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Sichere Häfen in unsicheren Zeiten


24.01.20 08:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Risikoreiche(re) Anlagen geraten bei allen Arten von Krisen, sei es (geo-)politisch, humanitär oder finanziell, regelmäßig unter Druck, so Christian Eggers, Senior FX Trader bei der Hamburg Commercial Bank.

Investoren würden dann in vermeintlich sichere Häfen flüchten, um größeren Verlusten zu entgehen. An erster Stelle falle einem da gemeinhin Gold ein, gefolgt von Staatsanleihen und einigen wenigen Reservewährungen wie US-Dollar, Japanischer Yen und Schweizer Franken.

Doch ganz so einfach stelle sich die Betrachtung am Ende nicht dar, denn das Halten solcher Save-Haven Assets sei meist auch mit Opportunitätskosten verbunden. Gerade die negative Verzinsung eines immer größeren Volumens an Staatsanleihen führe dies seit geraumer Zeit schmerzhaft vor Augen. Dass Gold seit je her keine Verzinsung biete, falle da mittlerweile schon gar nicht mehr so recht ins Gewicht. Aber die Entwicklung des Goldpreises sei auch immer eng mit dem Dollar verknüpft und dies mitunter diametral.

Bei den Währungen erfülle der Dollar als Leitwährung natürlich eine der wichtigsten Anforderung großer Investoren, dem der Liquidität. Aber nicht zuletzt die Wirtschaftspolitik unter US-Präsident Donald Trump ziele eher auf eine Schwächung des Außenwertes vom Greenback ab. Die FED solle doch bitte schön der EZB und anderen in deren Nullzinspolitik folgen, habe Trump gefordert. Steuersätze seien ja bereits radikal gesenkt und damit Haushaltsdefizite in die Höhe getrieben worden. Außerdem habe der Handelskonflikt mit China eher eine Anfälligkeit des Dollar zum Vorschein kommen lassen. Jedesmal, wenn es zu einer Verschärfung des Handelskriegs gekommen sei, habe der Dollar zusammen mit dem Renminbi gelitten. Umgekehrt zeige sich der Dollar per Saldo mit der Unterzeichnung des ersten Abkommens gestärkt. Doch die Verhandlungen in der anstehenden Phase II versprächen alles andere als einfach zu werden.

Der Yen habe sich im Anschluss an das Platzen der japanischen Immobilien-Blase im Jahr 1989 den Nimbus als Save-Haven-Currency Nummer Eins erst in den 2000ern erworben. Jahrzehnte lang sei versucht worden, die Deflation mit der Nullzinspolitik durch die Bank of Japan (BoJ) zu bekämpfen. Daraus habe sich der so genannte Carry-Trade entwickelt, bei dem der extrem niedrigverzinsliche Yen zunächst verkauft worden sei, um in ehemals deutlich höher verzinsliche Währungen anzulegen. Dies habe umso mehr in Zeiten großen Risiko-Appetits gegolten. Sobald die Ampel jedoch auf Risk-Off umspringe, schnelle die Nachfrage nach Yen in Höhe, um diese Positionen wieder zu abzubauen, wenn nicht zu schließen. Mit anderen Worten: Angst habe regelmäßig zu einer Aufwertung des Yen geführt.

Dieser Zusammenhang scheine sich in den letzten Jahren immer weiter abgeschwächt zu haben. Denn im Anschluss an die große Finanzkrise aus dem Jahr 2008/2009 seien die Renditen weltweit gefallen und lägen in einigen Ländern wie Deutschland oder der Schweiz sogar niedriger als in Japan, weswegen häufig von einer Japanisierung der Welt gesprochen werde. Wichtige Zentralbanken wie die EZB seien dem Beispiel der BoJ gefolgt. Zinsdifferenzen seien daher zusammengeschmolzen, womit der Antrieb zu Carry-Trades, sprich dem Verkauf von Yen und späteren Rückkauf in unsicheren Zeiten, immer geringer ausfalle. Inzwischen sei die Einheitswährung als Finanzierungswährung in Konkurrenz zum Yen getreten.

