Rückkehr der Inflation?


14.11.16 09:45
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Jahrelang haben verschiedene Auguren vor einer steigenden Inflation gewarnt, berichten die Analysten der HSH Nordbank AG.

Der Sachverhalt schien klar: Die Erhöhung der Geldmenge durch die Zentralbanken um das Vielfache müsste über kurz oder lang zu einem Anstieg der Preise führen, so die Analysten der HSH Nordbank AG. Das Gegenteil sei geschehen: Die Teuerungsrate sei in vielen Ländern zurückgegangen und es habe sich sogar Angst vor Deflation breit gemacht.

Der scheinbare Widerspruch sei einfach gelöst: Während die Zentralbankgeldmenge in der Tat gestiegen sei und an den Vermögensmärkten erhebliche Preissteigerungen ausgelöst habe, sei das für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage relevante M3 Geldmengenwachstum sehr niedrig geblieben. In der Folge seien die Produktionskapazitäten in den meisten Volkswirtschaften unterausgelastet geblieben. In diesem Umfeld habe kaum ein Unternehmen gewagt, die Preise anzuheben, aus Furcht Marktanteile zu verlieren. Entsprechend sei die Inflation jahrelang auf einem niedrigen Niveau geblieben.

Schon vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hätten sich die Meldungen gemehrt, die Inflation sei wieder auf dem Vormarsch. In den ersten Tagen nach dem Wahlsieg scheinen die Marktteilnehmer darauf zu setzen, dass eine Regierung Trump ähnlich wie die Reagan-Administration über massive Steuererleichterungen und Infrastrukturprogramme die US-Konjunktur wieder ankurbelt und auf diese Weise für Inflationsdruck sorgt, so die Analysten der HSH Nordbank AG. Die Renditen seien in der Folge in die Höhe geschossen.

In Großbritannien sei die Inflation angestiegen und bei den Inflationserwartungen sei ein Sprung nach oben festzustellen. In der Eurozone liege die Inflation mit 0,5% yoy auf dem höchsten Stand seit Mitte 2014. Schaue man sich die Weltinflation an (G-20), so sei auch dort in den vergangenen Monaten ein Anstieg zu verzeichnen. Das Gleiche gelte für die aus den inflationsindexierten Staatsanleihen abgeleiteten Inflationserwartungen.

Wie wahrscheinlich sei es, dass die Zeit der ultraniedrigen Inflation endlich vorbei sei und sich die Teuerungsraten in absehbarer Zeit wieder normalisieren würden? Als globaler inflationstreibender Faktor werde derzeit der Ölpreis angesehen. Anfang des Jahres habe dieser noch etwa 40% unter dem Vorjahresniveau gelegen. Bleibe der Ölpreis auf dem jetzigen Niveau, würde er bereits im Januar 2017 um 60% höher liegen als im Vorjahr. Danach werde dieser Effekt jedoch auslaufen, sodass schon per Mitte 2017 die Rohölpreise praktisch keine Vorjahresveränderung mehr zeigen würden. In ihrer Ölpreisprognose gehen die Analysten der HSH Nordbank AG von einer Seitwärtsbewegung über die nächsten Quartale aus.

Andere Rohstoffpreise wie Kohle, Eisenerz und Stahl befänden sich ebenfalls auf höheren Niveaus. Ihre Durchschlagskraft auf das allgemeine Inflationsniveau sei weniger stark, weil Strommärkte (kohleabhängig) stärker reguliert seien und die Produzenten die höheren Eisenerz- und Stahlpreise häufig nur mit einer Verzögerung an die Endabnehmer weitergeben würden.

Auf Länderebene dürfte Großbritannien zumindest kurzfristig den stärksten Inflationsschub erfahren. Hier spiele neben den globalen Effekten die massive Abwertung des Britischen Pfunds gegenüber dem US-Dollar und dem Euro seit dem Abhalten des Brexit-Referendums eine wichtige Rolle. Die Inflation sei seit Mai 2016 durchgehend gestiegen und befinde sich jetzt bei 1,0%. Die Konsenserwartungen für Ende 2017 lägen laut Bloomberg bei 2,3%. Dazu komme noch eine langfristige Komponente: Sollte es zu einem harten Brexit kommen, der mit einem sehr eingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt einherginge, würden sich die Importe Großbritanniens durch Einfuhrbeschränkungen zusätzlich verteuern. Allerdings: Gerade das Szenario eines harten Brexit berge die Gefahr einer Rezession, was einen Teil des Preisauftriebs wieder kompensieren könnte. Im Ergebnis könnte es zu einer Stagflation (Kombination von Rezession und Inflation) wie in den 1970er Jahren kommen.

