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Russland: Das würde eine Zahlungsunfähigkeit bedeuten


18.03.22 13:45
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - Am Mittwoch warteten Investoren in Europa und den USA vergeblich auf die vertraglich vereinbarte Auszahlung in Höhe von 117 Millionen US-Dollar auf zwei russische Dollaranleihen, so die Experten von LYNX Broker.

Bereits im Vorfeld habe Russland angekündigt, dass es die Zahlung in Rubel vornehmen könnte, sollten dem Land keine ausreichenden Mittel in Dollar zur Verfügung stehen. Damit beginne nun ein 30-tägiger Countdown, innerhalb dessen Russland seinen Verpflichtungen nachkommen könne, bevor die Gläubiger einen Zahlungsausfall feststellen lassen könnten. Daran würde auch eine Auszahlung in Rubel nichts ändern, denn die Regeln für beide Staatsanleihen würden eigentlich keine andere als die Ausgabewährung, also den Dollar, erlauben.

"Der Umgang Russlands mit den jetzt anstehenden Zinszahlungen ist ein wichtiger Indikator dafür, wie das Land künftig mit internationalen Investoren umgehen will. Hinzu kommt, dass der Fall zeigt, dass eine Zahlungsunfähigkeit des Landes immer wahrscheinlicher wird", erkläre Sascha Sadowski, Marktexperte vom Online-Broker LYNX. "Dabei hätte Russland eigentlich ausreichend Mittel, um seine Schulden auch in Dollar zu bedienen - doch es kann aufgrund der international verhängten Sanktionen nicht auf seine Reserven zugreifen."

Panik scheine unter Anlegern angesichts dieses Risikos noch nicht ausgebrochen zu sein, da bislang nicht von erheblichen Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte ausgegangen werde. "Mit 120 Milliarden US-Dollar ist das Auslandsengagement im russischen Bankensektor zwar nicht gering, aber noch lange nicht systemrelevant", erkläre Sadowski die Lage. Trotzdem hätte der Zahlungsausfall symbolischen Charakter und wecke Erinnerungen an vergangene Turbulenzen. Bereits im Sommer 1998 habe Russland den Rubel abgewertet, sei in Zahlungsverzug seiner inländischen Schulden geraten und habe ein Moratorium für Zahlungen an ausländische Gläubiger erklärt. Die daraus resultierende Krise habe die Finanzmärkte erschüttert und letztendlich zum Zusammenbruch und der anschließenden Rettung des Hedgefonds Long Term Capital Management geführt.

"Das größte Risiko, das sich für Russland aus einem Zahlungsausfall ergeben würde, ist es, Kredite nur zu wesentlich schlechteren Konditionen aufnehmen zu können oder von den globalen Kapitalmärkten abgeschnitten zu werden. Dafür sorgen die internationalen Sanktionen aber ohnehin", fasse Sadowski zusammen.

"Ausländische Investoren haben die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls ebenfalls bereits weitgehend eingepreist. In Dollar notierte russische Staatsanleihen werden aktuell zu etwa 20 Cent je Dollar gehandelt, selbst wenn die Fälligkeit noch weit in der Zukunft liegt. Hinzu kommt, dass viele Gläubiger ihre Bestände bereits deutlich reduziert oder abgeschrieben haben. Selbst wenn die Regierung die Zahlungen an ausländische Investoren für alle ihre Bestände an in- und ausländischen Staatsschulden einstellt, beläuft sich die Gesamtsumme auf nur rund 70 Milliarden Dollar. Das ist etwa der Betrag, mit dem Argentinien im Jahr 2020 in Verzug geraten ist, ohne dass es zu Erschütterungen auf den Weltmärkten kam. Man kann also davon ausgehen, dass die erhöhte Volatilität der Aktienmärkte im Zuge der russischen Invasion der Ukraine nicht durch einen drohenden Zahlungsausfall ausgelöst wurde."

Doch selbst wenn es auf den ersten Blick keine gravierenden Folgen hätte, wenn Russland seinen Zahlungsverpflichtungen an ausländische Investoren nicht mehr nachkommen könnte, sollte man zwei Faktoren nicht vergessen, warne Sadowski: "Auch wenn die Gesamtzahlen nicht allzu bedrohlich aussehen, könnte sich unter den Schuldnern eine systemrelevante Institution befinden, die stark in russische Staatsanleihen investiert ist und durch ausbleibende Zahlungen in Schieflage gerät. Das könnte dann durchaus eine Erschütterung der Finanzmärkte auslösen. Hinzu kommt, dass auch russische Unternehmen von den Sanktionen betroffen sind. Ein Staatsbankrott könnte also das Vorspiel für weitere Zahlungsausfälle russischer Unternehmen sein - und deren Auslandsschulden liegen weit höher als die der Regierung. Bisher scheinen russische Unternehmen ihre Schulden auch nach der Verschärfung der Sanktionen weiter bedient zu haben. Doch der unterbrochene Handel, potenziell noch schärfere Sanktionen und die drohende Rezession der russischen Wirtschaft lassen die Gefahr für weitere Zahlungsausfälle auch bei Unternehmen steigen." (18.03.2022/alc/a/a)