Neben den Zinsen hätten sich auch Inflationsraten immer weiter angeglichen, womit auch ein Verfall der Marktvolatilitäten einhergegangen sei. So sei die Handelsspanne in USD/JPY in den letzten drei Jahren hintereinander auf unter jeweils 10% gefallen.

Auch beim Aufflammen des US-Iran Konflikts habe der geringe Ausschlag von USD/JPY (nach unten) ins Auge gestochen. Möglicherweise hätten japanische Investoren hier aus Anlagedruck eher beherzt zugegriffen. Auch der Japanische Pensionsfond (GPIF) habe ja schon länger angekündigt, in dieser Richtung ohne Erhöhung des Hedge-Ratios tätig zu werden.

Der Nimbus des Yen als Save-Haven-Currency scheine also von einigen Seiten her aufzuweichen. Der Rückfall in eine tiefe globale Rezession könnte dies sicherlich schnell wieder aufleben lassen, dennoch sei dies nicht in Stein gemeißelt.

Nämlich dann nicht, wenn in der Verzweiflung die Fiskalpolitik massiv eingreifen müsse, da die BoJ ja schon lange ihre ultra-leichte Geldpolitik betreibe und mit ihrem Latein am Ende sei, sodass das Vertrauen in die eigene Wirtschaft schneller verloren gehen könnte als erwartet. Die alten Reaktionsmuster, Auslandsanlagen wieder aufzulösen, könnte dann durchbrochen oder gar ins Gegenteil verkehrt werden. Ein Beispiel dafür würden die 1930er liefern, als man innerhalb kurzer Zeit 360 statt 4 Yen für einen Dollar zu berappen gehabt habe.

Im Schweizer Franken stelle sich die Situation wiederum anders dar. Grundsätzlich fuße das Vertrauen hier ja insbesondere auf der Neutralität der Schweiz und der Stärke der heimischen Wirtschaft mit ihren weltweit gefragten Luxus- sowie Pharma- und Lebensmittelprodukten. Hier sei es die Schweizer Nationalbank (SNB), die sich einem allzu starken Franken in Risk-Off-Zeiten seit Jahren entgegenzustellen versuche. Auf der anderen Seite werde CHF in Risk-On-Zeiten aber gar nicht mehr wirklich verkauft, denn ansonsten hätte dieser mit dem ersten US-China Deal und der jüngst aufkeimenden Hoffnung auf ein besseres Weltwirtschaftswachstum in 2020 deutlich schwächer handeln müssen.

Seitdem das US-Finanzministerium die Schweiz jedoch in ihrem letzten halbjährlichen Report in die Beobachtungsliste als Währungsmanipulator aufgenommen habe, während China davon gestrichen worden sei, stelle sich der Markt die Frage, inwieweit die SNB ihre Interventionspolitik am Devisenmarkt noch durchziehen könne. Mit dem ohnehin aufgeblähten Bilanzvolumen dürfte es der SNB daher erheblich schwerer fallen, dieses zentrale Instrument aus ihrem Werkzeugkasten uneingeschränkt anzuwenden, ohne weitere politischen Anschuldigungen zu riskieren. Der Devisenmarkt versuche nunmehr herauszufinden, wo denn die neue Schwerzgrenze der SNB wohl liege, welche man vorher im Bereich von 1,0800/50 CHF/EUR gewähnt habe. Der Franken sei gegenüber dem Euro also schon auf dem stärksten Niveau seit drei Jahren.

Insgesamt gelte, dass lange geübte Heuristiken nur schwer zu durchbrechen seien, es aber nicht unmöglich sei. Erste Brüche würden sich gerade im Yen zeigen. (Ausgabe vom 23.01.2020) (24.01.2020/alc/a/a)