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Russland-Ukraine-Krieg schickt Finanzmärkte auf Achterbahnfahrt


10.03.22 15:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Finanzmärkte zeigen in diesen Tagen eine nur selten zu beobachtende Volatilität, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

So sei beispielsweise der DAX am 09.03. um fast 8% gestiegen, während der Ölpreis um mehr als 10% gefallen sei und das Industriemetall Nickel sich im Preis innerhalb eines Tages verdoppelt habe. Innerhalb von sieben Handelstagen hätten sich die Bundrenditen im Zehnjahressegment in einer Schwankungsbreite von -0,07% bis +0,19% auf Tagesschlussbasis bewegt. Die Ursache für diese sekündlich wechselnden Bewertungen sei der Russland-Ukraine-Krieg, bei dem sich Hoffnungen und Ängste auf der Basis einer extrem unzuverlässigen Nachrichtenlage abwechseln würden.

Beispielsweise hätten gestern (09.03.) einige Beobachter Hoffnung auf die heute bereits stattgefundenen Gespräche zwischen Russland und der Ukraine in der Türkei gesetzt. Die Gespräche hätten auf der Ebene der Außenminister stattgefunden, Sergej Lawrow habe seinen Amtskollegen Dmytro Kuleba in Antalya getroffen. Die vage Hoffnung auf einen Waffenstillstand habe sich aber bereits wieder zerschlagen, nachdem Kuleba keine Fortschritte habe erkennen können. Immerhin sollten die Gespräche fortgesetzt werden.

In diesem Zusammenhang sei ein großes Thema, wie der Westen die Energieabhängigkeit von Russland reduziere. Die USA, die bislang rund 8% ihres Erdöls - hauptsächlich Erdölprodukte wie zum Beispiel Diesel - aus Russland importiert hätten, hätten angekündigt, ab sofort keine Energierohstoffe mehr aus Russland einzuführen. Die EU strebe dies grundsätzlich auch an, möchte aber langsamer vorgehen. Heute (10.03.) würden sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Versaille treffen, um unter anderem diese Problematik zu erörtern.

Am Dienstag habe die EU-Kommission Pläne vorgestellt, wie man dieses schwierige Unterfangen angehen möchte. Die EU strebe an, schon bis zum Ende des Jahres die Erdgaslieferungen aus Russland um zwei Drittel zu reduzieren. Wenn ein Erdgasstopp durch Russland allerdings erlassen werde, werde die Reduktion noch höher ausfallen. Wirtschaftsminister Robert Habeck warne in diesem Zusammenhang vor starken negativen Folgen für die Konjunktur.

Wichtig sei außerdem noch die heutige Sitzung der Europäischen Zentralbank. Die Frage sei, wie die EZB mit den Auswirkungen des Krieges umgehe. Die Unsicherheit sei gestiegen, was eigentlich dafür spreche, dass man bei geplanten Zinserhöhungen zurückhaltender sein dürfte. Gleichzeitig sei die Inflation durch den sprunghaften Anstieg der Energiepreise sowie der Preise für Agrarrohstoffe und Industriemetalle im Begriff weiter zu steigen.

Die EZB werde neue Prognosen vorstellen, und dabei dürfte man - das sei bereits von Lagarde angedeutet worden - eine wesentlich höhere Inflation ausweisen als bisher. Gemäß der letzten EZB-Prognose habe man eine Durchschnittsinflation von 3,2% für das laufende Jahr prognostiziert und diese solle dann 2023 auf 1,8% zurückgehen. Diese Prognose vom Dezember 2021 sei bereits vor dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Kriegs überholt worden. Nach Erachten der Analysten könnte die Durchschnittsinflation in diesem Jahr ohne weiteres 5% überschreiten und im kommenden Jahr nicht unter 3% fallen.

Die neue Projektion der EZB werde vermutlich nicht so hoch ausfallen und spätestens für 2024 eine Inflation von unter 2% vorhersagen. Denn ansonsten müsste man schon jetzt handeln.

Aber klar sei auch, dass die Inflation relativ lange das Inflationsziel von 2% überschreiten werde und die EZB aus Glaubwürdigkeitsgründen nicht mehr lange mit einer Leitzinsanhebung warten könne. Wenn sie jetzt signalisiere, dass die Anleiheankäufe Ende des Jahres auslaufen würden und dann im gleichen Zug der Leitzins - etwa im Dezember 2022 - erstmals erhöht werde, sei das letztlich kein allzu gewagter Schritt. Denn wenn es durch einen weiteren Anstieg der Energiepreise doch noch zu einer weltweiten Rezession kommen sollte - ein mögliches Szenario -, wodurch die Preise wieder auf Talfahrt geschickt würden, werde niemand der EZB für die Rezession die Schuld geben und die Notenbank könne dann ohne Gesichtsverlust von dem Vorhaben abrücken, den Leitzins anzuheben.

Abgesehen davon dürfte die EZB heute deutlich machen, dass sie auf etwaige Liquiditätsprobleme in jedem Fall flexibel reagieren werde. Da sehe sie sich in der Rolle des Krisenmanagers und das habe nicht viel mit der längerfristig angelegten Geldpolitik zu tun. Ein Thema werde vermutlich auch sein, ob die EZB zu Interventionen am Devisenmarkt bereit sei.

Am Mittwoch nächster Woche (16.03.) werde die US-Notenbank aller Voraussicht nach dem Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben, zumal die heutigen Inflationsdaten um 14:30 Uhr einen weiteren Anstieg der Teuerungsrate auf über 8% im Januar zeigen dürften. Weiter sei datenseitig in erster Linie auf chinesische Konjunkturdaten zu achten (Einzelhandel und Industrieproduktion im Januar, beides am 15.03.). (10.03.2022/alc/a/a)