Die meiste Aufmerksamkeit würden die USA auf sich ziehen. Das Inflationsbild werde wesentlich für die Entscheidung sein, wie rasch die US-Notenbank bei ihrem bisher extrem vorsichtigen Straffungskurs vorgehen werde. Um es vorwegzunehmen: Von einem Schrillen der Alarmglocken könne keine Rede sein. Zwar liege die CPI-Kerninflationsrate bei 2,2% und damit über dem Inflationsziel von 2%. Aber erstens befinde sich die Inflationsrate schon seit Beginn des Jahres um diesen Wert herum und zweitens orientiere sich die FED vorzugsweise an der PCE-Kernrate, die mit 1,7% unter dem Zielwert liege.

Bei den Großhandelspreisen sei erst in den vergangenen paar Monaten eine Aufwärtsbewegung festzustellen. Auch die meisten Arbeitsmarktindikatoren würden noch nicht beunruhigend wirken. Die Arbeitslosenrate bei nur 4,9% und damit ganz nah an der von den meisten NAIRU-Schätzungen (NAIRU - Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment, Schätzung der FED St. Louis: 4,8%). Jedoch sei an der Lohnfront kein echter Druck zu verspüren. So seien die durchschnittlichen Stundenlöhne zuletzt mit 2,4% gestiegen. Mit dieser schwachen Dynamik würden die Stundenlöhne bereits seit dem Beginn des Jahres steigen. Auch die Wochenarbeitszeit, die üblicherweise in Zeiten angespannter Arbeitsmärkte ansteige, sei mit 33,6 Stunden wieder am unteren Ende der seit 2012 zu beobachtenden Schwankungsbreite von 33,6 bis 33,8 Stunden angelangt.

Das sei der Blick in die Vergangenheit. An den Märkten werde jetzt aber darüber spekuliert, dass die Regierung Trump über ein großes Konjunkturprogramm die Inflation nachhaltig steigen lassen könnte. Dies sei zum jetzigen Zeitpunkt noch eine reine Mutmaßung, die im Übrigen im Widerspruch mit der Beobachtung stehe, dass sich namhafte Republikaner wie der Sprecher des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, in der Vergangenheit mit Händen und Füßen gegen höhere Budgetdefizite gewehrt hätten. Darüber hinaus stelle sich die Frage, ob und in welchem Ausmaß Präsident Trump seine Pläne bezüglich einer protektionistische Außenhandelspolitik umsetzen werde, die den US-Dollar schwächen und die Importe aufgrund neuer Handelsbeschränkungen teurer machen würde. Diese Punkte müsse man im Blick haben. Die Analysten der HSH Nordbank AG halten es aber für zu früh, dies zur Grundlage ihrer Prognosen zu machen.

In der Eurozone sei Inflationsdruck auch weiterhin nicht spürbar. Die HVPI-Inflation habe zwar in der Währungsunion den höchsten Wert seit Mitte 2014 erreicht. Die Kernrate verharre jedoch seit Ende 2013 in einer relativ engen Bandbreite zwischen 0,6% und 1%, sodass die Gesamtteuerungsrate offensichtlich ölpreisbedingt sei. Auch vom Arbeitsmarkt her sei kein Druck zu verspüren, da die Arbeitslosenrate in der Eurozone mit 10,0% weiterhin sehr hoch sei. Verschiedene Schätzungen würden zwar davon ausgehen, dass die NAIRU zwischen 9% und 10% liege. Andere Auslastungsindikatoren wie beispielsweise die Outputlücke (Differenz zwischen dem potenziell erreichbaren BIP und dem tatsächlichen BIP) würden jedoch eine Unterauslastung anzeigen, die den Preissetzungsspielraum in der Eurozone weiterhin sehr stark einenge. Man erwarte daher keine nachhaltige Inflationsbeschleunigung.

Während der Ölpreis temporär einen positiven Effekt auf die globale Inflation habe, in Großbritannien ein zusätzliche Inflationsschub aufgrund der Wechselkursabwertung und in den USA ein sehr moderater Anstieg der Teuerungsrate zu erwarten sei, dürfte sich in der Eurozone kein nachhaltiger Inflationsanstieg durchsetzen. Für die EZB sollte von dieser Seite im Jahr 2017 kein Handlungsdruck entstehen. (Ausgabe vom 11.11.2016) (14.11.2016/alc/a/a)