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Rohstoffpreise sorgen für höhere Renditen


21.10.21 10:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Staatsanleiherenditen sind in den vergangenen Tagen weiter gestiegen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank im aktuellen Wochenbarometer.

Zehnjährige Bunds hätten zeitweise bei -0,10% rentiert, die korrespondierenden T-Notes bei 1,67%. Zuletzt sei wieder ein leichter Rückgang der Renditen zu verzeichnen gewesen. Die Renditen schienen auf die steigenden Rohstoffpreise zu reagieren, deren Anstieg den Ängsten vor einem weiteren Inflationsanstieg Nahrung gebe. Kupfer habe beispielsweise ein neues Allzeithoch erreicht. Bloomberg zufolge hätten Rohstoffhändler die zur Londoner Börse zugehörigen Lagerbestände fast vollständig leer gekauft, so dass statt der 240.000 Tonnen Kupfer, die Ende August dort gelagert gewesen seien, nur noch 14.000 Tonnen dort registriert seien. Dass hier Händler versuchen würden, den Markt zu manipulieren, liege nahe. Aber es gebe auch fundamentale Gründe, die die Rally stützen würden. Denn Kupfer sei einer der Rohstoffe, die von der Klimaschutzpolitik profitieren dürften, da neue Stromleitungen benötigt würden, um den Strom aus erneuerbaren Energien abzutransportieren.

Beim Rohstoff-Magnesium mache man sich nicht so sehr Sorgen um den Preis - dieser habe sich seit dem Frühjahr auch schon fast vervierfacht - sondern um die Frage der Verfügbarkeit. Denn China, aus dem 80 bis 85% des Magnesiums normalerweise kämen, exportiere den Rohstoff seit einigen Wochen kaum noch. Ein offizielles Exportverbot gebe es wohl nicht. Aber man habe die Produktion von Magnesium massiv zurückgefahren, weil sie sehr energieintensiv sei. Die Wirtschaftsvereinigung Metalle warne davor, dass die Vorräte in
Deutschland und anderen Ländern der EU nur noch bis Ende November reichen würden. Diese Problematik könnte also die Lieferkettenengpässe in der Industrie im Allgemeinen und im Automobilsektor im Besonderen verschärfen und die Konjunktur belasten.

Diese Probleme seien bei Bitcoin nicht unmittelbar zu befürchten, auch wenn der Preisanstieg auf zeitweise 66.000 US-Dollar pro Bitcoin bedeute, dass der Energieverbrauch zum Schürfen dieser Kryptowährung noch zunehmen werde. Dass China das Mining-Verbot von Kryptowährungen durchgesetzt habe, habe auch mit dem Stromverbrauch des Bitcoin-Schürfens zu tun.

Derweil werde gemutmaßt, ob der Rücktritt von Jens Weidmann von seinem Amt als Bundesbankpräsident und EZB-Mitglied einen Einfluss auf die Politik der EZB habe. Ein Nachfolger bzw. eine Nachfolgerin - Isabel Schnabel oder Claudia Buch seien beispielsweise im Gespräch - sei noch nicht bekannt. Zunächst sinke aber mit dem Abtritt von Weidmann die ohnehin geringe Zahl der Falken in der EZB. Weidmann habe noch Klaas Knot aus den Niederlanden, Robert Holzmann aus Österreich, Frank Elderson aus Luxemburg und Madis Müller aus Estland auf seiner Seite gewusst. Die anderen 20 Mitglieder seien eher als Tauben
oder als neutral einzustufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB schon im kommenden Jahr die Zinsen anhebe, sei mit dem Rücktritt Weidmanns noch weiter gesunken. De la Rubia erwarte erst zur Mitte 2023 einen ersten Zinsschritt.

Beim EU-Gipfel in Brüssel werde es unter anderem um die Energiekrise gehen. Hier gebe es von Seiten Frankreichs und Spanien Bemühungen, die Krise mit Hilfe von EU-Maßnahmen zu lösen, man fürchte offensichtlich gewalttätige Proteste in diesen Ländern aufgrund steigender Energiekosten. In Frankreich sei man unzufrieden, weil man eigentlich günstig Atomstrom erzeuge, aber durch den liberalisierten Energiemarkt die Strompreise überall in der EU steigen würden, also auch in Frankreich. Auf den ersten Blick sei dies verständlich, auf den zweiten Blick aber kurzsichtig. Bei einer Hitzewelle im Jahr 2003 etwa habe der Atomanlagenbetreiber EDF mehrere Meiler vom Netz nehmen und Strom aus dem Ausland kaufen müssen. In einem solchen Fall profitiere Frankreich von dem gemeinsamen Strommarkt.

Ansonsten werde es bei dem EU-Gipfel heute auch um Polen gehen, das darauf beharre, dass es sich nicht europäischen Recht unterzuordnen habe, obwohl genau das Teil der Europäischen Verträge sei, denen Polen zugestimmt habe. Hier gebe es erhebliches Konfliktpotenzial. Möglich, dass die Gelder aus dem New Generation Fund in Höhe von 38 Mrd. Euro Polen erstmal nicht zufließen würden.

Bei Evergrande laufe am Wochenende die so genannte grace period aus, d.h. das Unternehmen werde dann vermutlich offiziell als zahlungsunfähig eingestuft. Derweil hätten auch zwei andere Immobilienunternehmen in China ihrem Schuldendienst nicht leisten können. Insofern bahne sich hier vielleicht ein mehr oder weniger kontrollierter Dominoeffekt an, ein Risiko für die chinesische Wirtschaft.

Datenseitig sei in den kommenden Tagen auf die Schnellschätzung der PMI-Indikatoren aus der Eurozone und den USA zu achten (22.10.). Am Montag (25.10.) erscheine der ifo-Index, der mittlerweile drei Mal hintereinander gesunken sei. Das GfK-Konsumentenvertrauen in Deutschland (27.10.), die Arbeitslosenzahlen aus Deutschland, zusammen mit den Inflationszahlen (28.10.) sowie die erste Schätzung für die BIP-Entwicklung im dritten Quartal in den USA (28.10.) sowie Deutschland, Italien und Spanien (29.10.) stünden ebenfalls auf der gut gefüllten Agenda. (21.10.2021/alc/a/a)