen dank gesunkener Inflation weiter stiegen.
Unter dem Strich kämen die Experten deshalb zu dem Schluss: Die US-Wirtschaft sei strukturell in der Lage, ein höheres Wachstum als erwartet zu erzielen, und eine Rezession, selbst wenn sie eintreten sollte, würde wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein.
Wichtige Implikationen für die Geldpolitik Diese strukturelle Wachstumsdynamik falle mit einer nach wie vor außerordentlich lockeren Finanzpolitik und einer wachsenden Staatsverschuldung in weiten Teilen der entwickelten Welt zusammen. Und obwohl die Zentralbanken einen Lockerungszyklus zur Unterstützung des Wirtschaftswachstums eingeleitet hätten, liege die Inflation vielerorts weiterhin über ihrem Zielwert und werde wahrscheinlich wieder anziehen.
Die Experten würden daher damit rechnen, dass die Zinsstrukturkurve möglicherweise steiler werde und die Zinsen auf einem höheren Niveau bleiben würden, als die Märkte derzeit einpreisen würden. Zumal die Kombination aus hartnäckiger Inflation und dem Bedarf an zusätzlicher staatlicher Defizitfinanzierung den Spielraum für Zinssenkungen der Federal Reserve und anderer Zentralbanken in den Industrieländern einschränken dürfte. Die etwaige Anpassung an diese von unseren Makrostrategen als 'neues Wirtschaftszeitalter' bezeichnete Realität mit höherer, volatilerer Inflation und kürzeren sowie ausgeprägteren Konjunkturzyklen wird unweigerlich zu mehr Volatilität führen, so die Experten von Wellington Management.
Portfoliopositionierung für diese neue Realität Wie könnten sich Anleger hinsichtlich der erheblichen Risiken und auch Chancen positionieren, die dieses neue Umfeld mit sich brächte? Eine einheitliche Antwort gebe es zwar nicht - allerdings könnte ein Total-Return-Ansatz möglicherweise ein interessanter Weg sein. Dieser ermögliche dynamische Umschichtungen über ein breites Spektrum von Anlagechancen. Speziell in dieser unberechenbaren Zyklusphase ermögliche ein Total-Return-Ansatz Anlegern nach Meinung der Experten folgende Möglichkeiten:
1. Sie würden übermäßiges Kredit- oder Durationsrisiko vermeiden und dennoch attraktive Renditen erzielen, indem sie Positionen am kürzeren Ende der Kurve eingingen und sich von den Segmenten des Kreditmarktes fernhielten, in denen die Spreads nach Meinung der Experten zu eng geworden seien.
2. Sie würden eine 'Alles-oder-Nichts'-Entscheidung hinsichtlich der Frage vermeiden, ob man eine Fortsetzung der positiven Wachstumsüberraschungen erlebe oder in eine Rezession abgleite.
3. Sie hätten Flexibilität, von beiden Szenarien zu profitieren. Die Experten seien zwar optimistisch, dass sich das Wachstumsszenario durchsetzen werde. Zugleich würden sie aber denken, dass eine solche Positionierung Anlegern auch die Möglichkeit biete, von der damit verbundenen Volatilität zu profitieren, wenn andere Marktteilnehmer zu Verkäufen gezwungen sein könnten. Eine solche Flexibilität könnte sich als besonders vorteilhaft erweisen, sollte man wirklich in eine neue Ära der Industrialisierung mit den USA als deren Epizentrum eintreten. (14.11.2024/alc/a/a)


